Für mich war der Libanon das erste Land, in dem ich die Notfallpädagogik in der Praxis kennengelernt habe. 2021 hatte ich im Rahmen meines Bachelor-Studiums ein sechsmonatiges Praktikum in der Abteilung Notfallpädagogik in Karlsruhe absolviert. Zum Ende des Praktikums durfte ich ein notfallpädagogisches Team nach Beirut begleiten und bei der Koordination unterstützten. Initiiert wurde der Einsatz damals im Rahmen der Hilfe für die von der Explosion im Hafen betroffenen Familien. Auch die Covid-19-Pandemie und damit einhergehende Einschränkungen waren damals sehr allgegenwärtig zu spüren. Heute weiß ich, wieviel mehr die Menschen im Libanon in den darauffolgenden Jahren noch aushalten mussten und noch immer müssen.
Im Anschluss an das Praktikum begann ich, Konflikt und Friedensforschung im Masterstudiengang zu studieren. Der Aspekt psychosoziale Gesundheit, vor allem in (Nach-)Kriegskontexten und im Friedensprozess, ließ mich innerlich nicht mehr los. Durch das Praktikum war mein Interesse, die Rolle der notfallpädagogischen Arbeit in einem wissenschaftlichen Kontext zu beleuchten, geweckt. Der Libanon mit seiner vielfältigen Geschichte, sowohl in Hinsicht auf die Notfallpädagogik als auch auf die verschiedenen Konflikte und Katastrophen vor Ort, war ein passender Kontext für meine Forschung.
Wenn über die Auswirkungen psychosozialer Unterstützung zum Beispiel durch Notfall- und Traumapädagogik auf Kinder und deren Familien gesprochen wird, bleibt die Rolle von Kindern als aktive Akteur:innen im Friedensaufbau oft unerwähnt. Das wollte ich mit meiner Untersuchung ändern.
Einen Zugang zu meiner Forschungsgruppe, und damit die grundlegenden Einblicke in die Arbeit vor Ort, bekam ich durch eine Kooperation mit der libanesischen Organisation Just.Childhood. Es besteht bereits seit über fünf Jahren eine Zusammenarbeit zwischen der Notfallpädagogik der Freunde der Erziehungskunst und Just.Childhood. 2022 begann die Organisation zwei Kinderschutzzentren (Child Friendly Spaces) einzurichten, in denen regelmäßig Kinder notfall- und traumapädagogisch betreut werden. Es gibt künstlerische Angebote, es werden Theaterstücke zusammen entwickelt und gerade bei den jüngeren Kindern spielt auch das Freispiel eine wichtige Rolle. Die Pädagog:innen vor Ort wurden durch eine achtmodulige Fortbildung in Notfall- und Traumapädagogik weitergebildet. Sie können das Erlernte direkt in der Arbeit mit den Kindern anwenden und kontinuierlich weiterentwickeln.
Im Rahmen der Datenerhebung für meine Masterarbeit habe ich mehrere ausführliche Interviews mit den Pädagog:innen vor Ort geführt. Außerdem habe ich knapp hundert Fragebögen von Eltern und Bezugspersonen ausfüllen lassen, deren Kinder in die Angebote von Just.Childhood eingeschrieben waren.
Bei der Auswertung und Analyse der Daten hat sich sehr schnell gezeigt, wie breit gefächert die teils traumatischen Erlebnisse der Kinder, aber auch der Erwachsenen, im Libanon sind. Die Covid-19-Pandemie mit einhergehendem Lockdown haben meine Befragten oft als einer der hauptsächlichen Stressfaktoren für die Kinder genannt. Die monatelange Isolation in Kombination mit finanziellen Engpässen stellte viele Familien vor große Herausforderungen. Die Explosion im Hafen im August 2020 sowie die Auswirkungen des Israel-Palästina-Konflikts auf die libanesische Bevölkerung haben sie ebenfalls oft genannt. Hinzu kommt, dass die meisten Familien einen Fluchthintergrund haben und entweder in zweiter Generation aus Palästina oder in erster Generation aus Syrien in den Libanon geflüchtet sind.
Ein sehr eindrückliches Ergebnis meiner Forschung war, dass Kinder das positiv Erlebte aus den notfallpädagogischen Aktivitäten in den Kinderschutzzentren passiv und aktiv in ihre Familien tragen und somit zu einer Stabilisierung ihres Umfelds beitragen. Die Kinder verhielten sich zu Hause weniger aggressiv und die Kommunikation innerhalb der Familien verbesserte sich. Eine Mutter schilderte zum Beispiel, dass ihr Sohn im Familienumfeld aktiv Gespräche über das eigene Wohlbefinden anregt und so die offene Kommunikation in der Familie verbessert. Eine andere Bezugsperson erzählte, dass sie ihre drei Kinder nun endlich auch mal alleine spielen lassen kann, weil die Kinder freundlicher und ruhiger miteinander spielen, Dinge teilen und mehr im Miteinander sind. Auch Rückmeldungen über verbesserten Schlaf, sowohl bei Kindern als auch anderen Mitgliedern im Haushalt, wurde als positives Ergebnis der notfallpädagogischen Aktivitäten beschrieben.
Forschung und gründliche Datenanalyse sind wichtige und gewinnbringende Werkzeuge dafür, um die Arbeit der Notfallpädagogik im Kontext „Frieden“ besser zu verankern. Die Arbeit mit Kindern im Libanon sowie auch die Konflikte in der Region gehen weiter und so geht auch bei uns in der Abteilung die Entwicklung weiter für Ideen, um das Thema von einer wissenschaftlichen Perspektive aus zu beleuchten.
Lina Bäuerle

