In einem Gespräch mit der stellvertretenden Ministerin Araksiya Svadzhyan entstand die Idee zu einem „Pädagogischen Club“. Wir diskutierten darüber, wie das staatliche Bildungssystem verbessert werden könnte. Mein Rat war: Laden Sie ein paar Leute ein, die Sie respektieren und denen Sie vertrauen, und beginnen Sie, sich regelmäßig mit ihnen in einer informellen Atmosphäre zu treffen. Die Reaktion kam sehr schnell: Auf Initiative von Ministerin Zhanna Andreasyan wurde eine Gruppe gebildet. Mitglieder des Clubs sind die Ministerin selbst, die stellvertretende Ministerin, der Leiter der parlamentarischen Bildungskommission, die Leiterin der Abteilung für Schulbildung, der Leiter der staatlichen Bildungsaufsichtsbehörde, der Direktor des Instituts für pädagogische Innovationen sowie mehrere bekannte Lehrkräfte des Landes, Leiterinnen und Leiter von Schulen in freier Trägerschaft und Vertreter:innen öffentlicher Organisationen. Insgesamt sind wir circa 15 Personen. Wir treffen uns informell alle drei bis vier Wochen am Freitagabend in einer der Einrichtungen, die von den Clubmitgliedern vertreten werden. Zunächst stellen die Gastgeber:innen ihre Aktivitäten etwa eine Stunde lang vor, dann wird das Gespräch bei Tee und Kaffee zwei Stunden lang, manchmal auch länger, über ein vorher ausgewähltes Thema fortgesetzt. Bei jedem Treffen ist entweder die Ministerin, die Stellvertreterin oder beide anwesend. Die Diskussionen sind offen, manchmal sehr hitzig, aber immer freundlich.
Am 7. Februar 2025 war der Pädagogische Club zu Gast in der Waldorfschule Aregnazan. Eine Stunde lang besichtigten die Gäste die Klassenräume und Flure der Schule. Trotz der Tatsache, dass es Abend war, schufen wir für sie die Atmosphäre eines Schultages. Die Schüler:innen der siebten Klasse zeigten Eurythmie, ein Rondo von Mozart und ein Gedicht von Sappho. Dann sahen sich die Gäste einen Ausschnitt aus einer Physikstunde an – die Chladnischen-Klangfiguren. Die achte Klasse beschäftigte sich mit Geometrie und Astronomie – sie erstellte die fünf platonischen Körper in Verbindung mit dem astronomischen Modell von Johannes Kepler. Die neunte Klasse zeigte im Musikunterricht, wie armenische Volkslieder mit Flöten, Blockflöten, Geigen, Gitarren, Celli und Schlaginstrumenten arrangiert werden. In der zehnten Klasse sahen die Gäste eine Zirkusvorstellung, in der elften Klasse hörten sie traditionelle und moderne Musik in originellen Arrangements und auf energiegeladene Weise. Außerdem sahen sich die Clubmitglieder Epochenhefte zu Geschichte, Biologie, Astronomie, Physik und Geometrie an, betrachteten eine Ausstellung von Handarbeiten zum Thema Arbeit von der ersten bis zur zwölften Klasse und sahen sich die schönen Tafelbilder der Lehrkräfte an – nichts davon wurde speziell vorbereitet, es war einfach ein Teil unserer täglichen Arbeit. Zum Abschluss erhielten die Besucher:innen Bücher, die von der Schule mit Unterstützung der Freunde der Erziehungskunst herausgegeben wurden. Im Anschluss daran fand eine Diskussionsrunde zum Thema „alternative Schulen“ statt.
Unsere Aufgabe war es nicht nur leuchtende, spektakuläre Fragmente der pädagogischen Aktivitäten und der Arbeit der Kinder in einer Waldorfschule zu zeigen, sondern vor allem zu betonen, dass es möglich ist, in einem solchen Stil zu arbeiten, der sich radikal von allen üblichen Ansätzen unterscheidet. Außerdem hoben wir hervor, dass großartige, fast professionelle Eurythmie-, Musical- und Zirkusnummern nicht das Ergebnis der Arbeit spezieller Gruppen sind, zu denen nur hoch motivierte und begabte Kinder gehören, sondern Teile des Arbeitsprozesses, an dem alle beteiligt sind. Auch Physik, Geometrie und Astronomie werden so unterrichtet, dass sie die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse auf sich ziehen und nicht nur die einer kleinen Gruppe begabter Kinder.
Während der Diskussion wurde mehrfach festgestellt, dass die Gäste sehr beeindruckt waren von dem, was sie sahen, und dass sie darüber nachdenken werden, unsere Erfahrungen in staatlichen Schulen zu nutzen. Wie die Leiterin der Schulbildungsabteilung des Ministeriums Tamara Sargsyan sagte: „Ich sehe das Wichtigste – Ihre Kinder wollen nicht von der Schule nach Hause gehen, und wir müssen darüber nachdenken, wie wir das in staatlichen Schulen machen können.“ Gleichzeitig ist es uns gelungen zu betonen, dass es nicht nur darum geht, einen guten Eindruck der Waldorfpädagogik und unserer Schule zu vermitteln, sondern einmal mehr zu zeigen, wie wichtig es ist, alternative Ansätze in der Bildung zu haben.
Einige wichtige Änderungen im staatlichen Lehrplan wurden bereits vorgenommen, die nur dank der aktiven Beteiligung der Waldorfschule an der Ausarbeitung der neuen Bildungsstandards und der Unterstützung der Ministerin möglich wurden: die Abschaffung der Noten in den öffentlichen Schulen bis zur Mitte der fünften Klasse, die Erhöhung des Umfangs der künstlerischen Fächer, die Einführung des Unterrichts bis zur zwölften Klasse und die Einführung alternativer Formen der Wissensüberprüfung, insbesondere von Einzel- und Gruppenprojekten. Noch überraschender ist, dass zwei meiner Bücher, die in voller Übereinstimmung mit dem Waldorfprogramm geschrieben wurden, einen Wettbewerb gewannen und zu Schulbüchern für öffentliche Schulen wurden. Dabei handelt es sich jedoch nicht einmal um Schulbücher im eigentlichen Sinne, sondern um zwei fiktive Geschichten, die pädagogisches Material enthalten. Heute lernen 40.000 armenische Kinder in regulären Schulen mit diesen Büchern.
Die Klubtreffen gehen weiter, das nächste wird den Problemen des „Staatlichen Bildungsstandards“ und Ideen für ihre Verbesserung gewidmet sein. Es sieht mehr und mehr nach einem Team von Menschen mit sehr unterschiedlichen Ideen, aber gutem Willen und dem gleichen großen Ideal aus – eine wirklich freie und gute Bildung zu schaffen sowie viele verschiedene Schulen zu haben, in denen Kinder glücklich sind.
Ara Atayan

