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Ein Übergangsritus in den Outdoors

Wie wird man dem Bedürfnis junger Menschen nach wirklichkeitsgesättigten Erlebnissen gerecht? Die Rudolf Steiner Schule in Wellington (Neuseeland) entwickelte ein Camp – als eine Art „Initiation“ soll es für die 13- und 14-jährigen Schülerinnen und Schüler ein Tor in die Jugend sein.

Die Idee eines Camp entstand, als wir über Entwicklungsmöglichkeiten unseres Curriculums nachdachten. Alle Kollegen empfanden, daß praktische Erfahrungen stärker betont werden müßten, um den heutigen Jugendlichen (insbesondere den Jungen) gerecht zu werden – und einer Computer- und Video-Kultur zu begegnen, die das reale Leben zunehmend durch eine Scheinwelt ersetzt. 

Zunächst wollten wir den Achtklässlern eine Erfahrung ermöglichen, die sie den besonderen Punkt erleben ließe, an dem sie auf ihrem Weg durch die Schulzeit nun standen.

Vorbereitungen

Wir sprachen mit den Schülern über das geplante Camp und die Idee und hielten den Ort streng geheim. Im Unterricht behandelten wir nun einheimische Pflanzen, Orientierung mit Karte und Kompaß, sprachen über Landschaftsgestaltung – und vieles andere. Wir übten Erste Hilfe, den Bau kleiner Schutzorte, das Feuermachen und Techniken, um sicher einen Fluß zu überqueren.

Jeder Schüler stellte ein „Spielzeug“ als Zeichen für seine Kindheit her, das später im Wald feierlich verbrannt werden würde. Auf einem großen Blatt Papier malte jeder Bilder von wesentlichen Erinnerungen – und wurde sich so seiner Vergangenheit bewußter.

In den letzten Tagen und Wochen war die Klasse dann vollauf beschäftigt mit dem Kalkulieren, Kaufen und Packen von Vorräten, Testen der Zelte und Ausrüstung – und mit Teambildungs-Übungen und Mut-Spielen. Auf zwei anstrengenden Wanderungen in die nahen Wälder konnten gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt betont werden und sich vertiefen.

Die Reise beginnt

Dann kam der große Tag, und nach eineinhalb Stunden Fahrt setzte uns der Bus am Eingang des Tararua Forest ab. Die große Reise hinein begann... Vier zuverlässige Oberstufenschüler kamen als Helfer und positives Vorbild für die Jüngeren mit (und in der Tat waren „die Großen“ bald sehr beliebt).

Am Anfang standen die Überquerung einer schwankenden Hängebrücke und eine steile Kletterpartie mit schwerem Gepäck. Schon hier offenbarte unsere Vorbereitung ihre Früchte, als die schnelleren Schüler wieder zurückkehrten, um anderen zu helfen – von Beginn an entstand eine Stimmung starker Gemeinsamkeit. Nach mehreren Stunden erreichten wir unseren ersten Rastplatz.

Während der nächsten drei Tage überfluteten strömende Regenfälle manches Zelt. Doch mit allen Umständen zurechtzukommen, war ein Teil der Übung, und wir waren durchaus vorbereitet. Später hörten wir, daß andere Wandergruppen von Rettungsdiensten evakuiert worden waren!

Als sich das Wetter besserte, waren endlich weitere Aktivitäten möglich, so die „Nightline“: Jeder mußte einzeln einem langen Seil folgen – in der Dunkelheit und durch dichten Busch. Jede Nacht gab es Geschichten am Feuer. Und vieles mehr. Für einen Tag durften Jungen und Mädchen getrennt sich vom Lager entfernen und zur Nacht einen eigenen Biwak errichten. Beim Wiedersehen gab es dann viele Gespräche über Unterschiede und Gemeinsamkeiten...

Einmal sollten die Schüler den langen Weg zum Parkplatz zurückkehren, um neue Vorräte zu besorgen. Als wir nach eineinhalb Stunden eine Lichtung erreichten, war die Überraschung und Freude groß, als plötzlich (wie verabredet) die 11. Klasse auftauchte, und unseren Schülern die Vorräte entgegenbrachte!

Abschied von der Kindheit

Ein Höhepunkt des Camp war dann die feierliche Verbrennung der selbstgemachten Kindheits-Symbole. An dem dafür ausgewählten Ort wurde ein Bogengang aus Farn errichtet, der zu einer „Grab“höhle in der Erde führte und sorgfältig mit einer Spirale farbiger Blätter und Beeren geschmückt wurde. Einzeln gingen die jungen Menschen dann inmitten einer ernsten und würdevollen Atmosphäre diesen Weg entlang und legten ihr „Spielzeug“ in die Erde. Kein Wort wurde gesprochen.

Der andere Höhepunkt waren Briefe an die Eltern. Die Schüler sollten einen Platz suchen, wo sie jeweils allein waren und in Ruhe ihre Gedanken niederschreiben konnten: Ihre Dankbarkeit für das, was die Eltern ihnen bis jetzt gegeben hatten, Hoffnungen über ihre Zukunft – und Gedanken, wie ihre Eltern ihnen helfen könnten, ihre Ziele zu erreichen. Auch die Eltern schrieben in dieser Zeit einen Brief über die einzigartigen Qualitäten ihres Kindes und ihre Hoffnungen für dieses.

Am siebenten Tag kam die Zeit der Rückkehr. Der Weg ging über einen Paß und war kürzer als zu Beginn, bedeutete aber weitere 200 Höhenmeter. Hunger und Müdigkeit begleiteten das Ende unserer Initiations-Woche. Die Eltern waren gebeten, ihre Kinder in besonderer Weise zu empfangen – und taten dies mit Fahnen, Dekoration und der Empfangsmusik „Oh when the saints come marching in“. Nach einigen aus dem Herzen kommenden Ansprachen gaben Kinder und Eltern einander ihre Briefe und ein wunderbares Festmahl folgte.

Alle waren von diesem Camp tief beeindruckt. Der positive Geist, der sich in der Klasse entwickelt hatte, floß auch nach den Sommerferien förmlich greifbar durch das neue Schuljahr. – Inzwischen ist das Camp fester Bestandteil unserer Schule und wir arbeiten bereits an anderen Bereichen unseres Oberstufen-Curriculums...

Julian Thomson