Wenn die Hände (Wille) und das Herz (Gefühl) am richtigen Platz sind, kann sich der Kopf (Denken) mit Klarheit und Gewissen entfalten. Mit diesen Gedanken entstand 2008 der Waldorfkindergarten Prakriti im Herzen der Großstadt Bengaluru in Karnataka. Wir begannen mit dem einfachen Verständnis des jungen Kindes als Willenswesen, das durch Nachahmung lernt und den Schutz der Kindheit durch Wärme, Rhythmus und Staunen braucht. Wir verstehen Erziehung als Aufgabe fürs Leben – eine moralische Verantwortung jedes Erwachsenen.
Eine neue Philosophie, ein neuer Philosoph und ein Kindergarten ohne Bücher, Stifte oder Tafel weckten die Neugier der Eltern. Sie traten ein und erlebten die Magie der Umgebung: die warmen Farben, die ruhigen Räume, natürliche Spielmaterialien und Erzieher:innen, die den Raum mit innerer Gelassenheit füllten. Diese Erfahrung wirkte stärker als jede Erklärung, und so begann der Impuls der Waldorfpädagogik in Indien zu wachsen – ein hundertjähriger Strom, der doch frisch im Boden Indiens weiterfließt.
Die Freude der Kinder sprach für sich, und die Gemeinschaft wuchs. In einer Welt, die nach früher Intellektualisierung drängt, entschieden wir uns bewusst für Verlangsamung, für Wiederholung, Rhythmus und Raum für das Staunen. Für uns Lehrende war jeder Tag ein Lernen. Was sich vor uns entfaltete, prüften wir immer wieder mit Mentorinnen und Mentoren oder in Rudolf Steiners Vorträgen. Es wurde deutlich, dass unsere von Medien geprägte Gegenwart eine spirituelle, alternative Pädagogik braucht – eine indische Waldorfpädagogik.
Wir wählten Kreisspiele sorgfältig aus, arbeiteten mit regionalen und traditionellen Liedern in lokalen Sprachen, und verbanden sie mit der englischen Sprache. Jahreszeitenrhythmen orientierten sich an Klima und Festkultur. Ein Beispiel ist das Dussera-Fest: Die Kinder bewegten sich mit bunten Dupattas um einen Pfahl, ähnlich einem Maibaum, begleitet von einem einfachen Volkslied. Danach führten die Eltern den traditionellen Pinnal-Kollatta-Tanz auf, bei dem Tücher kunstvoll geflochten und wieder gelöst werden. Diese Verbindung von Fest, Gemeinschaft und Kultur brachte tiefe Freude in die Schule.
Auch alltägliche Tätigkeiten lehnen sich an unsere Kultur an: das Rollen von Rotis (Fladenbrot), das Formen von Laddus (süße Kugeln aus Kicherebsenmehl) oder das Schwenken des Aarti-Lichts bei Geburtstagen. Solche Momente schaffen Zugehörigkeit und lassen die Waldorfpädagogik im indischen Kontext lebendig werden. Die Familien tragen Vertrauen, Freude, Ehrfurcht und innere Stärke aus diesem Raum hinaus.
Latha Madhusudhan

