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Türkei: Die große „Stille“ durchbrechen - notfallpädagogische Arbeit mit Kleinkindern nach dem Erdbeben

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Bereits kurz nach dem Erdbeben, das 2023 Teile der Türkei und Syriens schwer getroffen hat, haben die Freunde der Erziehungskunst mit notfallpädagogischen Maßnahmen begonnen. Die türkische Waldorfpädagogin Cansu Kaygısız Vardar, die aktuell auch ihre Doktorarbeit im Bereich Kleinkindpädagogik schreibt, war dabei eine unserer wichtigsten Partnerinnen und maßgeblich am Aufbau sogenannter „Child Friendly Spaces” beteiligt. In ihrem sehr persönlichen Bericht beschreibt sie, wie wichtig nach solch schwerwiegenden traumatischen Erlebnissen Wärme, Rhythmus und Stabilität gerade für Kleinkinder sind.

Kinderschutzzentrum Türkei

Als im Februar 2023 das schwere Erdbeben elf Städte im Süden und Südosten der Türkei erschütterte, wusste ich sofort: ich möchte vor allem den kleinen Kindern in dieser Situation helfen. Gemeinsam mit einem notfallpädagogischen Team der Freunde der Erziehungskunst reiste ich bereits einen Monat nach der Katastrophe in das Gebiet. Wir wollten die Kinder so schnell wie möglich erreichen. Vor Ort wurde deutlich, wie schwierig die Situation vor allem für die kleinen Kinder war: Sofort konnten wir all das beobachten, was in der Fachliteratur als Beispiele für das Verhalten von Kindern unter Stress beschrieben wird: Wut, um sich schlagen oder weinen oder auch die  Schwierigkeiten, sich zu sozialisieren, zuzuhören, sich zu konzentrieren und Anweisungen zu folgen. All dies war deutlich sichtbar. Und dann war da noch die „Stille“, die nicht in den Fachbüchern beschrieben wird. Eine tiefe, beunruhigende Stille, die selbst drei Monate nach dem Erdbeben noch vorhanden war. Sie bedeutet, dass Kinder ihre Gedanken und Gefühle nicht ausdrücken können und dass sie „feststecken“. Wir wollten diese Stille überwinden und uns war klar, dass die Kinder dafür verlässliche Möglichkeiten zum Spielen, Bewegen und zur sozialen Begegnung brauchen. Aus diesem Grund bauten wir in Hatay zwei Kinderschutzzentren (Child Friendly Spaces) für Kleinkinder auf.

In diesen Räumen finden die Kinder Wärme: in der Haltung der Pädagoginnen und Pädagogen, in Kräutertees sowie im frisch gebackenen Brot. Wärme ist der erste Schritt, um Stress zu überwinden und Vertrauen aufzubauen. Danach treten Rhythmus, Spiel und Kunst in den Vordergrund. Damit Kinder ihre Empfindungen ausdrücken und somit verarbeiten können, brauchen sie kontinuierlich Gelegenheiten zum Singen, Malen, Rennen, Spielen und Lachen. Auch das Hören von vorgelesenen Geschichten ist sehr wichtig – und ebenso die Möglichkeit, eigene Geschichten zu erschaffen.

Zu Beginn waren die traumatischen Auswirkungen des Erdbebens bei den Kindern deutlich sichtbar. Ich sah Kinder, die ununterbrochen rannten, als hätten sie es nicht rechtzeitig geschafft, vor dem Erdbeben zu fliehen. Dann waren da Kinder, die auf engstem Raum spielten, obwohl ihnen eine Fläche von 50 Quadratmetern zur Verfügung stand – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie keinen inneren Raum hatten, um sich frei auszubreiten. Einige spielten allein, obwohl sich 20 Kinder im selben Raum befanden. Ich hörte ihre Gespräche und Geschichten über das Erdbeben und beobachteten Spiele, in denen verletzte Menschen mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht wurden. Viele Kinder zeigten bei jedem lauten Geräusch Angst. Ein kurzhaariges Kind kauerte in der Ecke und riss sich die Haare aus. Vor allem aber war es schwer, ein Leuchten in den Augen der Kinder zu entdecken.

Am Ende jeder etwa vier Monate dauernden Interventionseinheit wurde es Zeit, die Kinder zu verabschieden. Wir sahen völlig andere Kinder als zu Beginn. Sie sprachen, spielten, gestalteten und – am wichtigsten – machten Witze. Ich sah das Mädchen, das aufgehört hatte, sich die Haare auszureißen – nun mit langen Haaren. Gleichzeitig sah ich auch entlastete Mütter, die die Möglichkeit bekommen hatten, wieder Zeit für sich zu haben, Freundschaften zu schließen, über ihre Sorgen zu sprechen und Unterstützung für die Entwicklung ihrer Kinder zu erhalten.

Inzwischen haben mehr als 100 junge Kinder in unserem Kinderschutzzentrum gespielt. Über einen Zeitraum von je vier Monaten, täglich drei Stunden, unterstützten wir sie dabei, ihre eigene Zukunft aufzubauen. All diese Arbeit hat uns gezeigt, wie sehr Kindern durch Wärme, Rhythmus, Kunst, Spiel und Geschichten, helfen können, sich frühzeitig an das Leben anzupassen. Sie hat uns auch die Bedeutung von Zeit und Unterstützung für Mütter verdeutlicht, um den Heilungsprozess fortzuführen.

Auch drei Jahre nach dem Erdbeben leben viele Menschen noch immer in Zelten und Containern. Kinder sehen weiterhin Zerstörung. Sie hören weiterhin die traumatischen Erzählungen ihrer Familien über das Erdbeben – auch wenn sie selbst zu dieser Zeit noch nicht geboren waren. Das heißt, es besteht weiterhin ein großer Bedarf an Räumen, in denen junge Kinder spielen können. Und es besteht weiterhin die Notwendigkeit, darüber nachzudenken, wie Kinder unterstützt werden können, die in katastrophalen Umgebungen geboren werden. 

Cansu Kaygısız Vardar, Project Manager Notfallpädagogik Türkei

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