Auf den ersten Blick ist Charkiw eine Stadt, in der das Leben weiter geht, der Rasen gemäht wird, die Müllabfuhr reibungslos funktioniert. Man sieht zum Beispiel Eis essende Mütter und Kinder im Park. Zwischendurch gibt es Luftalarm, der die Menschen scheinbar wenig beeindruckt. Im Gespräch ist jedoch schnell zu merken, wie sehr viele Menschen unter dem konstanten Kriegsgeschehen leiden. So berichtet zum Beispiel eine Frau: „Wir waren im Park spazieren, mein Sohn, seine Familie und ich, als es einen Einschlag gab. Mein Sohn wurde von umherfliegenden Splittern getroffen – 39 Teile mussten operativ aus seinem Körper entfernt werden und er leidet noch heute unter den körperlichen Folgen.“ Viele Menschen in Charkiw können Ähnliches berichten. Sie erzählen auch immer wieder von den Nächten, in denen die Fenster beben, weil es in nächster Nähe einschlägt – und von ihrer Angst davor, dass es diesmal doch das eigene Haus erwischt.
Bereits seit über 20 Jahren gibt es in Charkiw die heilpädagogische Schule Phoenix. Gerade für Menschen mit Behinderungen ist die Flucht vor dem Krieg, sowohl ins Ausland aber auch innerhalb des Landes, fast unmöglich. Die Mitarbeiterinnen von Phoenix versuchten von Beginn des Krieges an, bestmöglich mit den Schülerinnen und Schülern weiterzuarbeiten. Die Internationale Zusammenarbeit der Freunde der Erziehungskunst fördert die Schule bereits seit vielen Jahren. Dank der zahlreichen Spenden aus den Aufrufen der Freunde für die Ukraine und den Überweisungen nach Charkiw gelang es, dass die Pädagoginnen diese so wichtige Arbeit weiterführen können. Aufgrund des Krieges können sie nicht mehr in ihren ursprünglichen Räumen arbeiten, da diese Teil eines Gebäudes sind, in dem kein Bunker vorhanden ist. Seit Sommer 2022 dürfen Schulen jedoch nur dann in Präsenz Unterricht durchführen, wenn es einen Bunker gibt, in dem alle Schülerinnen und Schüler sowie Mitarbeitende Platz finden. Somit mussten zusätzlich andere Räume angemietet werden, in denen der Unterricht nun – provisorisch – stattfinden kann.
Angelika Merzalowa, eine der Lehrerinnen an der Phoenix Schule, nahm 2023/2024 in Lviv an der Fortbildung für Notfall- und Traumapädagogik der Freunde der Erziehungskunst teil. „Die Fortbildung hat mich sehr inspiriert und ich war begeistert von der Notfall- und Traumapädagogik. In Charkiw ging ich dann in die Straßen in meiner Umgebung, wo immer Kinder sind, und holte Bälle und einen Spielfallschirm aus der Kiste. Die Kinder waren zuerst sehr überrascht und am Ende der Stunde waren sie glücklich.“ Außerdem gelang es Angelika in einem öffentlichen Bunker in der Nachbarschaft, einen Child Friendly Space einzurichten. Dafür wurde ihr ein großer Raum im Keller zur Verfügung gestellt, in dem sie während eines Luftalarms mit den Kindern notfallpädagogisch arbeiten kann. „Wir machen rhythmische Übungen mit Gesang, arbeiten mit einem Spielfallschirm und bieten Formenzeichnen, Malen und verschiedene Arten von Handarbeiten an. Es war von Anfang an gut zu beobachten, dass die Kinder durch die Arbeit ruhiger und fröhlicher wurden.“ Auch auf die Eltern hat die notfallpädagogische Arbeit mit den Kindern einen positiven Effekt. Sie sind sehr dankbar, dass Angelika und ihre Kolleginnen sich um die Kinder kümmern, da sie dadurch ein Stück weit entlastet und ihr Sorgen und Ängste um die Kinder ein bisschen gelindert werden können.

