Der Kindergarten La Siembra befindet sich in Chile, in der Region O’Higgins, die an die Hauptstadt Santiago de Chile grenzt und geprägt ist vom großflächigen Bergbau sowie von industrieller Landwirtschaft. Hier haben nur wenige Menschen Zugang zur Waldorfpädagogik und zur Anthroposophie. Obwohl es sich überwiegend um ein ländliches Gebiet handelt, leben die meisten Menschen in einem urbanen Umfeld mit nur wenigen Möglichkeiten, mit der Natur und der eigenen regionalen Kultur in Kontakt zu kommen.
Die Familien, die zu La Siembra kommen, suchen nach einer Form des Erziehens und Begleitens, die für sie Sinn ergibt. Sie finden hier einen Ort, an dem ihre Kinder einen tiefen Bezug zur Natur erleben können – und zugleich einen Raum persönlichen Wachstums für sich selbst als Erwachsene.
Der Kindergarten wurde vor elf Jahren gegründet und nimmt Kinder zwischen zwei und sieben Jahren auf. Die meisten von ihnen setzen ihre Bildung im zweiten Jahrsiebt an der Schule La Siembra fort. Das Team des Kindergartens besteht aus drei Erzieherinnen, zwei Assistentinnen, einer pädagogischen Tutorin, einer Eurythmielehrerin und mir, wobei ich das Team als Ärztin begleite. Derzeit besuchen 30 Kinder unseren Kindergarten.
Eine Besonderheit von La Siembra besteht darin, ein Umfeld zu schaffen, das die Wärme, den Rhythmus und den Halt der Tätigkeiten im Innenraum mit der Möglichkeit verbindet, die Natur zu erleben, sie zu erforschen und die basalen Sinne – Tastsinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn und Lebenssinn – zu entwickeln. Der Garten bietet reichhaltige sensorische und motorische Erfahrungen, die Bewegung und selbstständiges Erkunden ermöglichen.
Meine eigenen Kindheitserlebnisse in den Tiefen der Anden – Flüsse überqueren, Berge durchstreifen – sowie das Studium der Bedürfnisse von Kindern in ihren verschiedenen Entwicklungsetappen haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass die direkte und kontinuierliche Erfahrung der Natur das ist, was Kinder für eine gesunde Entwicklung in der heutigen Welt brauchen.
Aus diesem Grund wurde der Außenbereich des Kindergartens als ein weitläufiger, wilder und waldartiger Ort gestaltet und gepflegt. Vielseitig und voller Winkel, mit Bäumen, die die Kinder erklimmen, und Früchten, die sie ernten können. Sie haben außerdem die Möglichkeit, die Pflanzen zu gießen, mit Wasser zu spielen und dabei ihre eigene Kraft und ihre persönlichen Fähigkeiten zu erspüren.
Jeden Montag unternehmen die Kinder, begleitet von den Erzieherinnen und einigen ehrenamtlich helfenden Eltern, einen Spaziergang über benachbarte Grundstücke, auf dem sie mehrere Kilometer zwischen Apfel- und Pflaumenbäumen aber auch zwischen grasenden Pferden zurücklegen. Dies verbindet sie mit ihrem bergigen Lebensraum, und durch sie öffnet sich diese Tür auch für ihre Familien, die diese Lebens- und Lernweise zunehmend wertschätzen.
So konnten wir beobachten, dass diese Form, die frühen Lebensjahre in engem Kontakt mit der Natur zu verbringen, den Kindern ermöglicht, sie wirklich kennenzulernen. Das weckt in ihnen Vertrauen in ihre Umgebung. Und daraus kann später der Lebensmut erwachsen.
María Paz Dörr Bulnes

