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Myanmar: Weder an gestern noch an morgen denken, sondern für heute dankbar sein

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Myanmar, ein Land mit mehr als hundert ethnischen Volksgruppen, steht seit 1962 unter Militärherrschaft. Ab 2011 kam es zu einer kurz anhaltenden Phase mit demokratischen Elementen, die 2021 mit einem militärischen Putsch abrupt endete; seitdem herrscht ein Bürgerkrieg. Ende März dieses Jahres erschütterte außerdem ein schweres Erbeben mit einer Stärke von 7,7 die Region Sagaing – die Erschütterungen waren über die Grenzen Myanmars hinaus wahrnehmbar. Mehr als 3.000 Menschen verloren bei dem Beben ihr Leben, viele weitere wurden verletzt. Es fehlt an Unterkünften, ausreichend Nahrungsmitteln und einer stabilen Gesundheitsversorgung. Vom 6. bis zum 15. Mai waren unsere Kolleginnen Lina Bäuerle und Fiona Bay sowie Alfred Rahmen, unser ehrenamtlicher Kollege, in Myanmar. Ziel der Reise war es, den komplexen Kontext besser zu verstehen und entsprechend der Bedürfnisse notfallpädagogisch tätig zu werden.

Kinder in roter Mönchskleidung balancieren kleine bunte Bälle auf dem Kopf

Schnell war klar, dass es trotz internationaler Hilfen vor allem an Unterkünften, Essen und Gesundheitsversorgung mangelt. Auch an Unterstützung auf der psychosozialen Ebene fehlt es. Viele der Menschen, die wir trafen, haben kriegsbedingt Flucht, Vertreibung und Gewalt erlebt – dazu kamen nun bei vielen die Folgen des Erdbebens. Insgesamt stellt dies für eine große Anzahl der Menschen in Myanmar eine schwere psychische Belastung dar.

Ganz besonders berührte uns der Zusammenhalt der Menschen untereinander: Insofern zeitliche oder finanzielle Kapazitäten da sind, stehen sich die Menschen zur Seite und versuchen, sich trotz aller Schwierigkeiten gegenseitig zu unterstützen. Ein Beispiel dafür ist John. Er und seine Frau haben inzwischen zwanzig Waisenkinder bei sich aufgenommen. Zuerst mussten sie vor dem Krieg fliehen und nun sind sie zusätzlich vom Erdbeben betroffen, sodass ihre Ressourcen kaum noch reichen. Die Kinder baten John eindringlich, dass sie dennoch bei ihm und seiner Frau bleiben dürfen, auch wenn sie alle weniger zu essen hätten. So kommt diese große Familie nun mit zwei Mahlzeiten am Tag aus. Zwei Tage konnten wir mit diesen Kindern arbeiten – für uns war beeindruckend, welch schnelle Auffassungsgabe und motorische Fertigkeiten die Kinder haben. Selten beobachten wir Kinder, die so geschickt im Umgang zum Beispiel mit Bällen oder Stäben sind. Auch das soziale Miteinander der Kinder hat uns sehr beeindruckt.

Im weiteren Verlauf unserer Reise trafen wir zwei Waldorfpädagoginnen aus dem kriegsgebeutelten Shan State, um mit ihnen die Möglichkeiten der Unterstützung in Regionen zu besprechen, in die Mitarbeiter:innen von ausländischen Hilfsorganisationen aufgrund des Krieges nicht einreisen dürfen. Die beiden Kolleginnen planen, in ihrem Heimatdorf einen Child Friendly Space für Kinder und Jugendliche einzurichten. Wir werden versuchen, sie in den kommenden Monaten über Online-Treffen zu unterstützen.

Kham Yein, eine der beiden Pädagoginnen, erzählte über die vergangenen Jahre: Sie floh wochenlang von Ort zu Ort, da die Situation in ihrer Gegend von Gewalt und Drogen geprägt ist. Sie teilte auch ihre Sorgen um die Kinder mit, die in Gebieten mit Internet den ganzen Tag das Handy nutzen und dabei nicht kindgerechte Inhalte konsumieren. Sowie um die Kinder, deren Eltern sehr ehrgeizig sind, damit sie später bessere Chancen haben. So werden manche Kinder schon morgens um fünf Uhr zum Chinesisch-Unterricht geschickt, gefolgt von einem regulären Schultag sowie einer weiteren Chinesisch-Stunde abends. Sie erzählt von den finanziellen Sorgen die, bedingt durch den Krieg und das Erdbeben, immer weiter zunehmen. Oft trifft Kham Yein Eltern, die ihr berichten, dass sie gar keine Kapazitäten mehr für irgendetwas haben, weil die einzige und wichtigste Frage lautet: Wie bekommen wir heute etwas zu essen?

Nach dem Gespräch und ihren Erzählungen bedankt Kham Yein sich dafür, dass sie mal alles erzählen durfte und sagt: „Weißt du, was ich hier lerne? Nicht an gestern und nicht an morgen zu denken, sondern dankbar zu sein für das, was ich heute habe.“

Am Ende unserer Reise waren wir in Taunggy; dort warteten bereits 30 Pädagog:innen auf uns. Auch sie sind alle vor dem Krieg geflohen und wurden dann von den Folgen des Erdbebens getroffen. Nun leben sie in Camps in der Nähe von Taunggy. Zwei Tage lang konnten wir mit ihnen arbeiten. Eines der Themen war „Trauma – was genau ist das eigentlich?" Wir spielten gemeinsam und tauchen in künstlerische Aktivitäten ein. Trotz aller Schwere und den individuellen belastenden Erfahrungen zeigten sich auch frohe und heitere Momente. Ein Pädagoge meinte zwischendurch: „Wenn wir diese Spiele spielen, dann fühle ich mich wie ein Kind – dieses Gefühl hatte ich schon lange vergessen.“ Der Abschied fällt schwer und es wird die Bitte geäußert, wieder zu kommen – aber unbedingt mit mehr Zeit!

In Myanmar konkret zu helfen, ist nicht immer einfach – es gibt viele Hindernisse insbesondere durch den Krieg. Mit der Hilfe von den Kolleg:innen vor Ort und mit der großen Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander konnten wir einen ersten Beitrag leisten und werden auch weiterhin versuchen zu unterstützen, wo und wie es nur geht.

Fiona Bay

Die Arbeit ist finanziell vor allem dank der Unterstützung von Spender:innen und Aktion Deutschland Hilft möglich.

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