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Wenn es wie eine Schule gestaltet ist...

Besucher der Little Yarra Steinerschule bemerken die Schönheit dieses Ortes, seiner Gebäude und der umliegenden Hügel. Aber was ist daran besonders? Wir glauben, es ist wichtig, dass eine Schule schön ist ...

Fragen tauchen auf. Hilft die physische Schönheit der Schule in irgendeiner Weise, die für die Erziehung von Kindern relevant ist? Wie gibt der Raum dem, was in der Schule geschieht, Form? Wie macht die Architektur die Schule zu einer Schule?

Um solche Fragen anzupacken, sucht man natürlich nach Vergleichen. Was heißt es, von der Schönheit eines Ortes getroffen zu werden? Wo ist mir dies zuvor begegnet? Vielleicht denken wir zuerst an die Schönheit natürlicher Örtlichkeiten – dem Großen Barriereriff, den Alpen, dem Grand Canyon. Oder aber an Bauten wie Mt. San Michel an der Küste der Normandie, den Platz von San Marco in Venedig, die Akropolis.

Vom Geheimnis der Schönheit

Stellen Sie sich vor, Sie würden eine der großen Kathedralen zum ersten Mal besuchen. Sie nähern sich der reich dekorierten Fassade, durchschreiten den gewölbten Eingang und betreten die durchlichtete Dunkelheit des Inneren, wo das Tageslicht durch die großen Fenster in den massiven Steinmauern fällt und der Klang in den Gewölben sowohl vervielfacht zu werden als auch verloren zu gehen scheint. Vergessen Sie alle religiösen Assoziationen, jede Geschichte, von der die ausgetretenen Steine sprechen. Was bleibt, ist eine kraftvolle Empfindung des Ortes. Die Kathedrale zieht Sie in ihre Gegenwart. Sie wurde als ein heiliger Ort gestaltet und erhebt Ihren Geist. Sie werden ihre Schönheit gewahr und werden sich daran erinnern.

Schönheit beharrt auf ihrer Anwesenheit. Sie kann Sie wachrütteln. Little Yarra ist nicht eine große Kathedrale, aber hat in gewissem Maße ebenfalls diese Fähigkeit, Ihren Geist aus den Sorgen des Alltags herauszuführen und Sie dazu zu erwecken, an diesem Ort und zu dieser Zeit präsent zu sein.

Dies ist es, was viele Menschen erleben, wenn sie zum ersten Mal kommen. Natürlich schweben wir hier nicht täglich in einer mönchsartigen Ruhe. Ebensowenig verbringen die Kinder dreizehn Schuljahre in schüchterner Verwunderung. Und dennoch hat die Schönheit eine Wirkung, nicht zuletzt im Rückblick.

Zusammen mit den Schlupfwinkeln und Verstecken unserer Kindheit ist die Schule der vertraute Ort unseres Heranwachsens. Die Grundlagen, die wir legen, werden in diesem Kontext gelegt. Wenn wir jene Jahre, in denen wir zu einem Verstehen der Welt und unserer selbst heranwachsen, an einem Ort verbringen, wo die Welt schön ist, dann ist die Welt für uns tatsächlich schön. Der Reichtum dieses grundlegenden Ortes wird uns begleiten und uns das ganze Leben hindurch ernähren.

Wer von uns die Staatsschule besucht hat, wird die Schule vielleicht auch einmal gewechselt und die gleichen Gebäude wiedererkannt haben – die gleiche Schule und doch nicht die gleiche Schule. Doch die Begegnung mit der institutionellen Natur des Schulsystems geht viel weiter. Jedes Jahr brachte die wiederkehrend gleiche Gestaltung der einzelnen Klassenräume, den „Komfort“ exakter Wiederholung, und die langweilige Wiederholung dessen, was wir im Jahr zuvor gelernt haben sollten, verzögerte endlos den Fortschritt in Richtung auf unsere schließliche Entlassung als ein Jemand, der nun seinen Platz in der industriellen Maschinerie einnehmen kann.

Jeder, der eine Waldorfschule besucht hat, wird an den Gebäuden von Little Yarra auch etwas „Steinerisches“ erkennen. Und dennoch ist der Ort ganz individuell, ist jeder Raum individuell. Wer an seine Schulzeit hier zurückdenkt, wird sich an die einzigartige Qualität der jeweiligen Orte erinnern.

Weisheit in der Architektur

Doch einzigartig und schön zu sein, ist nicht genug – es muss eine Schule sein. In dieser Hinsicht ist das Zusammenspiel zwischen Innenraum und äußerer Welt essentiell. Der Zweck eines Klassenraumes ist der Fokus auf das, was in diesem Raum passiert. Dies heißt nicht, dass man sich in Klassenräumen von der Welt abgeschnitten fühlen sollte, ihre Architektur kann jedoch die fokussierte Aufmerksamkeit auf das Geschehen innerhalb des Raumes unterstützen. So sind Fenster insbesondere in der Grundschule eher hoch und erfassen den Himmel oder die Pflanzen um das Gebäude, nicht dagegen jede Aktivität rundherum.

Schwellen sind auch wichtig. Vorräume wie Garderoben wirken als Übergangsorte, wo Kinder ihr mehr ungestümes Verhalten zusammen mit ihren Mützen und Schuhen ablegen können. Und als Luftschleuse helfen sie, die Wärme des Klassenraumes zu bewahren.

Eine der ungewöhnlicheren Eigenheiten von Little Yarra sind die Pavillons. Die Klassenräume sind voneinander getrennt, Doppel-Räume für Kindergarten bis Klasse 6 liegen in einer Kurve nebeneinander. Von Jahr zu Jahr zieht jede Klasse in einen neuen Raum. In dieser Weise bringt die Schule das Wachstum der Kinder auch äußerlich zum Ausdruck. Wenn die 12.-Klässler ihren Abschluss machen, rekapitulieren sie diese Reise, indem sie jeden Raum noch einmal besuchen. So erinnern sie sich an die Schule als ein Individuum, als Little Yarra Steiner School. Man sieht die individuellen Klassenräume als das, was sie immer schon waren: Übergangspunkte, Räume, die man für eine Weile bewohnt und dann wieder verlässt. Und es war auch immer klar, dass es einen letzten Raum gibt, nach dem man als junger Mensch in die Welt entlassen wird...

Die individuelle und schöne Ästhetik der Schule stellt sich auch der Ästhetik der Konsumgesellschaft entgegen. Sie bildet einen Kontrast zu den dominanten kommerziellen Räumen in unserer Gesellschaft. Diese Räume haben, vor allem wenn sie Treffpunkte für Kinder und Jugendliche sind, ein defensives Design. Sie haben harte Oberflächen und sind hell erleuchtet, um Zerstörung und Vandalismus zu widerstehen. Ihre daraus resultierende Armseligkeit jedoch ist eine Provokation, die im besten Fall dazu führt, dass man solche Orte nicht pflegt, im schlimmsten Fall, dass man sie beschmiert und verunstaltet.

Unsere Schule dagegen bietet Ruhe, „Weichheit“ und Rückzugsgelegenheiten. Die Ästhetik der Schule zeigt eine gewisse Verletzbarkeit, aber die Fälle von Vandalismus und Graffiti, die wir haben, kommen fast immer von Außenstehenden.

Wenn wir auf diese Weise über Bau und Gestaltung der Schule nachdenken, ist es evident, dass dies als unterstützender Hintergrund wirkt. Die Anordnung von Möbeln im Raum hat so viel Einfluss wie die Gestalt und die Farbe des Raumes – gerade Tischreihen, die auf den Lehrer ausgerichtet sind, haben eine andere Sprache als ein Kreis oder individuelle Arbeitsstationen.  Es ist natürlich auch essentiell, dass es Raum für freies Spiel gibt. Insgesamt haben wir die Schule also gebaut, damit sie funktional und schön ist – und das Leben der Schule nimmt seine eigene Dynamik.

Entwicklung des ästhetischen Urteils

Welche Wirkung die Ästhetik hat, kann man erkunden, wenn man beobachtet, wie die Schüler sich in den oberen Klassen anziehen. Einerseits wird man mehr und mehr individuelle Stile finden, weil diese älteren Schüler damit experimentieren, welche Kleidung zu ihnen passt und ihre Individualität ausdrückt. Zugleich gibt es einen „Steiner-Look“, dessen sie sich bewusst sind und den sie auch kommentieren. Er erlaubt ihnen, ein Teil der Schule zu sein und sich von den dominierenden Moden der Jugend auf den Straßen zu unterscheiden – und ist offen genug für individuelle Interpretation.

Auch im Musikunterricht etwa geht es darum, in den Schülern eine Wertschätzung der Musik zu entwickeln, so dass sie – wenn sie dem musikalischen Trommelfeuer, das die heutige Kultur durchtränkt, ausgesetzt sind – Musikalität würdigen und Qualität unterscheiden können, welche Musikrichtung auch immer sie dann wählen.

Aber Schönheit hat auch ihre negativen Assoziationen, die beachtet werden müssen. In poetischen Imaginationen werden Tod und Schönheit oft miteinander verbunden. Wir können uns in der Gegenwart von Schönheit unbehaglich fühlen – wie eingeschränkt durch Stehkragen und Sonntagskleidung, die zu gut ist, um schmutzig gemacht zu werden. Die Schönheit müsste in ihre perfekte Nase gezwickt werden, aber wir wagen es nicht. Diese Hemmung ist nicht jene, die wir vielleicht einer herausfordernden Autorität gegenüber fühlen, denn wenn wir Schönheit erkennen und verunstalten, erniedrigen wir nur uns selbst. Schönheit ist jenseitig und nicht geschaffen für den Kompromiss, den einfachen Gebrauch, die praktische Notwendigkeit des Alltagslebens.

Diese Hemmnisse angesichts der Präsenz von Schönheit führt vielleicht zu der Sorge mancher Eltern, die fürchten, dass die Schule ein Hafen sei, der die Schüler vor der Welt beschütze und auf diese Weise riskiere, sie einst naiv, verletzlich und unvorbereitet zu entlassen.

Es reicht nicht zu sagen, dass die Schule weder in sich selbst ein perfekter Spielplatz unschuldiger Kinder ist, noch so sicher von der Welt abgeschlossen, wie es diese Sorge suggeriert. Nein, es ist wichtig zu sehen, wie die Ästhetik der Schule in positiver Weise als eine Vorbereitung auf die Welt wirkt. Der Begriff des pharmakon kann hier hilfreich sein. Von diesem Wort stammt unsere „Pharmazie“, aber für den alten Griechen meinte es Medizin und Gift gleichermaßen.

Man kann die Ästhetik der Schule als ein wirkendes pharmakon ansehen. Wenn sie zu sozialen Sanktionen gegen Abweichung und zu sklavischer Konformität führen würde, wäre ihr giftiger Aspekt evident. Wenn sie jedoch dahingehend wirkt, eine Basis für Unterscheidungsfähigkeit zu schaffen, und so ein Selbstvertrauen schafft, um persönliche Entscheidungen zu treffen, statt nur auf die Moden des Marktes zu reagieren, dann erweist sie sich als „Prophylaxe“.

Um dies zu tun, darf die Schule ästhetische Entscheidungen nicht bestimmen, sondern muss sie ermöglichen. Die alten Griechen hatten auch die Vorstellung, dass der bloße Anblick von etwas den Betrachter in Stein verwandeln konnte. Dies drohte Perseus durch Medusa, aber er kehrte es gegen sie selbst, indem er ihr einen Spiegel entgegenhielt. Die Ästhetik einer Schule gibt gegenüber den Bildern einer unheilvollen Welt einen gewissen schützenden Freiraum, aus dem heraus man den äußeren Kräften, die einen lähmen und überwältigen wollen, etwas entgegensetzen kann.

Die Ästhetik der Schule ist nicht Schönheit (großgeschrieben), sondern die Schule hat Schönheit. Als solche schafft sie einen Kontext für die Übung eines sich entwickelnden ästhetischen Sinnes. Die Kinder haben auf diese Weise einen Schutz, einen Schild, der als Spiegel gegen die Medusa benutzt werden kann. Indem er verhindert, dass alles zu Stein wird, ermöglicht ein entwickelter ästhetischer Sinn das Spiel der Imagination. In dem von diesem Spiel geschaffenen Raum entsteht die Möglichkeit der Unterscheidung.

Wenn das Curriculum einer Schule eine Erziehung zur Freiheit zum Ziel hat, trägt die Schule als ein schöner Ort das seine dazu bei.

Jim Taylor (übers. hn)