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Chile: Lebendiger Austausch auf der iberoamerikanischen Tagung

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Alle vier Jahre organisieren immer vier Vertreterinnen von Waldorfschulen verschiedener lateinamerikanischer Länder einen Kongress in einem der Länder Lateinamerikas. Die Covid-Pandemie führte zu einer Unterbrechung, da der letzte Kongress nur online stattfinden konnte. Nun ström­ten vom 19. bis 25. Juli über 400 Waldorflehrkräfte zum Colegio Rudolf Steiner in Santiago de Chile, um am XV. Congreso Iberoamericano Waldorf teilzunehmen.

Personen im Kreis sitzend unter Holzdach

Lebendiger Austausch auf dem Kongress

Als die Teilnehmenden des 15. Congreso Iberoamericano Waldorf beim Colegio Rudolf Steiner in Santiagos Stadtteil Peñalolen ankamen, sahen sie die durch die Abendsonne leuchtenden schneebedeckten Kordilleren als Horizont über allem thronen. Später ging der Mond über den Kordilleren auf und faszinierte alle in seiner ausgesprochenen Ruhe. Ein schöneres Willkommen hätte die winterliche Natur den Teilnehmenden nicht bereiten können. Zum ersten Mal, seit es diese Kongresse gibt, kamen die lateinamerikanischen Waldorflehrkräfte nach Chile. Und zwar ins Colegio Rudolf Steiner, die zweitälteste Waldorfschule Chiles, die die Waldorfpädagogische Arbeit Chiles bis heute prägt.

Da es bisher keine Waldorf-Assoziation in Chile gibt, weiß auch kaum jemand wie viele waldorfpädagogische Einrichtungen es dort gibt. Allein eine kurze Onlinerecherche förderte mehr als 40 Waldorfschulen in Chile zutage, vermutlich (und wie sich bei Besuchen auch zeigte) unterschiedlichster Qualität. Seit den 2010er Jahren etwa nimmt eine Gründungswelle Anlauf, die immer noch ansteigt. Vor dieser Zeit begannen die Gründungen kleiner Waldorfschulen außerhalb der Metropolregion von Santiago de Chile. Davor war die vom Architekturdozenten Jorge Gomez und der Waldorflehrerin Angelica Vallespir in Limache mit einer umfassenden kulturellen und sozialen Vision angestoßene Gründung der Waldorfschule San Francisco de Limache die einzige außerhalb der Metropolregion befindliche Waldorfschule. Heute finden sich Waldorfeinrichtungen, also Schulen und Kindergärten, von der nördlichsten Schule im ariden Wüstenklima in Arica bis zu den südlichen Kindergärten und Schulen Patagoniens und der Insel Chiloé.

Die geografische Lage Chiles vereinfacht die Zusammenarbeit nicht. Auch wenn Chile nur etwa 20 Millionen Einwohner hat, etwa genauso viele wie Rumänien, so ist das Zusammenarbeiten in Rumänien doch sehr viel einfacher, weil die Städte in einem vertretbaren Zeitrahmen erreichbar sind. Das ist in Chile mit seinem etwa 4.200 Kilometer langen schmalen Landstrich sehr viel schwieriger. Würde man nonstop mit dem Auto von Arica im Norden in die patagonische Hauptstadt Punta Arenas fahren, wäre man zwei Tage und Nächte und zwölf weitere Stunden unterwegs. Das soll keine Entschuldigung sein, sondern nur zeigen, mit wie viel Aufwand und mit welchen Kosten eine Zusammenarbeit der Kolleginnen und Kollegen in diesem Land verbunden wäre. Das zeigte sich auch an der Teilnahme beim Kongress, denn viele chilenische Lehrkräfte konnten sich die Fahrt nach Santiago und die Teilnahme am Kongress nicht leisten. So waren vor allem die Kolleginnen und Kollegen der Metropol-Region vertreten.

Inhaltliches Kernelement der lateinamerikanischen Waldorf-Kongresse sind seit vielen Jahren die Vorträge Rudolf Steiners „Allgemeine Menschenkunde“. Es sind vierzehn Vorträge, die Rudolf Steiner vor der Eröffnung der ersten Waldorfschule 1919 in Stuttgart für die angehenden, akademisch gebildeten Lehrkräfte als Grundlage eines Verständnisses für das sich entwickelnde Kind hielt. Bei jedem Kongress steht ein Vortrag im Zentrum der Arbeit. Und bei jedem Kongress melden sich diejenigen Schulen, die den entsprechenden Vortrag beim nächsten Kongress vorstellen wollen. Die Beiträge sind ausgesprochen unterschiedlich. Während die einen Tänze aufführen und die einzelnen Gedanken oder Elemente des Vortrags mit musikalischen und Bewegungsgesten erläutern, zeigen andere ihre in der Vorbereitung erarbeiteten Gemälde, Zeichnungen, Skizzen. Nie wird nur ein Stilelement benutzt; immer ist es vielfältig und lebendig. Am wenigsten wird geredet. Und wenn, dann immer in kurzen Abschnitten zwischen den einzelnen Vorführungen.

Constanza Kaliks und Claus-Peter Röh, Leiterin und ehemaliger Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, hielten die Morgenvorträge, Louisa Lameiraõ aus Brasilien täglich einen Abendvortrag zu Fragen der inneren Schulung der Lehrkäfte. Einfühlsam und poetisch beschrieb sie die vielfältigen seelischen Hürden, die in der Beziehung zu sich selbst und in der Beziehung zu Kindern, Jugendlichen und Eltern auftauchen und wie diese bearbeitet werden können. Die in Brasilien aufgewachsene Constanza Kaliks sprach meistens Spanisch, manchmal auch Brasilianisch und redete sich mit ihrer klaren, verbindlichen und aufrechten Art schnell in die Herzen der Zuhörenden.

Diese innere Wärme der Beitragenden brauchte es dringend, denn es war kalt. Auch wenn der Winter in dieser Weltgegend gerade nicht mit Minusgraden aufwartete, so waren die vier oder fünf Grad am Morgen und am Abend sowohl in den Essenszelten als auch im Veranstaltungszelt doch nicht ganz so leicht zu ertragen. Eingemummelt in Wintermäntel, Wollschals und dicke Stiefel hielten aber alle durch. Ja, sie hielten nicht nur durch, sondern genossen mit jedem Tag mehr den Austausch zwischen den Kolleginnen und Kollegen und mit den Vortragenden.

Nana Göbel

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