Nach dem Krieg in der Tigray-Region: Notfallpädagogik für Schülerinnen und Schüler in Äthiopien
[13.05.2024] - Zwei Jahre lang herrschte ein erbitterter Bürgerkrieg im Norden Äthiopiens und auch nach Abschluss eines Friedensabkommens finden bis heute einzelne kriegerische Auseinandersetzungen statt. Der Konflikt zwischen der Regionalregierung von Tigray und der äthiopischen Zentralregierung hatte zahlreiche Todesopfer zur Folge und drängte mehr als 1,2 Millionen Menschen zur Flucht, Millionen Menschen waren außerdem auf humanitäre Hilfe angewiesen. Aktuell besteht die große Gefahr einer massiven Hungersnot in der Region. Im April konnte ein internationales notfallpädagogisches Team der Freunde der Erziehungskunst in der Region aktiv werden. Zwei Tage lang arbeiteten die Notfallpädagog:innen in einer Waldorfschule in Hawzien. Danach reiste das Team nach Shire, um an einer Schule mit insgesamt 1.200 Kindern zu arbeiten.

Die Waldorfschule in Hawzien befindet sich sehr nah in der Tigray-Region und geriet dadurch mitten in den Wirren des Krieges: Soldaten haben die Schule als Unterkunft genutzt. Dabei wurden ein großer Teil der Möbel sowie die gesamte Ausstattung der Küche entwendet. „Es sind keine Töpfe mehr da“, berichtete der Gründer der Schule Atsbaha Gebre-Selassi bei einem Besuch in Berlin. „Es wurde alles mitgenommen, was einigermaßen gut zu transportieren war – nur die ganz kleinen Stühle aus der ersten Klasse waren noch da.“ Auch die Solaranlage, mit der die Pumpe des kurz vor dem Krieg gebauten Brunnens betrieben werden sollte, fehlte. Außerdem wurden zwei Klassenräume durch ein Feuer stark beschädigt. Die Internationale Zusammenarbeit der Freunde der Erziehungskunst unterstützt die Schule, die überwiegend von Kindern aus wirtschaftlich schwachem Umfeld besucht wird, seit vielen Jahren durch die Förderung der Ausbildung und Gehälter der Lehrkräfte aber auch durch die Weiterleitung von Spenden zum Beispiel für Schulessen. Nun konnte außerdem ein notfallpädagogisches Team der Freunde im Rahmen eines Auftaktseminars mit den Lehrkräften Grundlagen der Notfall- und Traumapädagogik vermitteln. Eingeladen waren Lehrkräfte aus der Waldorfschule aber auch aus 11 weiteren Schulen in der Umgebung. „Diese Arbeit war wichtig für die Lehrerinnen und Lehrer“, berichtet Gebre-Selassi. Die Kolleginnen und Kollegen, so sagt er, fühlten sich anschließend deutlich ruhiger und fühlten sich besser ausgerüstet für ihre Arbeit mit den Kindern der Schule. „Die Hilfe kam genau zum richtigen Zeitpunkt.“
Nach der Schulung in Hawzien reiste das Team weiter nach Shire, um dort mit den etwa 1.200 Kinder der dortigen Don-Bosco-Schule notfall- und traumapädagogisch zu arbeiten. Auffällig ist, dass es in der Schule in Shire aktuell insgesamt sechs und in Hawzien ebenfalls mehrere 8. Klassen gibt. Viele Kinder konnten wegen des Krieges und davor auch wegen der Covid-19-Pademie nicht in die Schule gehen und es mussten gleich mehrere Jahrgänge wiederholt werden, sodass es nun so viele 8. Klassen gibt.
In Äthiopien befinden wir uns aktuell noch ganz am Anfang eines wichtigen Arbeitsprozesses. Was können Lehrkräfte leisten, um die Schülerinnen und Schüler in der Traumaverarbeitung zu unterstützen? Was brauchen wiederum die Lehrkräfte, um nach den eigenen traumatischen Erfahrungen wieder gestärkt vor einer Klasse stehen und unterrichten zu können? Um die Grundlagen aus dem Auftaktseminar zu vertiefen, wird im Juli ein weiteres internationales Team nach Hawzien reisen. Der Schulgarten, der durch den Krieg zerstört worden ist, soll gemeinsam mit dem Kollegium vor Ort aufgebessert werden, gleiches gilt für den Spielplatz sowie weitere Einrichtungen der Schulen.
Außerdem stehen für die Kinder die langen Sommerferien vor der Tür. Für viele ist das keine freudige Vorstellung, immerhin haben sie nach den Wirren des Bürgerkriegs durch die Schule erst jetzt wieder zur Normalität zurückgefunden. Die Notfallpädagogik der Freunde der Erziehungskunst unterstützt die Schule dabei, auch nach Ferienbeginn künstlerische, kreative und praktische Aktivitäten für die Kinder anzubieten. Denn Traumaverarbeitung kennt keine Ferien und braucht über offizielle Schließtage hinaus einen sicheren Ort und verlässliche Beziehungen – genau das also, was die Waldorfschule in Hawzien für viele Kinder bedeutet. Unsere notfallpädagogische Arbeit vor Ort ist möglich dank der Finanzierung von Aktion Deutschland Hilft.


