„Die Unruhen begannen in der Nacht und dauerten acht Stunden lang. Ich brauchte daher heute sehr lange, um zur Schule zu kommen. Der Bus war zu voll, um einzusteigen – ich musste auf den nächsten warten. Auf den Straßen gab es Staus und die Sirenen der Krankenwagen heulten laut. Als ich in der Schule ankam, war nur ein Drittel der Kinder in meiner Klasse. Einige von ihnen haben die ganze Nacht im Keller verbracht, andere waren schon eine Stunde im Luftschutzkeller der Schule. Der Alarm war losgegangen als sie bereits auf dem Weg zur Schule waren, andere waren gerade noch auf dem Weg zur Schule und saßen zum Beispiel im Stau fest.
Ich hörte mir all die Geschichten über den schlimmen Morgen an und beschloss, dass wir erst einmal etwas spielen mussten. Zuerst spielten wir ein Zaubererspiel. Wir begannen zu spielen und die Kinder erwachten zum Leben - sie bewegten sich, lachten. Es vergingen aber nur ein paar Minuten, vielleicht eine Viertelstunde, da ging wieder der Alarm für einen Luftangriff los. Wir schnappten uns unsere Sachen und rannten los. Es stellte sich heraus, dass wir nicht in den Schutzraum rennen sollten, sondern auf die Straße. Es hieß, die Schule sei „vermint“. Die nächsten 40 Minuten verbrachten wir auf dem Sportplatz der Schule, zu dem wir weitergeleitet wurden. Eine Schülerin hatte Äpfel aus ihrem Garten mitgebracht. Die Schülerinnen und Schüler knabberten an ihren Äpfeln und unterhielten sich. Später brachte eine andere Schülerin wunderschöne Blumen mit. Wir scherzten, dass sich die ganze Schule auf dem Sportplatz versammelte - das machen wir sonst nur zur Feier des ersten Schultags.
Ich beantwortete in aller Ruhe die vielen Fragen der Kinder, bis ich von einem hörte: „Und was machen wir, wenn jetzt der Luftangriff nun wirklich beginnt? Lassen sie uns dann nicht in den Luftschutzkeller der Schule?“ Gott sei Dank begann der Luftangriff nicht in diesem Moment, sondern erst viel später.
Wir hatten zwischendurch Zeit, in den Klassenraum zurückzukehren. Wir malten ein paar Granitlandschaften (aktuell beschäftigen wir uns mit Mineralogie), dann spielten wir ein paar Spiele im Sportunterricht. Bis der nächste Alarm losging. Wir schnappten wieder unsere Taschen und rannten in Sportkleidung direkt zum Luftschutzkeller. Es gab kein Licht, aber eine alternative Stromquelle, so dass wir in diesem unterirdischen Raum lernen konnten. Wir hatten Glück, dass wir später den Tag in unserem hellen, schönen Klassenzimmer beenden konnten. Trotz all dem waren die Kinder beim Arbeiten und Lernen sehr konzentriert.“
Die Freunde der Erziehungskunst unterstützen Schulen und andere Initiativen in der Ukraine, um das Fortlaufen eines Schulalltags trotz der anhaltenden Kriegssituation zu ermöglichen. Ihre Spenden helfen den Einrichtungen, um zum Beispiel die Gehälter der Lehrkräfte oder andere fortlaufende Kosten weiterhin bezahlen zu können. Auch der Bau von Luftschutzräumen wurde durch Ihre Spenden mitgetragen. Die Waldorfschulen in der Ukraine sind auch weiterhin auf Spenden angewiesen.

