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+++ 15.12.2017 +++

Thema Mentorenarbeit

Die größte Herausforderung ist es, unseren eigenen Lehrplan zu erstellen

Li Zewu ist der erste Lehrer in China, der sich der Waldorfpädagogik verschrieben hat und arbeitet seit 2004 an der Schule in Chengdu. Als Mentor war und ist er an der Entstehung vieler weiterer Waldorfschulen in China beteiligt. Für den Rundbrief der Freunde der Erziehungskunst berichtet er von seinen persönlichen Erfahrungen als Lehrer und Mentor.

Der erste Waldorf-Klassenlehrer in China zu sein, ist wirklich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits empfand ich diese Einsamkeit über mehrere Jahre keine anderen Lehrer zum Austausch zu haben. Obwohl ich davor zwölf Jahre Lehrerfahrung an öffentlichen Schulen gesammelt und im Ausland studiert hatte, war ich blutiger Anfänger. Andererseits konnte ich mit vielen neuen Konzepten experimentieren. Ich konnte meine Fehler machen und Schritt für Schritt daraus lernen.

All die Unterstützung in diesen frühen Jahren weiß ich sehr zu schätzen – ich erhielt sie vor allem von Helfern aus dem Ausland, wie Ben Cherry aus Australien und Benno Nijhuis aus den Niederlanden. Ich konnte aus eigener Anschauung lernen, was Lehrer brauchen, die sich auf solch einen neuen Weg begeben.

Selbst Mentor zu werden, war deshalb ein natürlicher Übergang nach mehreren Jahren meines Waldorf-Lehrer-Seins. Ich fing an, neuen Klassenlehrern an unserer Schule Vorschläge zu machen und Rat zu geben. Objektiv betrachtet sah ich das nicht als Mentorierung an, sondern vielmehr als kleine Unterstützung. Ich begann dies häufiger zu tun, als die Anzahl der Klassen an unserer Schule in Chengdu wuchs und immer mehr Schulen in China gegründet wurden. Aktuell gibt es ungefähr 70 Schulen in ganz China. Deshalb liegt es auf der Hand, dass Mentoren oder genauer gesagt, dass meine Zuwendung gebraucht wird.

Ungefähr zehn Jahre lang war ich Klassenlehrer und jetzt konzentriere ich mich auf den Geschichtsunterricht in der Oberstufe sowie auf die allgemeine Schulführung an der Waldorfschule Chengdu. Ich würde mich jedoch gerne mehr auf die Arbeit als Klassenlehrer konzentrieren, denn das ist die Grundlage Kindern zu helfen und das ist ausschlaggebend für das Überleben einer Schule.

Ich habe so viele Schulen als möglich in China besucht – vom äußersten Norden Chinas, nahe Korea, bis zum tiefsten Süden, nahe Hong Kong, und in Hong Kong selbst; von den ganz östlichen Gegenden, bis zu den westlichen Städten. Es gibt einige erhebliche Unterschiede zwischen den von mir besuchten Schulen. Die Klassengrößen variieren zwischen der kleinsten mit nur zwei Schülern, bis zur größten mit fast 30 Schülern. Manche Klassen haben fast nur Jungs, manche haben fast nur Mädchen. Manche Klassenzimmer sind ganz enge Räume in Wohnhäusern, manche sehen aus wie in einem schicken Hotel. Die Situation ist so, weil diese Pädagogik noch in den Anfängen steckt. Alles ist neu – brandneu. Die Eltern und Lehrer sind unglaublich mutig ihre Kinder auf diese Schulen zu schicken und sie auf diese neue Weise unterrichten zu lassen. Wir nennen das ESS – Education Self-Surviving (Bildungsselbsthilfe). Die Eltern haben viele Bedenken wegen des wettbewerbsorientierten Bildungssystems in den Regelschulen, das hauptsächlich mit Angst arbeitet und nur ein einziges Ziel hat: Gaokao, die Aufnahmeprüfung für die chinesische Universität.

Als Mentor an den Waldorfschulen mache ich hauptsächlich drei Dinge: Die Klasse zu besuchen und den Lehrern, deren Unterricht ich beobachtet habe, Feedback zu geben; den führenden Lehrern – meist sind das die Gründungslehrer und -lehrerinnen – Vorschläge zu machen und Diskussionen mit dem gesamten Lehrerkollegium zu führen.

Wenn ich das Klassenzimmer besuche, kann ich die Klassensituation und die Methodik der Klassenlehrerinnen direkt einschätzen, die Beziehung zwischen Schülerinnen und Lehrerin sehen sowie das Verhältnis der Schüler untereinander. In den unteren Klassen lieben die Schüler ihre Lehrer innig; die Lehrer haben so hart an der Klassenführung und dem Lehrinhalt gearbeitet und ich würde sagen, sie haben sich die Liebe der Schüler wirklich verdient.

Es gibt viele noch in Ausbildung befindliche Lehrer und Lehrerinnen. Weil ESS dringend gebraucht wird, müssen sie ihre Bildungsideen und -ideale in die Tat umsetzen – und danach streben sie wirklich. Der zu vermittelnde Inhalt orientiert sich an einem internationalen Lehrplan, aber mit Ergänzungen besonders in den Sprachen und in Geschichte. Die größte Herausforderung ist es unseren eigenen Lehrplan zu entwickeln; das ist nicht einfach. Bei der Einarbeitung chinesischer Inhalte in einen westlichen Stundenplan geht es um das Wie und Warum. Und dann müssen wir noch tiefer gehen – wie entwickelt sich Bewusstsein in China und geschieht dies ähnlich wie im Westen? Oder wie können sich chinesische Inhalte an den Bedürfnissen der Kinder orientieren? Ich habe sicher einen Vorteil gegenüber ausländischen Lehrern, denn ich bin von hier und verstehe die Kultur, denke ich. Es ist eine Herausforderung chinesische und internationale Inhalte miteinander in Einklang zu bringen. Entweder ist der Stundenplan zu international und zu wenig chinesisch ausgerichtet oder umgekehrt.

Da die meisten Lehrer in der Anfangszeit der Waldorfbewegung in China unerfahren waren, gab es hauptsächlich zwei Ansätze. Die einen meinten, dass Waldorf bedeutet, Dinge frei zu tun, ein glücklicheres Schulleben zu schaffen, Feste zu feiern, zu singen, Eurythmie zu machen, keine Hausaufgaben zu haben und so weiter; im Gegensatz dazu stand das systematische Lernen wie an öffentlichen Schulen, das die Schüler mit Materialien überfrachtet, Informationen, Hausaufgaben und noch mehr Hausaufgaben. Ich stellte fest, dass die Lehrer, die ich besuchte, zwischen diesen zwei Systemen hin und her gerissen waren. Mein Ziel war es zu sehen, was die Schüler und Schülerinnen in der Stunde wirklich lernen und was die Lehrerin innerhalb der Klasse anstoßen konnte. Ich wollte sehen, wie Denken, Fühlen, Wollen sich im Prozess entfalten.

Es gibt eine große Lerntradition dieser Nation, die sich DuJing nennt – das klassische Lesen. Gelehrte wie Kong Zi (Konfuzius) und Laozi wollten das Lesen klassischer und altertümlicher Literatur fördern und dadurch unsere alte Kultur retten. Ohne Zweifel müssen wir uns damit auseinandersetzen, aber der Trend führt dahin, die Kindesentwicklung und den ganzheitlichen Ansatz der Schulfächer außer Acht zu lassen. Einige Lehrer, mich einbezogen, forschen zu dem Thema. Wir haben noch nicht viel erreicht bis jetzt, aber wir werden Ergebnisse erzielen, da uns die Anthroposophie sehr nützliche Möglichkeiten gibt.

Bei Unterrichtshospitationen kann man auf direkte Weise die Klasse und ihre Lehrer beobachten, aber es gibt viel dabei zu beachten und es kann kompliziert werden. Meistens sehe ich nur einen Teil, denn die Zeit ist immer knapp und ich erlebe den Lehrer nicht in der Stetigkeit des Unterrichtens. Also vereinbare ich immer mehrere Gespräche, diskutiere Unterrichtsvorbereitungen und Allgemeines mit ihnen und mit anderen Kolleginnen an der Schule. Das hilft. Wir sind Lehrer und wir werden schnell einsam, besonders die neuen Lehrer. Zu Beginn ihrer Karriere brauchen sie Ermutigung und Beistand, also müssen wir uns gegenseitig warmherzig unterstützen. Mein Vorteil ist hier wieder, dass ich die Sprache der Lehrer spreche und so verstehe, was sie durchleben.

Mit den Gründungslehrerinnen ins Gespräch zu kommen ist ebenfalls hilfreich. Bildung hängt immer von Menschen ab. In China besonders stark, meiner Meinung nach. Die Sozialstruktur befindet sich gerade noch im Umbruch, deshalb müssen die Schulen sich dynamisch in die Gesellschaft einfügen. Die Schulgründerinnen übernehmen zu Beginn und für eine geraume Zeit danach eine enorme Verantwortung. Sie müssen immer zur Verfügung stehen, die ganze Situation und konkret andere Lehrerinnen im Blick haben. Dabei kann ich vermitteln, da ich Erfahrung darin habe.

Ich denke, es ist sehr nützlich mit der gesamten Schule zu arbeiten. Ich kann die Schwingung der Schule einschätzen und offen über jegliche Probleme sprechen. Ich kann helfen, gewisse Streitpunkte zu überwinden und diese aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich nutze die Zeit auch um die geleistete Arbeit einmal objektiv zu betrachten. Diejenigen Lehrerinnen, deren Klassen ich besucht habe, können die Möglichkeit nutzen und sich mutig reflektieren.

Ich habe in Hong Kong als Mentor gearbeitet. Hongkong ist ein Ort mit einem sich ständig wandelnden Geschäfts- und Kulturleben, der aber auch um seine eigene Identität ringt. Es gibt dort bislang zwei Waldorfschulen. In der einen wird im Unterricht Englisch gesprochen , in der anderen Kantonesisch, das ich leider nicht verstehe. Beide Schulen brauchen Hilfe in chinesischer Geschichte und Mandarin. Ich gebe mein Bestes, sie mit Lehrmethoden und Materialien für diese Fächer zu versorgen.

Indem wir miteinander kommunizieren und kooperieren machen wir erstaunliche Fortschritte.

Bei meiner Mentorenarbeit verschreibe ich immer ein paar „Pillen“ als Vorschläge: Beschäftigen Sie sich mit Kindesentwicklung und der chinesischen Kultur, aber das Wichtigste ist, beschäftigen Sie sich mit Steiners Gedanken zur Pädagogik und deren Entstehung. Wir haben großes Glück einige gute Übersetzungen von Steiners Werken aus dem Deutschen ins Chinesische zu haben und ich bin stolz, Teil dieser Arbeit gewesen zu sein. Es leuchtet immer ein Licht, das uns inspirieren kann.

Es ist schön, den Fortschritt der Lehrerinnen und Lehrer zu sehen, denen ich zuvor geholfen habe. Zu sehen, wie sie wachsen, ihre Art zu unterrichten ändern und wie sie an ihrer Selbstentwicklung arbeiten. Ich habe viele Freundschaften geschlossen während meiner Arbeit an den verschiedenen Schulen. Im chinesischen Buch der Lieder gibt es ein Zitat in klassischem Chinesisch:

Der Nordwind kalt und seufzend
Treibt Regen und Schnee vor sich her
Freunde, mit Liebe und Zuneigung
Lasst uns gemeinsam vorangehen, Hand in Hand

Es ist eine große Herausforderung die Waldorfpädagogik in China zu etablieren, da die Umgebung, der wir begegnen, kälter und isolierter erscheint als im Rest der Welt. Aber was für eine tolle Aufgabe gehen wir an! Die Augen der Schüler funkeln wie Sterne, das Ziel ist gesetzt, ihr Leuchten weist uns die Richtung. Ja, wir müssen zusammenhalten und die Hindernisse, auf die wir treffen, welche es auch immer es sein mögen, überwinden oder verändern. Und Freunde, wir werden es schaffen!

Li Zewu mit Miranda Skelton (aus dem Englischen von Sara Blum)

Dieser Text erschien in "Rundbrief - Waldorf Weltweit", Ausgabe Herbst 2017/Winter 2018, S. 27-29

Tags: waldorf weltweit mentoren mentorenarbeit rundbrief

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