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Alltag nach zwei Jahren Krieg

Nach Beginn der Angriffe auf weite Teile der Ukraine durch russische Truppen im Februar 2022 wurden die Freunde der Erziehungskunst auf verschiedenen Ebenen aktiv – unter anderem durch einen sofortigen Spendenaufruf, um Waldorfschulen, Waldorfkindergärten und Heilpädagogischen Einrichtungen in der Ukraine unterstützen zu können. Es folgte eine große Welle der Hilfsbereitschaft, durch die wir viel erreichen konnten. Nun hält der Krieg schon seit zwei Jahren an; und anlässlich dieses traurigen Jahrestages möchten wir Sie durch Berichte aus den Schulen und aus der notfallpädagogischen Arbeit über die aktuelle Situation in der Ukraine informieren.

Durch die große Hilfsbereitschaft unserer Spenderinnen und Spender und durch die Unterstützung von Stiftungen konnten wir allein im ersten Kriegsjahr etwa 1 Million Euro an Waldorfschulen, Waldorfkindergärten und Heilpädagogische Einrichtungen in der Ukraine weiterleiten und damit die Gehälter der in der Ukraine verbliebenen Waldorflehrerinnen mitfinanzieren. Außerdem konnten wir bei der Finanzierung des Baus von Schutzräumen helfen, die jede Schule vorweisen muss, um Präsenzunterricht durchführen zu dürfen. Im Jahr 2023 konnten wir noch einmal über 700.000 Euro für die Gehälter der Lehrkräfte und für weitere Aufgaben weiterleiten. Aber auch im Jahr 2024 ist die waldorfpädagogische Bewegung in der Ukraine weiterhin auf Spenden angewiesen.

Sophia Schule in Kiew: Trauma und emotionale Müdigkeit

Die Berichte von den Waldorfschulen in der Ukraine zeigen in aller Deutlichkeit, dass der Krieg nach zwei Jahren trauriger Alltag geworden ist. So auch an der 1997 gegründeten Sophia-Schule in Kiew. Aktuell werden 200 Schüler:innen in Präsenz unterrichtet und zusätzlich 110 geflüchtete Schüler:innen online. In einer E-Mail berichtet Serhiy Zabolotnyi von der Sophia-Schule:

Jeden Tag versuchen wir, den Kindern in unserer Schule ein normales Leben, regelmäßigen Unterricht und Fürsorge zu bieten. In den letzten Monaten ging die Zahl der online unterrichteten Schüler:innen auf 110 zurück, da einige Familien beschlossen haben, sich in anderen Ländern niederzulassen. Die allgemeine Stimmung der Familien im Ausland erfuhren wir während des Elterntreffens, das im Oktober online stattfand und an dem 50 Familien teilnahmen. Alle Familien und ihre Kinder teilten uns mit, dass sie unsere Schule vermissen. Etwa 50 Prozent der Familien planen, nach dem Ende des Krieges in die Ukraine zurückzukehren, 25 Prozent haben sich noch nicht entschieden und 25 Prozent haben sich bereits entschieden, in anderen Ländern zu leben.

Unsere Lehrkräfte tun ihr Bestes, um verschiedene Projekte und Klassenfahrten in sicherer Entfernung und an sicheren Orten zu organisieren, zum Beispiel einen Ausflug im Rahmen der Astronomie-Epoche der 7. Klasse. Die 8. Klasse untersuchte während ihres Umweltpraktikums Böden, Pflanzen und Tiere in den Wald- und Steppengebieten von Dnipro. Auch die 6. Klasse war an den Dnipro-Hängen unterwegs und untersuchte dort die Sedimentgesteine. Mit den Klassen 1 bis 3 unternahmen wir am Martinstag einen Laternenlauf. Leider muss ein großer Teil des Unterrichts wegen der Luftangriffe im Keller stattfinden. Es ist sehr schwierig, den Unterricht im Luftschutzkeller durchzuführen, vor allem, wenn eine große Klasse nicht in Untergruppen aufgeteilt ist. Die ständige Bedrohung ist für alle eine große Belastung. Manche Kinder sind traumatisiert, weil ihre Väter oder großen Brüder an der Front sind. Viele Lehrkräfte sind aufgrund von Stress und fehlender Feiertage müde und emotional erschöpft.

Wir danken Ihnen von Herzen für die Unterstützung unserer Schulgemeinschaft!

Sonnenhof in Kiew: Lebendige Kommunikation

Seit 2004 betreut das Zentrum für Heilpädagogik Sonyachne Podvirya (Sonnenhof) Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungsgraden. In den Wintermonaten gab es mehrere schwere Drohnenangriffe auf Kiew. Dennoch konnten der Unterricht sowie die Winterfeste zuverlässig stattfinden, wie uns die Schulleitung im Februar 2024 berichtete.

Während der drei Wintermonate setzte unser Zentrum seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen fort. Dank der finanziellen Unterstützung der Freunde der Erziehungskunst konnten wir regelmäßig Musikunterricht und Gesellschaftsspiele sowie die individuelle Förderung in Einzelsitzungen anbieten.

Die Wintermonate waren geprägt von festlichen Veranstaltungen. In diesem Jahr konnten wir wieder ein Adventgärtlein veranstalten, das im letzten Jahr wegen der massiven Stromausfälle nicht stattfinden konnte. Das Adventgärtlein gehört zu den stimmungsvollsten und beliebtesten Veranstaltungen im Jahreskreis. Melodische Musik, der Duft von Nadeln und Naturwachs, das sanfte Glühen der Kerzen umhüllten uns auf angenehme Weise. In diesem Jahr brauchten die Mitarbeitenden des Zentrums dieses Fest nicht weniger als die betreuten Personen. Wir alle freuten uns, mit dem Anzünden der Kerzen ein Stück Dunkelheit zu vertreiben. Doch am 29. Dezember kam es zu einem schrecklichen Bombardement, als Drohnen und etwa 30 Raketen auf Kiew abgefeuert wurden. Auch am 2. Januar und am 7. Februar kam es zu sehr heftigem Beschuss. Jedes Mal waren es mehrere schreckliche Morgenstunden, die vom Donner der Explosionen in der Luft und auf dem Boden erfüllt waren. Diese schrecklichen Tage hinterlassen ihre Spuren; und die Tragödie der Verluste an Menschenleben, der Verletzungen und der Zerstörungen berührt auf die eine oder andere Weise jeden in der Stadt.

Die Bedrohung durch die Raketen hat gelegentlich unsere Unterrichtspläne beeinflusst. Aber im Großen und Ganzen konnte der Unterricht regelmäßig stattfinden. Und da unsere Schützlinge lebendige Kommunikation brauchen, waren wir froh, dass wir den ganzen Winter über keinen Online-Unterricht geben mussten.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung und die Zusammenarbeit!

Waldorfschule in Dnipro: Unterstützung in schwierigen Zeiten

Die Waldorfschule in Dnipro wurde bereits 1995 gegründet. Die Millionenstadt Dnipro war schon zu Beginn des Krieges Ziel einiger Luftangriffe, bei denen Zivilist:innen starben. Trotz der kontinuierlichen Bedrohungslage gelingt es der Schule, einen verlässlichen Schulalltag durchzuführen. Im Februar 2024 berichtete uns die Schulgemeinschaft über die vergangenen Wintermonate.

Anfang Dezember war trotz des täglichen Luftalarms vor allem die Vorfreude auf Weihnachten zu spüren. Die Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen bereiteten die Adventsspirale vor und feierten sie. Am 1. Dezember veranstalteten die Schüler:innen der Oberstufe einen Kunst- und Tanzabend mit Musik, Tanz und Gedichten. Am 15. Dezember waren Kinder, Eltern und Gäste unserer Schule zum Weihnachtsmarkt eingeladen, um Geschenke für ihre Lieben zu kaufen oder zu basteln. Das akademische Vierteljahr endete traditionell mit einem Abschlusstreffen, bei dem jede Klasse das Gelernte präsentieren konnte. Dazu gehörten eurythmische Darbietungen, Gesang und vieles mehr.

In Vorbereitung auf Weihnachten wurde unter den Schüler:innen der Oberstufe eine kreative Gesangsgruppe aus Mädchen und Jungen gebildet, die im Dezember und Januar an den künstlerischen Veranstaltungen der Stadt teilnehmen durfte.

Die Schüler:innen der 10. Klassen haben in ihren Projektarbeiten ausgewählte mathematische Themen ausgearbeitet. Ende Januar präsentierten sie ihre Arbeiten. Leider mussten diese Präsentationen wegen des Luftalarms im Keller stattfinden.

Im Januar und Februar konnten wir einige inspirierende Gesprächsabende mit den Eltern veranstalten, zu denen wir auch Expert:innen eingeladen hatten. Die Themen waren unter anderem „Vertrauen und aufmerksames Zuhören“, „Waldorfpädagogik in Kriegszeiten“ aber auch „Weiterentwicklung des Physikunterrichts im 21. Jahrhundert“. Zusätzlich organisierte das Kollegium eine Reihe von Informationsveranstaltungen für Menschen, die sich für die Waldorfpädagogik interessieren und selbst Lehrkräfte werden wollen, und natürlich auch ein Vorbereitungstreffen für die Eltern der Kinder der zukünftigen 1. Klasse.

Liebe Freunde, wir alle sind Ihnen sehr dankbar für Ihre Mitarbeit an der Entwicklung der Waldorfpädagogik in der Ukraine und für Ihre Unterstützung in diesen schwierigen Zeiten!

Stupeni Waldorfschule in Odessa: Viel Unterricht im Keller

1992 wurde die integrative Waldorfschule Stupeni (Stufen) in Odessa gegründet. In einer E-Mail berichtete uns Natalia Lukyanchenko über die Arbeit der Schule in den Wintermonaten 2023/24:

Dieser Winter war nicht allzu streng. Es war so warm, dass wir relativ wenig heizen mussten. Das war eine Erleichterung für uns, denn die Heizkosten sind stark gestiegen. Zum Glück gab es auch keine Stromausfälle mehr – im Gegensatz zum letzten Jahr. Allerdings sind die Luftalarme nicht zurückgegangen, sodass die Kinder einen Teil ihres Unterrichts in den Luftschutzräumen verbringen.

In der Vorweihnachtszeit konnten wir viele schöne Stunden mit der Schulgemeinschaft verbringen. Die Kinder gingen durch die Adventsspirale, wir feierten Weihnachten, die jüngeren Klassen sangen Weihnachtslieder und die älteren führten ein Theaterstück auf. Wir veranstalteten auch einen Weihnachtsmarkt, auf dem die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und die Erwachsenen fröhlich plauderten und Geschenke für die Feiertage bastelten.

Der Elternklub traf sich regelmäßig, um Vorträge über die Waldorfpädagogik zu hören; und es wurde eine Reihe von Vorträgen für die Eltern der zukünftigen 1. Klasse organisiert.

Unsere Schüler:innen und Lehrkräfte nahmen an verschiedenen Wettbewerben teil, damit möglichst viele Menschen unser Lyzeum kennenlernen. Es ist schön, dass die Qualität unserer Leistungen und des Wissens unserer Schüler:innen in verschiedenen Wettbewerben von einer unabhängigen Jury hoch gewürdigt wird. Außerdem bilden sich unsere Lehrer:innen in Waldorfseminaren aktiv weiter.

Zur Zeit arbeiten wir im Kollegium intensiv daran, die Wege unserer Entwicklung zu verstehen. Es ist eine schwierige Zeit für unsere Schulgemeinschaft, aber wir suchen nach Möglichkeiten, die Situation zu verbessern.

Wir danken Ihnen sehr für Ihre finanzielle Unterstützung. Dieses Geld hilft uns, unsere Arbeit fortzusetzen und unseren Kindern eine Waldorfausbildung in Odessa zu ermöglichen.

Shkola Pokuttia in Horodenka: Der Weg wird von dem gemacht, der ihn geht

Schon kurz nach Kriegsbeginn wurde die Waldorf­schule in Horodenka zum Zufluchtsort für viele Familien aus der Ostukraine. Möglich wurde dies auch durch Spenden, die die Freunde der Erziehungskunst an die Schule weiterleiten konnten. Über die zweite Hälfte des vergangenen Jahres berichtet Yurii Shkremetka von der Shkola Pokuttia:

Wir haben das Schuljahr 2023/2024 mit zwei neuen Klassen begonnen. Die 8. Klasse besteht ausschließlich aus Kindern von Binnenvertriebenen, während die 1. Klasse fast nur aus Einheimischen besteht. Auch in den anderen Klassen gibt es neue Kinder. Wir freuen uns auch sehr, dass die Schule ein neues Fach hat: Bothmer-Turnen. Wie die Eurythmielehrerin kommt auch die Bothmer-Turnlehrerin einmal im Monat zu uns. Jetzt suchen wir noch eine gute Deutschlehrerin. Alle anderen Fächer sind so gut wie abgedeckt.

Unsere Gemeinschaft arbeitet weiterhin in viele Richtungen, um eine Bildungseinrichtung mit nachhaltiger Entwicklung, finanzieller Stabilität, einem qualitativ hochwertigen, kostenlosen Bildungsangebot, öffentlichem Vertrauen und starken sozialen Bindungen aufzubauen, die die Chance hat, eines der neuesten Kulturzentren in der Region und für die Zukunft der Ukraine zu werden. Wir sind uns bewusst, dass dies ein langer und schwieriger Weg ist, besonders in Zeiten des Krieges, aber wir folgen dem Motto „Der Weg wird von dem gemacht, der ihn geht“ und glauben aufrichtig daran. Außerdem haben wir viele gute Freunde in der Ukraine und im Ausland, die immer bereit sind, uns zu helfen und zu unterstützen, wofür wir unglaublich dankbar sind.

In den letzten Monaten durften wir viele schöne Feste erleben: die Einschulung, das Erntedankfest, das Laternenfest und St. Martin mit Ausflügen in die Stadt, dann die Adventsfeiern mit Adventgärtlein und vielem mehr. Auch einige Theaterstücke konnten aufgeführt werden und brachten die Schulgemeinschaft zusammen.

Neben vielen positiven Aspekten gibt es aber auch einen weniger erfreulichen, der die Schule in letzter Zeit belastet – die völlig fehlende Belüftung des Gebäudes mit allen negativen Folgen in Form von schlechter Raumluftqualität, hoher Luftfeuchtigkeit, Schimmel an den Wänden und natürlich einem oft schlechten Gesundheitszustand von Lehrern und Kindern und häufigen Erkrankungen. Das Problem gab es schon früher, aber mit dem Anstieg der Schülerzahlen in diesem Jahr und vor allem in der kalten Jahreszeit ist es kritisch geworden, sodass wir jetzt aktiv nach Möglichkeiten suchen, die notwendige Mindestlüftung zu gewährleisten.

So beginnen wir den Frühling mit neuen Herausforderungen, Plänen und Träumen und danken Ihnen sehr für Ihre Unterstützung.

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