Wie in vielen anderen Slums der Welt reihen sich auch in Mukuru kleinere und größere Wellblechhütten eng aneinander, Steingebäude gibt es nur selten. Die wenigen befahrbaren Straßen sind schlammig und die kleinen Pfade zwischen den Hütten mit Müll überschüttet. Bei dem Einsatz im Juli, also zwei Monate nach der Flut, stand das Wasser hoch an den Wegrändern und ein Ende der Regenzeit war nicht absehbar.
Die Menschen in Mukuru leben in großer Armut und mit wenig Perspektiven, so ist zum Beispiel der Schulbesuch für viele Kinder eine große Herausforderung. Da es wenige öffentliche Schulen gibt, entstanden viele kleine Schulen, die kaum den staatlichen Regularien entsprechen. Die Pädagog:innen haben selbst oft nur kurze Einführungsseminare erhalten und sollen nun bis zu 70 Kinder unterrichten. Die Tafeln sind alt, Schulmaterial wie bunte Stifte und Papier Mangelware – ebenso wie Platz, Licht und Ruhe. Die Dächer sind in der Regel aus Wellblech – bei Regen wird es dadurch im Klassenraum so laut, dass es unmöglich wird, etwas zu verstehen. Häufig sind auch die Wände aus dünnem Wellblech, sodass aus dem Klassenzimmer nebenan Stimmen und Lärm deutlich zu hören sind und es schwierig wird, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Viele der kleinen Schulen haben keinen Pausenhof – die Kinder bleiben in den Pausen auf der Bank sitzen und haben keine Gelegenheit, sich auszutoben oder zu entspannen.
Nahrungssicherheit ist ein großes Thema in Mukuru. Die meisten der Kinder erhalten keine regelmäßigen Mahlzeiten, was einen negativen Einfluss auf die Konzentration hat. In den Familien der Kinder kommt es außerdem häufig zu Gewalt, auch zu sexualisierter Gewalt. Christina (Name geändert), eine der lokalen Pädagoginnen, berichtet, dass die Kinder deswegen Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Christina arbeitet in einer kleinen Schule inmitten des Slums. Die Sicherheit ihrer Schulkinder liegt ihr sehr am Herzen.
Entsprechend bewegte das Team die Frage, wie sie die Kinder unterstützen können, die in einer von Gewalt geprägten Umgebung leben. Gemeinsam erarbeiteten sie Lösungen, wie trotz des Mangels an Platz und Material künstlerische Einheiten gestaltet werden können. Diese kleinen „Räume des Ausatmens“ bereiteten den Pädagog:innen vor Ort viel Freude – für einen Moment konnten sie und ihre Kinder ihre Sorgen vergessen. Wamu, ein Pädagoge des Waldorf Kukuma Projects, beschreibt die Stimmung im Raum mit folgenden Worten: „Am Ende der Sitzung sah man die Teilnehmenden mit lächelnden Gesichtern. Die Traurigkeit, mit der sie gekommen waren, verblasste und wurde durch entspannte, fröhliche Gesichter ersetzt.“
Dahinter stand jedoch ein ernsthaftes Interesse daran zu verstehen, was ein Trauma ist und wie es sich bei den Kindern zeigt: „Als ich die Mukuru kwa Njenga-Slums verließ, nahm ich tiefe Einsichten und unschätzbare Lektionen mit. Meine Erfahrungen dort haben nicht nur mein Verständnis bereichert, sondern mich auch mit dem Wissen ausgestattet, wie ich Menschen mit traumatischen Erlebnissen helfen kann. Ich habe großen Respekt vor den Bewohner:innen von Mukuru. Das Leben unter solch schwierigen Bedingungen erfordert außergewöhnliche Widerstandskraft, Anpassungsfähigkeit und harte Arbeit. Es ist offensichtlich, dass die kontinuierliche psychosoziale Unterstützung durch Organisationen und private Gruppen eine entscheidende Rolle dabei spielt, ihre Kraft und Hoffnung zu erhalten“, so Wamu.
Im November wird das notfallpädagogische Team erneut für eine Woche mit den lokalen Pädagog:innen zusammen kommen, um weitere traumapädagogische Methoden zu erarbeiten. Das langfristige Ziel ist, für die Kinder Orte der Sicherheit zu schaffen. Dafür ist es wichtig, dass die Pädagog:innen einen traumasensiblen Umgang mit den Kindern erlernen aber auch, dass sie sich erst einmal selbst sicher fühlen – denn auch für sie ist das Umfeld oft beängstigend und traumatisierend. „Die Situation ist für uns alle nicht leicht“, sagt Frances, eine Lehrerin aus Mukuru. „Ich hoffe sehr, dass wir den Kindern eine bessere Zukunft bieten können.“
Fiona Bay

