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Nach dem Erdbeben in der Türkei: Eltern sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder

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Bei unserem zweiten notfallpädagogischen Einsatz in der Türkei im Juni und Juli, der durch Mittel von Aktion Deutschland Hilft durchgeführt werden konnte, haben wir unter anderem auch mit Eltern gearbeitet. Viele Eltern nahmen das Angebot der notfallpädagogischen Arbeit der Freunde der Erziehungskunst an und berichteten von ihren Erlebnissen, Sorgen und Ängsten.

Vom 24. Juni bis zum 8. Juli 2023 war ein internationales Team der Freunde der Erziehungskunst, bestehend aus sieben türkischen, drei deutschen und zwei irakischen Notfallpädagog:innen mit Kindern, Eltern und Pädagog:innen in der Provinz Hatay. „Die Zerstörung in der Region ist sehr deutlich“, berichtet Einsatzleiterin Fiona Bay, „einige Bereiche sind bereits aufgeräumt, aber Trümmer bestimmen noch immer das Gesamtbild.“ Viele Menschen leben noch Monate nach dem Beben in Zelten vor oder neben ihren zerstörten Häusern, aber auch in großen Zelt- und Containerlagern. Während unseres Einsatzes in Hatay arbeiteten wir gleichzeitig mit Kindern und Eltern. Nach einem Anfangskreis mit Eltern und Kindern teilte sich unser Team auf, sodass die Eltern in Abwesenheit ihrer Kinder über alles sprechen konnten.

„An unserer Elternarbeit in der Provinz Hatay haben vor allem Mütter und wenige Väter teilgenommen“, berichtet die türkische Notfallpädagogin Filiz Karahasanoğlu, „viele Männer arbeiten im Ausland und kommen ein- bis zweimal im Jahr für einen Monat nach Hause.“ So tragen die Mütter fast allein die Verantwortung für die Familie. Der Vorteil ist, dass die Arbeitsplätze im Ausland erhalten blieben, während viele Menschen in Hatay durch das Erdbeben ihre Arbeit verloren haben. Doch für die Frauen, die allein mit ihren Kindern in den Zeltlagern leben, ist es schwierig: „Viele Frauen fühlen sich nicht sicher und möchten vor allem nachts nur mit Begleitung zu den Gemeinschaftstoiletten gehen“, berichtet Karahasanoğlu.

Teil der Arbeit mit den Eltern war zum Beispiel Psychoedukation zu Trauma und Trauerprozessen und Erziehungsberatung, insbesondere in Bezug auf den Umgang mit Ängsten und Albträumen. Darüber hinaus haben wir Stabilisierungs-, Körperwahrnehmungs-, Bewegungs-, Atem- und Konzentrationsübungen durchgeführt und Bastel- und Handarbeitsangebote gemacht.

„Die Eltern waren sehr offen, hatten viel zu sagen und ein großes Bedürfnis, sich mitzuteilen“, sagt Filiz Karahasanoğlu. „Sie haben uns erzählt, wie sie das Erdbeben erlebt haben, wie sie reagiert und die Kinder in Sicherheit gebracht haben. Sie haben auch darüber gesprochen, welche Fehler sie dabei gemacht haben. Eine Teilnehmerin machte sich große Vorwürfe, weil sie einen Schrank in die Nähe der Eingangstür gestellt hatte, der dann beim Beben umstürzte und den Weg versperrte.“ Das größte Thema für die Eltern waren die Ängste der Kinder. Manche weigern sich, allein zu schlafen. Viele möchten bestimmte Orte wie das Haus oder das Zelt nicht verlassen oder auch nicht betreten. Manche sind nach dem Erdbeben sehr still geworden, wollen nicht mehr reden, ziehen sich zurück. Einige werden ungewöhnlich aggressiv. Da viele Angehörige bei dem Erdbeben ums Leben kamen, gab es auch große Ängste, dass die überlebenden Eltern ebenfalls sterben könnten. So fragte ein sechsjähriges Kind seine Mutter: „Mama, was soll ich machen, wenn du auch stirbst?“ Wir haben mit den Eltern erarbeitet, wie sie mit den Ängsten und Sorgen der Kinder umgehen können.

Nicht nur die Kinder, auch die Eltern haben ein schweres Trauma erlebt. Sie haben Familienangehörige und andere nahestehende Menschen verloren und konnten noch nicht wirklich trauern, weil andere Probleme und Prozesse im Vordergrund standen. Sie haben Angst vor der Zukunft und sehen mit Sorge einem weiteren Winter in Notunterkünften entgegen.

Wir arbeiteten mit ihnen daran, ihre Ressourcen zu stärken und zu erweitern. Was kann ich gut? Wie kann ich meine Fähigkeiten wieder aktivieren? Welche Möglichkeiten habe ich? Wie kann ich mein aktuell sehr fremdbestimmtes Leben gestalten? Was kann ich selbst dafür tun?

Die Reaktivierung der Fähigkeit, ins Handeln zu kommen, zeigte sich besonders in der Handarbeit. Nachdem wir gemeinsam Traumfänger aus Wolle gebastelt hatten, wollten die Teilnehmenden mit der Handarbeit weitermachen. „Eine Frau erinnerte sich dran, dass sie noch Perlen hatte, und brachte die mit“, erzählt Filiz Karahasanoğlu. „Daraufhin hat die ganze Gruppe Armbänder gebastelt. Daraus entstanden weitere Ideen und alle schauten, welche Materialien sie noch hatten und brachten sie mit. Eine Teilnehmerin konnte Taschen häkeln und brachte es den anderen bei. Sie freuten sich, gemeinsam etwas zu schaffen. Sie wurden so produktiv, dass sie sogar überlegten, etwas herzustellen und zu verkaufen.“

Aufgrund des hohen Bedarfs an psychologischer Unterstützung haben wir Kontakt zum türkischen Psychologenverband in Hatay aufgenommen, um eine langfristige psychologische Beratung zu ermöglichen und zu gewährleisten. Den Familien wird nun dauerhaft eine wöchentliche Beratung oder Therapie angeboten.

Eine Gruppe türkischer Notfallpädagog:innen führt Ende August einen weiteren Einsatz in Hatay durch. Außerdem wird ein internationales Team voraussichtlich im Oktober dort aktiv werden, um weitere Unterstützung anzubieten.

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