Lieber Herr Scholl, Sie arbeiten mit ihren Kolleginnen für die LAG Berlin-Brandenburg und außerdem unterstützten Sie Initiativen in Deutschland, die eine Waldorfschule gründen wollen, indem sie bei verwaltungsrechtlichen, pädagogischen Fragen und Vorgehensweisen beraten.
Das ist richtig. Meine Schulzeit habe ich weitgehend an der Waldorfschule in Kassel verbracht, wo ich mein Abitur und eine Schreinerausbildung absolviert habe. Im Anschluss war ich im künstlerischen Bereich tätig und danach arbeitete ich für eine Kommunikationsagentur. Dass ich jetzt die sinnstiftende Arbeit für die Schulen in Berlin und Brandenburg machen kann, ist mir eine Freude.
Ich finde den Brückenschlag zwischen den deutschen Waldorfschulen und den Waldorfschulen im Ausland immer besonders spannend. Sie und Ihre Familie sind Teil unseres Bildungspatenschaftsprogramms. Was hat Sie dazu bewegt, eine Patenschaft zu übernehmen?
Waldorfschulen außerhalb von Deutschland sind wichtig, denn sie entwickeln die Waldorfpädagogik in anderen Kontexten weiter. Sie greifen lokale kulturelle, religiöse, soziologische und historische Traditionen auf, in denen die Kinder leben und bereichern damit das, was Waldorfpädagogik sein kann. Für uns als Familie war es wichtig, gleichaltrige Kinder zu erleben und aufwachsen zu sehen. Nur so verliert der Fremde das Fremde. Das wollten wir unseren Kindern vermitteln.
Was hat Sie überrascht, nachdem Sie die Bildungspatenschaften übernommen haben?
Ich würde es eher als „Aha-Moment“ und weniger als Überraschung bezeichnen. Zu sehen, dass Kinder unabhängig ihres soziokulturellen Hintergrundes in den unterschiedlichen Lebensphasen sehr ähnliche Themen, Fragen und Probleme haben, war eine schöne Erkenntnis.
Wie funktioniert die Kommunikation mit Ihren Patenkindern?
Das ist ganz unterschiedlich. In den vergangenen Jahren hatten wir sechs Patenkinder in Ländern wie Brasilien, Ungarn, Südafrika oder den Philippinen. Jedes Kind ist anders. Manche schreiben und malen viel und gerne, manche weniger. Aber die Kinder entwickeln sich im Laufe einer jahrelangen Patenschaft und damit verändern sich auch ihre Interessen und Fähigkeiten. Je nach Alter kann es passieren, dass es einem Kind ganz besonders schwerfällt zu kommunizieren. Wir freuen uns jedenfalls über jeden Brief und jedes Bild, haben aber auch großes Verständnis, falls es mal weniger Post gibt.
Was können wir als Träger und Vermittler der Bildungspatenschaften noch verbessern?
Ich denke, die Freunde der Erziehungskunst könnten sich als Institution nicht nur als Hilfsorganisation und mehr als Impulsgeber, Erneuerer oder Inspirator für die Waldorfbewegung verstehen und inszenieren.
Was hat Sie dazu bewegt, grade uns als Verein zu unterstützen?
Weil ich begeistert davon bin, dass die Freunde der Erziehungskunst seit 50 Jahren die Spenden zu 100 Prozent weiterleiten. Ich kenne keine Organisation, die so arbeitet. Ohne finanzielle Unterstützung ihrer Arbeit ist es natürlich unmöglich, dieses Ideal fortzuführen. Die Strukturen, in denen Ihre Tätigkeiten als Verein funktionieren, müssen schließlich auch finanziert werden. An dieser Stelle würde ich auch gerne den Tipp einbringen, viel mehr auf die Notwendigkeit der Unterstützung Ihrer Arbeit aufmerksam zu machen, damit die fantastische Arbeit, die Sie von Ihrem kleinen Berliner Büro aus leisten, auch in Zukunft bestehen bleiben kann.
Würden Sie die Übernahme einer Bildungspatenschaft über die Freunde der Erziehungskunst weiterempfehlen?
Jederzeit. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, die Waldorfinitiativen im Ausland zu stärken und die große Herausforderung anzunehmen, Kinder an einer Waldorfschule aufzunehmen, deren Eltern in einer schwierigen finanziellen Situation sind.
Interview: Fabian Michel

