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Tokyo: Neuanfang in den Bergen

Am 1. April 2005 versammelten sich 12 Lehrerinnen und Lehrer an der Station von Fujino, einer Stadt in den Bergen, etwa eine Stunde von Tokyos Zentrum entfernt. Wer in irgendeiner Waldorfschule auf der Welt arbeitet, hätte vielleicht auf einen Blick gefühlt oder erkannt, daß hier Kollegen standen ...

Wir verteilten uns auf einige Autos und kamen nach fünf Minuten an einem von grünen Bergen umgebenen Gebäude an. Es war bis jetzt als staatliche Schule benutzt worden. Nun durften wir unser künftiges Zuhause begrüßen und es in die „Steiner Schule“ verwandeln.

Neugierig und glücklich besichtigten wir das dreistöckige Gebäude Raum für Raum, dann machten wir zusammen Eurythmie, sprachen Steiners Mantra „In diesem Hause lebe Seele...“ und rezitierten feierlich alte japanische Kurzgedichte.

Darauf liefen wir alle gemeinsam auf den Schulhof. Manche sprangen hoch in die Luft, andere hängten sich an einen Ast, wieder andere streckten einfach ihre Arme weit in den Himmel. Zwei Wochen später würden dies alles unsere Schüler tun!

18 Jahre Warten

In unserem alten Gebäude im Zentrum von Tokyo stießen wir fast immer miteinander zusammen, wenn wir durch die engen Flure gingen, und die Klassen mußten gleichsam in „Schichtbetrieb“ auf dem winzigen Schulhof spielen.

Waren Sie jemals in Tokyo? Dann werden Sie das Geschäftsviertel kennen, das niemals schläft, und die vielen Hochhäuser, die zahllosen Züge, Busse und Autos, die Wellen von Menschen, die oft von der Uhr getrieben werden.

Doch sogar im Herzen von Tokyo gibt es Plätze, wo es noch Natur gibt und Menschen frei atmen können. An einem solchen Ort wurde unsere Schule vor 18 Jahren in aller Ruhe geboren. Es war die erste Waldorfschule in Japan und auch in Asien überhaupt.

18 Jahre lang mußten wir mit dem engen und unsicheren Schulgebäude vorliebnehmen und uns einem unveränderlichen Bildungsgesetz und restriktiven behördlichen Auflagen beugen.

Dann endlich tat sich die Möglichkeit auf, daß unsere Schule als Privatschule anerkannt werden könnte. Die Vorschriften wurden in sogenannten „special regions“ gelockert, um zeitgemäße Veränderungen anzuregen. Dies schlug eine Bresche in die undurchdringliche Mauer, die bisher die Gründung alternativer Schulen verhindert hatte.

Nach vielen Anträgen erreichten wir zwei Zugeständnisse: Die Bedingung, daß eine Privatschule für eine Akkreditierung ihr eigenes Land und Gebäude besitzen müsse, würde gelockert werden, und wir durften den Waldorf-Lehrplan benutzen. Daraufhin hielten wir Ausschau nach einer Gemeinde, die uns bei der Verwirklichung unserer Pläne helfen würde. Im April 2004 fanden wir die Gemeinde Fujino, die sich zur „special region“ hatte erklären lassen und uns das Gebäude einer gerade geschlossenen Schule zur Verfügung stellte. Und im November wurde unsere Schule als Privatschule anerkannt!

Freude unter Kirschblüten und ein Feuer für die Zukunftswünsche

In Japan beginnt die Schule im April, zu der Zeit, wenn alle Kirschblüten sich öffnen. Am 11. April kamen 123 Kinder der Klassen 2 bis 9 zur Schule, die zuvor noch sorgfältig in verschiedenen Farben neu gestrichen worden war. Einige Schüler kamen von der Busstation angerannt, viele wanderten die Bergwege entlang und pflückten unterwegs Blumen oder reife Maulbeeren. Der alte Bürgermeister hielt eine Eröffnungsrede und erzählte, wie auch er früher immer durch die Berge zur Schule ging.

Eine Woche später konnten wir 24 Kinder der neuen ersten Klasse begrüßen. Während sie auf dem Schulhof spielten, begrüßte sie der rosafarbene Schleier fallender Kirschblüten.

Am 15. Juli feierten wir dann das ostasiatische Sternenfest. Es wird Kuchen mit dem Wasser des Morgentaus gebacken und man schreibt seine Wünsche auf einen Streifen Papier, der an einen Bambus gehängt wird. Wir schmückten auf diese Weise für jede Klasse einen Bambus und stellten dann alle auf dem Schulhof auf. Dann tanzten wir um sie herum, machten Musik und aßen Süßkartoffeln, die die 7. und 9. Klasse angebaut hatten. Am Ende zündeten wir den Bambus an, und mit knisternden, goldenen Flammen wurden unsere Wünsche in den Himmel getragen.

Wir Lehrer wünschen uns, daß nun auch die Oberstufe bald anerkannt wird und ihr Gebäude errichtet werden kann. Wir wünschen uns auch einen Lehrer-Ausbildungskurs und einen Eurythmie-Saal. Und ein großer Wunsch ist, daß fünf weitere Waldorfschulen, die ihren Weg durch dieselben Schwierigkeiten suchen, vor denen wir ein Jahr zuvor standen, ebenfalls erfolgreich ihre Anerkennung bekommen. Auf diese Weise wird sich die Waldorfbewegung in Japan sicher verwurzeln.

Im April begegneten sich auf der Asiatischen Lehrerkonferenz in Taiwan auch viele Lehrer der japanischen Waldorfschulen. Dies gab den Anstoß, sich auch in Japan selbst stärker zu vernetzen. Am 17. August kamen in unserem neuen Gebäude viele Kollegen aus dem ganzen Land zusammen, um sich auszutauschen und gemeinsam zu arbeiten.

Lassen Sie mich mit den Worten einer Mutter schließen, die an unserem Tag der Offenen Tür sagte: „Ich möchte sehr, daß meine Kinder diese Schule besuchen – selbst wenn wir aus Tokyo wegziehen müssen. Ich möchte nicht, daß sie mit viel Wissen vollgestopft werden, sondern daß ihre Seele genährt wird.“

Rieko Hata (übersetzt hn)

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