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Ukraine: Drei Jahre Resilienzförderung - „Ich bin, ich kann, ich mache!"

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Neben den vielen Krisen, die uns in den letzten Jahren Sorgen bereitet haben, die Nachrichten dominieren und eine große Verunsicherung bewirkt haben, spielt der Ukrainekrieg eine besondere Rolle. Nach 1945 ist es die erste große militärische Auseinandersetzung, die in Europa, mehr oder minder vor unserer Haustür, wütet und die Europäische Union bedroht. Der Krieg schwelt bereits seit 2014. Die Freunde der Erziehungskunst wurden in der Ukraine aktiv, als dieser mit der großen Invasion 2022 deutlich verschärft wurde und es zu vielen Toten und einem großen Stress in der Bevölkerung kam. Die Waldorfpädagogin und Therapeutin Minka Straube und der anthroposophische Arzt Martin Straube reisten seitdem viele Male für die Notfallpädagogik der Freunde in die Ukraine. Zum dritten Jahrestag der Großinvasion berichten sie über ihre Arbeit.

Teilnehmer:innen bei einer Fortbilung

Wir haben mit den Freunden in den letzten drei Jahren bereits 40 Seminare vor Ort gegeben. Elf davon in Polen, wohin zu Beginn der Invasion zunächst viele Menschen aus der Ukraine geflohen sind. Neben mehreren fünftägigen Seminaren an verschiedenen Orten der Ukraine haben wir bislang vier Weiterbildungen zur Traumapädagogik mit jeweils acht Modulen durchgeführt; eine davon in Krakau/Polen, zwei in der Nähe von Lwiw und eine in Odessa. Die Teilnehmenden waren Lehrkräfte, Psycholog:innen, Kunsttherapeut:innen und engagierte Freiwillige, die mit Kindern, Angehörigen von getöteten Soldat:innen oder mit Kriegsversehrten arbeiten.

Die Psychotraumatologie, das Verstehen des traumatischen Prozesses und die Kenntnis, was mit pädagogischen Maßnahmen bei traumatisierten Kindern, Jugendlichen oder auch Erwachsenen erreichbar ist, sind in der Ukraine noch weniger verbreitet, als bei uns. Das versuchen wir durch unser Angebot vor Ort zu ändern.

„Wir haben alles selbst praktisch ausprobiert und die heilende Wirkung selbst erlebt.“

Die Weiterbildung Traumapädagogik beinhaltet neben dem inhaltlichen Input zur Psychotraumatologie viele methodische und praktische Übungen. Der Wechsel von inhaltlichem Input zur Psychotraumatologie und Traumapädagogik mit der Praxis der Erlebnispädagogik, sinnvollen Spielen für verschiedene Altersgruppen und Gesprächstechniken hat sich sehr bewährt. An fünf der acht Seminareinheiten gestalten Kunsttherapeut:innen, Eurythmist:innen und Fachleute, die Entspannungstechniken vermittelten, die Seminare mit.

„… für mich war immer die Art der Arbeit wichtig. Selbst wenn ich nicht immer mitnehmen konnte, WAS ich tun sollte, habe ich mitgenommen, WIE ich es tun sollte, mit welchem Gefühl, mit welcher Einstellung.

In der ersten Zeit trafen wir auf Menschen, die sehr engagiert und zuversichtlich waren, dass der Krieg bald zu Ende sein würde – viele glaubten fest an den Sieg der Ukraine. Im Verlauf der Zeit wurden die Teilnehmenden immer erschöpfter, kriegsmüder und verzweifelter. Viele haben Opfer in der Familie oder im Bekanntenkreis zu beklagen und die Siegeszuversicht schwindet immer mehr. Aber für die Teilnehmenden wurden die regelmäßigen Treffen zu einem sicheren Ort. Viele formulierten es so, dass sie in den Modulen ihren „Akku aufladen“. Noch nie haben wir es in unserer langjährigen internationalen Tätigkeit in der Notfall- und Traumapädagogik erlebt, dass die Inhalte und die praktischen Anteile so schnell durch die Teilnehmenden aufgegriffen und sofort in den Arbeitsstellen zur Anwendung kamen. Zudem entstanden in den Weiterbildungsgruppen unter den Teilnehmenden schnell starke soziale Verbindungen mit gegenseitiger Hilfe und Unterstützung. Die Treffen wurden zu Kraftquellen, welche die Resilienz stärkten.

„Die praktischen Teile boten die Möglichkeit, auf allen Ebenen (Körper, Psyche, Geist) dazu beizutragen, die lebenswichtigen Funktionen eines Kindes wiederherzustellen, das sich in einer Stresssituation befindet oder ein Trauma erlebt hat. Sie können für Menschen jeden Alters, mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten und unterschiedlichem Traumagrad verwendet werden.“

In den vielen Rückmeldungen der Teilnehmenden lesen wir, welche Wandlungen sie durch den Kurs durchlaufen haben. So schreibt eine Teilnehmerin: „Der Kurs hat mich verändert: Er hat mich sensibler, reaktionsfähiger, aufmerksamer und respektvoller, gleichzeitig aber auch widerstandsfähiger gegenüber den Herausforderungen der Arbeit und des Lebens gemacht. Ich lerne, in meinen Schwächen Chancen zu sehen sowie Schwierigkeiten als Herausforderungen zu betrachten, die gelöst werden können, indem ich etwas an mir selbst oder an einer Situation ändere. Außerdem versuche ich nun, an kleine Schritte zu glauben und sie nicht zu entwerten, sondern sie anzuerkennen.“

Das Leben in der Ukraine hat sich für die meisten Menschen sehr verschlechtert; viele verlieren dadurch ihre Motivation und ihre Lebensfreude, sie werden depressiv und immer ängstlicher. Während der Fortbildungen haben die Teilnehmenden das Gegenteil erlebt. So fragen wir uns immer: Wer lernt hier eigentlich von wem? Was uns in den Begegnungen entgegen kommt, ist ein riesiges Geschenk, das uns immer demütiger macht.

Die Fortbildung hinterlässt eine warme Spur in meiner Seele und ist ein unvergessliches Ereignis in meiner Biografie. Jedes Treffen wurde zu einem unvergesslichen Kreis der Unterstützung und zu einer Ressource, zu einer Inspiration für die weitere Arbeit. Dank der Fortbildung konnte ich freier atmen - und das ist unendlich wertvoll.“

In diesem Jahr werden wir eine weitere Weiterbildungsgruppe haben, wir werden die bisherigen Teilnehmenden supervidieren und eine Gruppe aus den bisherigen Absolvent:innen zu Ausbilder:innen ausbilden – unser Ziel ist, uns überflüssig zu machen. Wir wissen nicht, wie der Krieg weitergehen wird. Aber wir wissen, dass es Menschen gibt, die mitten im Krieg einen inneren Frieden aufbauen können und diese Fähigkeit weitertragen werden. Ihnen gelten unser Dank und unsere uneingeschränkte Wertschätzung!

Die Fortbildung wurde möglich durch die Unterstützung von Aktion Deutschland hilft.

Minka und Martin Straube

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