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Zerstörung wohin das Auge reicht

Wirbelstürme auf San Andres und Providencia (Kolumbien)

San Andres und Providencia sind zwei Inseln in der Karibik, die zu Kolumbien gehören. Schon oft haben Wirbelstürme diese Inseln heimgesucht. So auch dieses Jahr im November. Zuerst war es ETA der mit voller Wucht vor allem Nicaragua traf, aber in San Andres und Providence nur wenige Schäden hinterließ. Nur zwei Wochen später kam IOTA und dieser hatte es für San Andres und Providence in sich. Providencia wurde komplett zerstört. Die gesamte Insel und die kleine Nachbarinsel Santa Catalina wurden über Nacht im wahrsten Sinne des Wortes weggefegt.

Eine Woche nach diesem Ereignis erhielt ich eine E-Mail der Organisation Help2Oceans, die uns bat zu kommen, um mit den Kindern vor Ort zu arbeiten. Gehört hatten sie von der Notfallpädagogik über Verwandte in Cali, die dort ihre Kinder in einer Waldorfschule haben. Innerhalb von 10 Tagen begannen mein Kollege und ich, einen Einsatz vorzubereiten, zusammen mit Kollegen aus Kolumbien.

Am 7.12. war es dann soweit: eine Ärztin aus Berlin, mein Kollege und ich saßen im Flieger nach Bogota, wo wir das Team trafen, mit dem wir dann weiter nach San Andres flogen. Am ersten Tag standen vor allem organisatorische Fragen an. Die Idee war, dass ich mit einer Kollegin aus Kolumbien am nächsten Tag weiter nach Providence reisen würde, um dort die Situation zu evaluieren und eine mögliche Arbeit zu organisieren. Es war vorab sehr herausfordernd, das zu organisieren, da Telefon- und Internetverbindung zur Insel sehr schlecht sind. Der Rest des Teams bereitete sich für die Arbeit mit Kindern in San Andres vor.

Da es unmöglich war, einen Flug für den nächsten Tag zu finden und es auf der Insel auch an allem fehlt -inklusive Wasser- war klar wir würden mit einem Boot nach Providence weiterfahren. Am nächsten Morgen um 5 Uhr ging es los. Da nicht klar war, was es an medizinischer Versorgung vor Ort geben würde, hatte ich mir von der Ärztin noch ein kleines Erste Hilfe Set mitgeben lassen.

Am Boot angekommen, gab es für alle eine Tablette gegen Reiseübelkeit. Die Überfahrt sollte unter normalen Wetterverhältnissen 3 Stunden dauern, leider waren es keine normalen Wetterverhältnisse, sondern äußerst schlechte. Selten habe ich mich so elend gefühlt.

Nach Ankunft wurde uns schlagartig klar, wie übel der Wirbelsturm tatsächlich gewesen war. Vor uns erstreckte sich eine braune hügelige Landschaft und Zerstörung wohin das Auge reichte: Bäume, Palmen, alles lag kreuz und quer und zwischendrin lauter kaputte Häuser. Eigentlich sah es aus, als ob ein riesiger Panzer einmal über diese kleine Insel gefahren wäre. Manch zerstörtes Haus sah aus wie ein zerbombtes Überbleibsel, wie ich sie im Irak und Gaza gesehen hatte.

Auf der Ladefläche eines Lieferwagens fuhren wir, mit einigen anderen Inselbewohnern, vom Hafen zu einer Freundin von meiner Kollegin, bei welcher wir wohnen durften. Ein Ehepaar mit Kind war mit dabei, die nach dem Sturm nach San Andres geflohen waren und nun zurückkehrten. Es war ein recht beklemmender Augenblick, als sie abstiegen und zu dritt auf ihr völlig zerstörtes Haus starrten. Wie angeklebt blieben sie stehen und bewegten sich nicht vom Fleck.

Wir fuhren weiter zur Freundin meiner Kollegin. Bei ihnen war der Garten komplett verwüstet, alle Kokospalmenlagen lagen kreuz und quer im Garten am Boden, alle Pflanzen und Kräuter waren weg. Das Dach hatte es abgezogen, sie hatte aber mit Hilfe ihres Freundes schon wieder ein provisorisches Dach draufsetzen können und war so in der Lage, das Haus zu retten. Viele hatten ihre Dächer verloren, waren aber nicht in der Lage, ein Provisorium zu installieren. Mit dem anhaltenden Regen alle paar Tage wurde also auch die Hoffnung, die Häuser zu retten, immer geringer.

Mit im Haus wohnt eine 74-ährige Neuseeländerin, die seit 40 Jahren hier lebt. Sie hatte sich im Sommer den Traum eines eigenen Hauses erfüllt. Ganze sechs Wochen hatte sie in ihrem Haus, das sie nach und nach renoviert hatte, wohnen können. In der Nacht des Sturmes ging sie nachts um 2 Uhr in das unterste Zimmer. Ihre Nachbarn kamen auch dazu. Um 3 Uhr nachts fiel das ganze Haus über ihnen zusammen. Daraufhin floh sie vor die Tür und kauerte sich für 6 Stunden hinter eine Treppe. Völlig hypotherm und doch am Leben, kam sie ohne Schramme davon. Heute freut sie sich, dass sie noch ein paar Fotos von früher hat. Viele Menschen hatten sich während des Sturms im Badezimmer versteckt, da es oft das einzige Betongemäuer im Haus war.

Angesichts der verheerenden Zerstörung wirkt es wie ein Wunder, dass von ca. 5000 Bewohnern der Insel nur 2 Menschen ums Leben kamen. Obwohl viele die unglaublichsten Geschichten erzählen, wie sie im Sturm von einem Haus zum nächsten zogen, weil die Häuser über ihnen zusammen fielen, trotz der Gefahren bei so einem Wirbelsturm, in welchem Blechdächer und andere schwere Gegenstände durch die Luft fliegen, haben alle anderen überlebt. Auch große Verletzungen gab es nicht. In Santa Catalina hatte es zu dem Sturm das Wasser in die Häuser getrieben. So hatten viele Menschen Stunden im Nassen verbracht und Ihre Kinder auf den Schultern getragen, um sie vor dem Ertrinken zu schützen.

Elektrizität und Wasser fehlten überall. Ich wurde mir wieder mal bewusst, wie wertvoll Wasser ist. Die ersten zwei Tage waren wir dann mit Meetings von verschiedenen Organisationen beschäftigt und schauten wo Kinder sind, die die Insel nicht verlassen konnten. Am nächsten Tag kamen drei Kollegen aus San Andres, die hier arbeiten würden.

Wir teilten uns in zwei Teams auf. Ein Team arbeitete in Santa Catalina mit den Kindern, die dort zurückgeblieben waren und das andere Team in einer Gegend, die sich Bottom House nennt, mit einer Familie, die ihren sehr jungen geliebten Großvater verloren hatten. Dieser wurde, als er im Sturm einer Familie die Flucht in die Kirche ermöglichte, selber von einer umstürzenden Mauer und vom aus den Bergen nach unten strömenden Wasser erfasst.

An den Nachmittagen arbeiteten wir mit Eltern und Sozialarbeitern. In Bezug auf die Eltern bestand unsere Aufgabe vor allem darin, ihnen einen Einblick zu ermöglichen, was ein Trauma ist und was sich nach einem traumatischen Erlebnis an Symptomen zeigen kann. Wir versuchten Ihnen verständlich zu machen, dass es normal ist, in einer abnormalen Situation sich selbst oder die eigenen Kinder nicht wiederzuerkennen. Außerdem zeigten wir ihnen Möglichkeiten auf, wie sie ihre Kinder, aber auch sich selbst, unterstützen können. Bei so einer Veranstaltung war ich unheimlich beeindruckt über die Resilienz der Inselbewohner, aber auch über ihre Offenheit, mit uns ihre Erlebnisse und ihre Angst und Sorgen zu teilen.

Ein Fischer mittleren Alters erzählte von seiner Betroffenheit und wie ihm in den ersten Tagen der Boden unter den Füßen wie weggezogen war. Er erzählte von den Mangobäumen, welche er mit seinem Großvater als Kind gepflanzt hatte, die nun alle kaputt waren. Er erzählte aber auch, wie er sich zuhause am wohlsten fühlte und auf See beim Fischen. Viele erzählten, dass sie am liebsten zuhause bleiben, weil sie es nicht aushalten, die Verwüstung auf der einst so grünen Insel anzusehen und Freunde zu treffen, denen es schlecht geht und die nur herumsitzen, nichts mehr tun können und wollen. Oft wird uns erzählt, dass das Materielle eigentlich kein Verlust sei, sondern dass die zerstörte Natur der eigentlich wirkliche Verlust ist.

Die Bewohner von Providencia sprechen und pflegen ihr Kreole, und eine zu Jamaika ähnliche Rasta Kultur, die jedoch laut den Bewohnern noch viel ursprünglicher ist, da die Insel noch viel geschützter war, nur wenig Ausländer dort leben und auch der Tourismus sehr gering gehalten wird. Jedoch war es lange Brauch, dass Lehrer aus Jamaika kamen, um vor Ort zu unterrichten und die Reicheren ihre Kinder für Bildung nach Jamaika sendeten. Reggae wird hier gerne und viel gehört, aber es gibt auch eigene lokale Musik.

Das kolumbianische Militär ist allgegenwärtig und hilft bei den Aufräumarbeiten. World Central Kitchen verteilt einmal am Tag Essen für alle Bewohner der Insel, inklusive aller die dort arbeiten und ermöglicht es so den Menschen, eine warme Mahlzeit zu erhalten. Jedoch ist die Insel so klein und das Elend so unbekannt, dass ihnen die Spenden fehlen. So sehen sie sich gezwungen, schon bald wieder zu gehen, sollte nicht die kolumbianische Regierung eintreten und die Kosten übernehmen.

IOTA  hat fast alle Häuser geraubt und noch heute lebt ein Großteil der Inselbewohner in Zelten. Eine Bewohnerin erzählte mir, dass sie sich früher, wenn sie zu Arbeit ging und noch nicht gefrühstückt hatte, auf dem Weg eine Mango oder Banane vom Baum pflücken konnte. All diese Ressourcen hat die Insel nun nicht mehr. Und auch wenn alle Spenden, wie Linsen und Bohnen sehr wertvoll sind, so kann sie doch kaum einer verwerten, weil es bei weitem nicht genug Gas zum Kochen gibt. Und während sie versuchen, sich mit Mundschutz etc. vor Corona zu schützen, so mangelt es hier an Wasser, um sich regelmäßig und vor allem ausreichend die Hände zu waschen.

(Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Fiona Bay, Notfallpädagogik-Koordinatorin)

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