Eine Schule für alle Kinder, ganz egal welchen kulturellen oder religiösen Hintergrund sie und ihre Familien haben, sowie interkulturelle Verständigung durch Kooperation und Begegnungen mit jüdischen Initiativen – dieses Ziel verfolgt die Hope Flowers School südlich von Bethlehem seit mehr als 35 Jahren. Hier arbeitete das notfallpädagogische Team der Freunde über mehrere Tage. Das Gelände mit seinem großen Schulgebäude und vielen Räumen befindet sich auf einem Hügel direkt gegenüber einer israelischen Siedlung. Entsprechend präsent ist das Militär, die Atmosphäre vor Ort für das Team spürbar angespannt. Die Anspannung ist auf die erneute Eskalation nach dem 7. Oktober 2023 zurückzuführen, die zu einer vollständigen Abriegelung und vielen Militäreinsätzen führte. Dazu verschlechterte der Entzug der Arbeitserlaubnis von zahlreichen palästinensischen Pendler:innen, die in Israel arbeiteten, die wirtschaftliche Situation von vielen Familien dramatisch. Vor allem sind Männer davon betroffen. Unter diesen Bedingungen nimmt auch die häusliche Gewalt zu, so dass viele Kinder und Frauen auch zu Hause keine Sicherheit finden.
An den Vormittagen arbeitete das notfallpädagogische Team mit den Kindern, nachmittags mit den Pädagog:innen. Von den 350 Kindern der Schule nahmen circa 270 Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter an den Workshops teil; mit jedem Kind wurde mindestens in zwei Einheiten gearbeitet. Bereits nach dem ersten Tag fragten die Kinder, ob das notfallpädagogische Team wiederkommen würde. Es sei das erste Mal seit Monaten, dass sie etwas Neues erleben und auf andere Gedanken kommen.
„Die Arbeit hier beginnt gerade erst, der Bedarf ist riesig und wir versuchen möglichst spontan und kreativ zu reagieren. Wir möchten die Menschen hier so gut es geht dabei unterstützen, das Erlebte besser verarbeiten zu können oder auch nur für ein paar Stunden zu vergessen,“ so Lina Bäuerle, die als Teil des notfallpädagogischen Teams vor Ort war, über die Arbeit. Sie nahm die Kinder als angespannt war: „Viele zeigten gesteigertes aggressives Verhalten oder wirkten unruhig oder ängstlich. Besonders schön war es dann zu sehen, wie sehr die Kinder beim Malen von dem Farbspiel begeistert waren. Es ging ein Raunen durch eine der Klassen, mit der wir malten, als sie ihre gelben Sterne auf blauem Hintergrund strahlen sahen. Man konnte richtig erleben, wie die Kinder ausatmen und sich spürbar entspannten.“
Nicht nur die Kinder leiden unter der angespannten Situation, auch für die Lehrkräfte ist es ein Kraftakt, zwischen den Sorgen um die eigene Familie, finanziellen Belastungen und den Herausforderungen der Arbeit im Gleichgewicht zu bleiben. An den Nachmittagen führte das Team Schulungen mit circa 25 Pädagog:innen der Schule durch. Neben theoretischen Einheiten zur Trauma- und Notfallpädagogik gab es praktische Einheiten – zum Beispiel mit Aquarellmalerei oder freiem Malen mit Wachsmalstiften. Den Pädagog:innen vor Ort halfen die Trainings in zweifacher Hinsicht: Zum einen gab es ihnen die Möglichkeit, sich mit ihren eigenen traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen, zum anderen vermittelte es ihnen Methoden für die Arbeit mit ihren Schulkindern.
Der Notfallpädagoge Lukas Mall, der den Einsatz leitete, war über Jahre immer wieder in Bethlehem und im Gazastreifen tätig, hatte dort 2006 seinen Freiwilligendienst gemacht. „Die Ausweglosigkeit und die Hoffnungslosigkeit sind mir sehr nahe gegangen. Die Möglichkeit, vor Ort aktiv zu werden, macht Mut und den dürfen wir nicht verlieren. Traumatische Erfahrungen können zu Einsamkeit sowie Gewaltbereitschaft führen und lassen uns „die Anderen“ nicht mehr als Menschen wahrnehmen. Notfallpädagogik leistet hier einen Beitrag, diese Spirale von Hass und Gewalt zu durchbrechen“.
In Absprache mit der Schulleitung ist die Idee, mit Fokus auf die Pädagog:innen einen zweiten Einsatz zu planen. Sie wünschen sich, dass ihre Kolleg:innen „weiter gestärkt werden, um so für die Kinder da sein zu können“. Wir möchten also: wiederkommen.

