Gewöhnlich erarbeitet eine Gruppe von sechs bis zehn Jugendlichen ab elf Jahren während eines Workshops gemeinsam einen Song. Das bedeutet eine vertiefende Auseinandersetzung mit einem Thema sowie eigene Texte schreiben und mit professionellem Equipment aufnehmen. Die Teilnehmer:innen erlernen so Fähigkeiten im Bereich sprachlicher Ausdruck, Rhythmik, kreatives Schreiben und Studio-Recording. Viel wichtiger ist jedoch die Erfahrung, die darunterliegt: Selbstwirksamkeit und die Relevanz des eigenen Handelns erleben.
Die von mir durchgeführten Rap-Workshops sind für Jugendliche eine Möglichkeit, sich durch Sprache auszudrücken. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass jeder Ausdruck der Jugendlichen erst einmal richtig und gut ist. Rapmusik befindet sich häufig nah an der Lebensrealität der teilnehmenden Jugendlichen und ist bereits Teil ihrer Identität; das schafft Vertrauen und Motivation sowie einen vereinfachten Zugang für mich als Kursleiter.
Die wichtigsten Ziele, die ich den Jugendlichen vermitteln möchte, sind: „Du kannst was. Du bist fähig, etwas aus eigener Kraft zu kreieren. Du hast etwas zu sagen. Deine Meinung und deine Erfahrungen sind wichtig; du bist mit ihnen an diesem Ort, mit dieser Gruppe und in diesem Workshop sicher aufgehoben.“ Diese Ziele erreiche ich durch folgende Schritte: Übungen zur Gruppenstärkung, Rhythmus- und Sprechübungen, kleinschrittige Herangehensweise an das Endprodukt, Einführung in die nötige Technik und nicht zuletzt eine empowernde Grundhaltung auf Augenhöhe und Empathie durch mich als Workshopleitung. Die Jugendlichen lernen dabei eine neue und spannende Arbeitsweise kennen, ihre Lebensrealitäten werden in den inhaltlichen Prozess eingebunden.
Besonders dem letzten Punkt begegnen die Teilnehmer:innen für gewöhnlich anfangs skeptisch. Viele Jugendliche können sich nicht vorstellen, dass ihre Perspektiven und Interessen ernst genommen werden und erwarten stattdessen die üblichen Beschränkungen. Ich versuche, die Grenzen von dem, was eine zum Teil sehr harte Sprache vermitteln kann – und in dem gemeinsamen geschützten Raum auch vermitteln darf – mit den Jugendlichen zusammen auszuloten. Die Jugendlichen haben also die Möglichkeit, ganz viel mitzugestalten und zu bestimmen – so bekommen sie ein Gefühl von Kontrolle vermittelt. Sie erfahren auch, dass sie gleichzeitig autonom und Teil der Gruppe sind.
Als Workshop-Leitung erlebe ich es immer wieder, wie verschlossene, zurückhaltende, ängstliche oder aggressive Jugendliche sich innerhalb weniger Stunden öffnen, ruhig werden und Freude, Mut, Stolz und Selbstbewusstsein zeigen. Ebenso wie Gruppen fremder oder gar feindlich gesinnter Jugendlicher zu einem starken Gruppenkörper zusammenwachsen und sich gegenseitig unterstützen, motivieren und respektieren. Durch die Workshops konnte ich bisher schon vielen Jugendlichen helfen, einen Ausdruck ihrer Lebenswelt zu finden, an Stärke zu gewinnen und die betreffende Einrichtung noch mehr zu ihrem Ort zu machen.
Nils Claßen
Die Rap-Workshops im Ahrtal konnten vor allem dank der Unterstützung von Aktion Deutschland hilft (ADH) durchgeführt werden.

