Charkiw wird weiterhin jeden Tag beschossen. Im März wurden die Heizwerke, die die Stadt mit Wärme und Strom versorgten, völlig zerstört. Die Heizung funktionierte nicht. Es war kalt im Frühjahr und wir wissen nicht, ob die Häuser in diesem Herbst und Winter eine Heizung haben werden. Es gab kein Wasser und kein Licht. Der elektrische Stadtverkehr funktionierte mehrere Wochen lang nicht. Nur einige Buslinien fuhren. Am 10. Mai begannen die russischen Truppen ihre Offensive auf Charkiw. Der Beschuss und die Bombardierung waren besonders stark. Es gab viele Zerstörungen. Die wichtigste Errungenschaft ist, dass die Schule trotz aller Schwierigkeiten weiter besteht und die Kinder weiter lernen.
In Charkiw ist es verboten, den Unterricht in Kindergärten und Schulen abzuhalten, wenn es keinen Luftschutzkeller gibt. Die Polizei kommt immer wieder auch zu uns, um zu überprüfen, ob im Kindergarten und in der Phönix-Schule Unterricht stattfindet. Am Sonntag, dem 23. Juni, wurde eine öffentliche Schule von einer Fliegerbombe getroffen. An diesem Tag befanden sich keine Kinder in der Schule. Die Schule verfügt nicht über einen Luftschutzraum. Aber die Kinder hatten an anderen Tagen Unterricht in der Schule und damit hat die Schule gegen das Gesetz verstoßen. Jetzt fordert das Bildungsministerium, dass der Schule die Lizenz entzogen wird.
Da wir keinen Schutzraum haben, fand im Schuljahr 2023–2024 der Unterricht der Phönix-Schule nicht in unseren eigentlichen Räumen statt, sondern in den Räumen einer psychologischen Beratungsstelle. Leider können wir auch hier nicht jeden Tag unterrichten, sondern nur zwei bis drei Mal pro Woche. An den übrigen Tagen findet der Unterricht online statt. Die Lehrkräfte kommen immer zum Präsenzunterricht, aber es liegt im Ermessen der Eltern, ob sie ihr Kind zum Unterricht bringen oder nicht. Aus Sicherheitsgründen sind die Eltern entweder anwesend oder in der Nähe. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin nicht zum Unterricht kommt, werden zusätzliche Online- Unterrichtsstunden organisiert. Zurzeit haben wir neun Schülerinnen und Schüler. Zwei nehmen seit April nur noch am Online-Unterricht teil. Eine Familie ist aus Sicherheitsgründen in eine ländlichere Gegend gezogen. In einer anderen Familie hat der Vater Angst, seinen Sohn in die Schule zu bringen. Er ist beruhigt, wenn sein Sohn zu Hause ist. Die anderen sieben Schülerinnen und Schüler besuchten dem Stundenplan entsprechend den Online- und Präsenzunterricht.
Am 8. März veranstalteten wir ein Fest für Mütter und bereiteten Geschenke für sie vor. Zu Ostern bemalten wir Eier und lasen Ostergeschichten. Auch zum Ende des Schuljahres veranstalteten wir ein Fest. Die Kinder malten Bilder für die Soldaten. Die Lehrkräfte führten ein Marionettentheater für unsere Schülerinnen und Schüler, aber auch für Kinder aus anderen Schulen auf. Es gab viele Pläne, die leider wegen des Beschusses und der Bombardierung von Charkiw nicht verwirklicht werden konnten. Im Mai planten wir einen Besuch in einem Zoo auf dem Land. Der Schule wurde ein kostenloser Bus für diesen Ausflug zur Verfügung gestellt. Aber Mitte Mai wurde der Zoo bombardiert, und es war verboten, ihn zu besuchen.
Trotz all dieser Problematiken ist es uns wichtig, unsere Schülerinnen und Schülern durch regelmäßigen Unterricht und die sichere Durchführung möglichst vieler Aktivitäten mit Stabilität und Vertrauen auszustatten. Einige unserer Lehrerinnen wurden durch die Freunde der Erziehungskunst notfall- und traumapädagogisch geschult und arbeiten entsprechend mit unseren, aber auch mit Kindern aus anderen Schulen.
Valeriya Medvedeva

