Am Fuße der Karpaten direkt an einem wunderschönen Badesee bietet SOS Kinderdorf Ukraine den ganzen Sommer über je zweiwöchige Ferienlager für jeweils 80 Kinder und Jugendliche an. Die meisten kommen aus den östlich gelegenen Konfliktregionen, und schon alleine die schöne und stille Natur in der friedlichen ländlichen Westregion ohne ständige Luftalarme, Aufenthalte in Schutzbunkern, den Lärm von Einschlägen und Nahkampfhandlungen hat eine heilsame Wirkung.
Die Kinder wirken auf den ersten Blick fröhlich, ausgelassen und uns gegenüber sehr neugierig und offen. Erst nach ein paar Tagen werden die tiefe Trauer, die emotionale Erschöpfung, die Aggression und Zurückgezogenheit und die Unruhe und Angst deutlich. Und sie fangen an zu erzählen, von dem Verlust von einem oder beider Elternteile, vom Vater der mit Amputationen und völlig verändert von der Front zurückgekehrt ist, von Flucht und Binnenvertreibung, von der Zeit der Verschleppung/Zwangsadaption in Russland.
Ein notfall- und traumapädagogisches Team der Freunde der Erziehungskunst, bestehend aus internationalen und ukrainischen Pädagog:innen und einem Kinder- und Jugend Psychotherapeut, wurde eingeladen und gebeten, drei Tage mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Dabei konnten die Kinder malen, mit Ton arbeiten, Rhythmus üben und mit erlebnispädagogische Spielen Freude empfinden. Die Mitarbeitenden des SOS Kinderdorf an diesen Aktivitäten teilgenommen – mitgemacht, mitgeholfen und miterlebt. Danach hatte das notfallpädagogische Team noch drei Tage mit den Mitarbeitenden alleine, um in Theorie und Praxis darauf auf die zuvor erlebten Notfallpädagogischen Maßnahmen einzugehen. Wir erläuterten, was gemacht wurde, wie gearbeitet wurde, und welchen Effekt die Aktivität aus traumapädagogischer Perspektive haben.
Entstanden war der Kontakt über die Leiterin der Ferienlager, die 2022/2023 an der Fortbildung in Notfall- und Traumapädagogik der Freunde der Erziehungskunst in der Ukraine teilgenommen hat. Sie erlebt deutlich, dass die Kinder und Jugendlichen in den aktuellen Lebensumständen viel mehr brauchen als reine spaßige Freizeitgestaltung. Wichtig ist, dass sie Schutz und Stabilisierung erfahren.
Auch die Mitarbeitenden des Kinderdorfs sind erschöpft, weswegen das Thema der Selbstfürsorge in unserer Arbeit mit ihnen eine große Rolle spielte. Aber trotz ihrer Erschöpfung schenken sie all ihre Liebe, Herzlichkeit und Aufmerksamkeit den Kindern. Generell herrscht eine schöne Stimmung von Zuneigung und Verbundenheit und die menschliche Wärme, die Freude, die schönen Erinnerungen dienen den Kindern und Jugendlichen als Kraftquelle, für das was sie wieder in ihrer Lebensrealität erwartet.
Jessica Prentice

