Drei Monate lang, vom goldenen Herbst bis zum verschneiten Jahreswechsel, waren wir Teil des Lebens an der Michaelschule in Tbilisi. Jeden Morgen begann für mich der Tag mit einem Ritual, das mich tief berührte: „Dila mshwidobißa“ – des Morgens Frieden. Kinder, Jugendliche und Lehrerinnen versammelten sich zum Morgenkreis, zunächst unter freiem Himmel, später im warmen Foyer. Es war ein Moment des Ankommens, des gemeinsamen Atmens, bevor die Arbeit begann.
Die Michaelschule ist ein besonderer Ort. Sie ist die einzige Schule in Georgien, die sich der Bildung von Kindern mit schweren geistigen Behinderungen widmet. In einem Land, in dem Inklusion oft nur auf dem Papier existiert und Kinder mit komplexen Beeinträchtigungen meist in Tageszentren abgeschoben werden, ist diese Schule ein Lichtpunkt. Viele Eltern erzählten mir von ihrer verzweifelten Suche nach einem geeigneten Platz für ihr Kind – und von der Erleichterung, als sie die Michaelschule fanden. Hier erleben sie, dass Bildung mehr ist als Unterricht: Es ist Liebe, Treue und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Meine Arbeit vor Ort war intensiv und zutiefst menschlich. Gemeinsam mit meinem Mann Markus begegnete ich Kindern mit geheimnisvollen Seelen und Schicksalen. Unsere Aufgabe: jedes Kind unvoreingenommen wahrzunehmen, kleine Fenster zum Wesen zu öffnen und Wege zu finden, Zwänge und Tics zu lösen, das Wohlfühlen im eigenen Körper zu fördern. Acht bis zehn Kinder täglich – eine Herausforderung, die Fingerspitzengefühl und Geduld verlangt. Manchmal brauchte es vier Hände, manchmal einen rettenden Einfall, um eine verfahrene Situation zu lösen. Und immer wieder die Erfahrung: Wenn man Menschen so nimmt, wie sie sind, geschehen kleine Wunder.
Besonders bewegend waren die Begegnungen mit Kindern, die eine doppelte Diagnose tragen – schwere geistige Behinderung und psychische Erkrankung. Hier konnte Markus seine Erfahrung aus der Arbeit in psychiatrischen Kliniken einbringen. Ein Junge fand zurück zur Sprache, eine Jugendliche lernte, ihre Übergriffigkeit zu kontrollieren. Und dann gab es das „Trio“ – drei Kinder mit Downsyndrom, die ihre ersten Lebensjahre im Heim verbrachten, bis eine Frau sie alle drei adoptierte. Zwei von ihnen sind Zwillinge – ein seltenes Phänomen, das selbst erfahrene Heilpädagogen staunen lässt. Ihre Lebensfreude, ihre Neugier und ihr Vertrauen ins Leben waren für mich ein Geschenk.
Neben der heilpädagogischen Arbeit gab es Momente der Musik, die die Schulgemeinschaft verband. Montags und freitags musizierten wir für die Kinder – und mit ihnen. Manche sangen aus vollem Herzen mit, und in diesen Augenblicken war spürbar: Hier entsteht etwas, das über Pädagogik hinausgeht. Es ist ein Raum der Menschlichkeit.
Doch die Realität bleibt herausfordernd. Die Schule ist finanziell auf Unterstützung angewiesen, und die Arbeit mit Kindern, die oft aggressives Verhalten zeigen, bringt Lehrerinnen an ihre Grenzen. Umso beeindruckender ist ihre Liebe und Treue zu den Schülerinnen und Schülern. In den wöchentlichen Konferenzen entwickelten wir neue Perspektiven, schöpften Mut und stärkten Zuversicht. Unsere Begleitung hat Spuren hinterlassen – nicht nur bei den Kindern, sondern auch im Kollegium.
Am Ende dieser intensiven Zeit bleibt für mich vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Begegnungen, für das Vertrauen der Eltern, für die Offenheit der Lehrerinnen und für die Unterstützung der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Ohne ihre Finanzierung wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Sie haben über Jahre die Fahrtkosten getragen und uns damit nicht nur finanziell, sondern auch durch ihr Vertrauen und ihre Wertschätzung gestärkt. „Didi madloba“ – vielen Dank, liebe Michaelschule, liebe Menschen in Tbilisi. Die Brücke, die wir hier gebaut haben, wird bleiben. Denn Bildung ist mehr als Wissen. Sie ist Beziehung, Wärme und die tiefe Überzeugung: Jedes Kind hat einen Platz in dieser Welt.
Janette Gülker-Neuhaus
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