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„Wie das Gewogenwerden auf dem Schoß meines Vaters“ - Kinderschutzzentren als sichere Orte auf der Flucht

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Mittlerweile ist es zehn Jahre her, dass die Menschen, vor allem Jesidinnen und Jesiden, in der Region Sinjar im Irak von den Milizen des sogenannten Islamischen Staates (IS) überfallen worden sind. Wer sich retten konnte, floh. In den dadurch entstandenen Flüchtlingslagern haben sich Kinderschutzzentren, sogenannte „Child Friendly Spaces“, herausgebildet. Sie werden von Pädagog:innen angeleitet, die durch die Freunde der Erziehungskunst ausgebildet wurden. Eine Partnerorganisation, die nach jahrelanger und enger Zusammenarbeit mit der Notfallpädagogik der Freunde vor drei Jahren gegründet wurde, ist „Island of Hope“. Zur Arbeit dieser Organisation gehört die Unterstützung von Menschen, die in ihre zerstörte Heimat zurückkehren – zum Beispiel nach Sinjar. Dort wurde kürzlich einer der Gründer von „Island of Hope“, Hishyar Obeid, von einem jungen Mann namens Ivan Hassan Saido angesprochen. Dieser hat Hishyar wiedererkannt, da er selbst im Flüchtlingslager einen der „Child Friendly Spaces“ besucht und dort notfall- und traumapädagogische Angebote wahrgenommen hat. Ivan ist inzwischen 18 Jahre alt. Bei dem Wiedersehen mit Hishyar blickte er zurück auf die Geschichte seiner Flucht, die begann, als er acht Jahre als war:

Zwei Männer nebeneinander

Ivan und Hishyar

An einem Morgen wurde ich aus dem Schlaf gerissen und zum Pick-up meines Onkels gebracht. Ich wurde reingesetzt, meine Mutter und meine Schwester sind miteingestiegen. Alle anderen Familienmitglieder, unter anderem mein Vater und meine beiden Brüder, haben den Wagen meines Vaters genommen. Mein Papa ist vorausgefahren. Als wir an einem Checkpoint der IS-Milizen ankamen, wurde sofort auf beide Autos geschossen. Mein Vater konnte nicht mehr ausweichen; er wurde mit dem Rest der Familie festgenommen. Mein Onkel ist in eine andere Richtung gefahren und konnte über das Land ausweichen. Aus der Ferne wurde noch immer auf unseren Pick-up geschossen.

Die IS-Milizen haben alle, die im anderen Auto saßen, getötet, so auch meinen Vater und meine beiden Brüder. Meinen Vater haben wir gefunden, sodass wir ihn begraben konnten. Von den anderen fehlt bis heute jede Spur. Ich bin mir aber sicher, dass sie ermordet wurden. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir ihre Überreste finden werden.

Als wir in den Bergen von Sinjar ankamen, konnten wir nicht mehr mit dem Auto weiterfahren und mussten zu Fuß flüchten. Da meine Mutter gehbehindert ist, war das sehr schwer für uns. Irgendwann sagte meine Mutter zu mir: „Nimm deine Schwester und geh mit deinem Onkel. Ich kann nicht mehr. Überlasse mich dem lieben Gott.“ Ich aber antwortete: „Entweder bleibe ich bei dir oder du kommst mit!“ Ich war noch sehr klein und dennoch haben mein Onkel und ich abwechselnd meine Mutter getragen. Zusätzlich waren drei Wasserflaschen um meinen Hals gebunden.

Wir haben insgesamt neun Tage in den Bergen verbracht. Mein Onkel hat in der Zeit sehr viel telefoniert, um einen Ausweg für uns zu finden. Schließlich setzten wir unsere Flucht fort zu einem Ort in der Nähe von Dohuk, wo kurz danach ein Flüchtlingslager errichtet wurde.

Als ich elf Jahre alt war, wurde in der Nähe von unserem Zelt ein neues Kinderschutzzentrum eröffnet. Als ich dieses besuchte, war es für mich wie das Gewogenwerden auf dem Schoß meines Vaters. Ich wurde aufgefangen und alles Schreckliche, was in meinem Leben passiert war, habe ich in diesem Moment vergessen. Die Ratschläge, die Hazhar mir gegeben hat, habe ich immer noch im Kopf. Hazhar ist einer der Notfallpädagogen, die später „Island of Hope“ gegründet haben. Er motivierte mich, zur Schule zu gehen und daraufhin habe ich angefangen zu lernen. Vor allem waren die Stunden des Spielens immer das Schönste für mich; ich fühlte mich dann sicher und sammelte dabei positive Erfahrungen für meine Zukunft.

Ich wünsche mir, dass die Angebote, an denen ich als Kind im Flüchtlingslager teilnehmen durfte, weitergehen. Und dass auch Kinder hier im Sinjar die Möglichkeit haben, an solchen sicheren Orten Kind sein zu dürfen. Und ich wünsche mir, dass ich mir selbst ein Leben mit sicherem Einkommen aufbauen und damit auch meine Familie versorgen kann.

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