Seit zwei Jahren stöhnen wir in unserer Welt über all die Probleme, die die Pandemie für uns mit sich bringt. In armen Ländern wie Nepal bedeutet das Virus aber neben allen Sorgen und Einschränkungen, die auch uns plagen, noch bittere zusätzliche Not wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, ohne Absicherung durch den Staat. Die Menschen haben also kein Einkommen, sie hungern und frieren und können die medizinischen Behandlungen gegen Covid nicht bezahlen.
In dieses Elend brachten die Kinder der waldorfinspirierten Shanti Schule anderen Kindern in benachbarten Slums freundliche Hilfe und weckten in ihnen neue Zuversicht. Sie begannen mit dieser Hilfe, als ein rigider Lockdown monatelang allen Tagelöhner ihre Verdienstmöglichkeit nahm. Viele von ihnen wohnen in Slums aus Wellblechhütten in unmittelbarer Nachbarschaft von Shanti. Nachbarn kann man aber doch nicht hungern und frieren lassen.
Und so kochten die Köche in der Großküche von Shanti Extraportionen in riesig großen Kesseln. Zwei Männer müssen sie tragen, und zum Umrühren brauchen die Köche Holzlöffel, fast so groß wie Ruder. Die Shanti Kinder durften nicht zur Schule gehen – die Regierung hatte strengsten Lockdown angeordnet. Es wurde ihnen langweilig.
Und so halfen sie mit Begeisterung, das Essen für die Nachbarn vorzubereiten: schnippelten Berge von Gemüse und packten dann hunderte von fertigen Portionen in einzelne Behälter.
Für die Familien in den Slums wurde diese tägliche Mahlzeit überlebenswichtig. Für die Kinder der bedürftigen Menschen verpackten die Shanti Kinder noch zusätzlich zu den warmen Essen einen traditionellen Aufbaubrei, er heißt in Nepal Litho. Dafür werden verschiedene Hülsenfrüchte wie Linsen, Erbsen und Soyabohnen zusammen mit Getreidesorten, d.h. Naturreis, Gerste und Buchweizen und dazu noch ein paar Nüsse zu einer Breimischung vermahlen. Für ein paar hundert hungernde Kinder mussten jeweils 2 kg pro Monat verpackt werden. Alle strahlten stolz, wenn der Kleinlaster bis hoch an den Rand beladen abfuhr, wussten sie doch, wie wichtig diese Zusatznahrung für die Kleinen im Slum ist. Hunger hat in Nepal bei vielen Kinder schlimme gesundheitliche Spätfolgen von zum Beispiel Kleinwuchs bis hin zum Verlust des Augenlichtes.
Und die Shanti Kinder überlegten , wie sie den Nachbarkindern eine besondere Freude machen könnten. Sie kamen auf die Idee das, was sie selbst besonders gern essen, als Überraschung für die Kinder im Slum zu kochen: Möhrenhalwa. Ein Gericht aus geriebenen Möhren mit Zucker zusammengekocht. Es war Karottensaison. Auf dem Shanti Gemüsefeld waren die Möhren erntereif. Fünfzig Kilo, also einen halben Zentner, schrappten und raspelten die Kinder, kochten das Halwa unter Anleitung der Köche und packten die süße Speise in individuelle Schalen. Die Freude in den Slums war groß.
Beim Kochen hatten die Shanti Kinder aber auch gesehen, wie viel Brennmaterial ihre Aktion verschlang. Sie wollten helfen, die notwendigen Biobriketts herzustellen. Mit Energie und Geduld rissen sie Riesenberge Papier und Pappe in kleine Stücke und weichten sie in großen Wasserbottichen ein. Die Pulpe musste mit Sägespänen vermischt werden. Das machte am meisten Spaß: ein größeres Kind stieg jeweils in einen Bottich und stampfte die Masse mit den nackten Füssen. Aus dem Brei pressten sie dann die Briketts, legten sie auf große runde Bambustabletts und brachten sie zum Trocknen auf eines der Dächer.
Auf dem großen Dach des Shanti Zentrums ist genug Platz für Aktivitäten. Während der Pandemie mussten die Kinder darauf ausweichen – einige Klassenräume wurden nämlich als Isolierzimmer für Covidinfizierte genutzt. Zum Glück kam morgens die Yogalehrerin und die Gruppe übte Yoga. So war der Tag etwas strukturiert. Was aber gab es sonst zu tun? Tanzen und Singen. Mit Hingabe übten die Altersgruppen klassische nepalesische Gesänge und Tänze.
Und ihr Eifer wurde belohnt: sie wurden eingeladen, im Süden Nepals in den Ort Lumbini, wo der Buddha geboren wurde. Als der Lockdown endlich nach vielen Monaten gelockert wurde, fuhr eine Gruppe von 35 Kindern mit zehn Betreuern und Betreuerinnen im Schulbus in den Süden. Die Fahrt über die kurvenreichen Straßen dauerte lange. Aber die Freude über den Ausflug ließ die gute Laune trotz aller Anstrengung überwiegen. Für viele Kinder war dies ja ihre allererste Reise. Sie kommen aus so armen Elternhäusern, etliche sind Waisen, wie hätten sie da je wegfahren können …
Die Aufführungen wurden fröhlich beklatscht und die Kinder waren glücklich. Sie übernachteten in Tempeln, um Geld zu sparen und gekocht wurde in mitgebrachten großen Töpfen. Leider musste die Reise nach drei Tagen abgebrochen werden. Heftige stundenlange Regenfälle überfluteten die Straßen, und die Lehrerinnen und Lehrer fürchteten, dass Erdrutsche den Rückweg unpassierbar machen würden. Zum Glück kamen alle wieder heil in Kathmandu an.
Der Regen aber zerstörte ein Drittel der Reisernte, weil das geschnittene Getreide zum Trocknen auf den Feldern gelegen hatte und dann verrottet ist. Das heißt für die Armen in Nepal: ihr Grundnahrungsmittel, der Reis ist so teuer geworden, sie hungern noch mehr. Und da auch in Zukunft mit solchen Regenfällen gerechnet werden muss – der Klimawandel wirkt sich in Nepal zerstörerisch aus – helfen die Shanti Kinder mit, Obstbäume zu pflanzen. Sie fahren zur Shanti Farm und setzen Mandarinen und Guavenbäume, Birnen und Avokados.
Obst ist in Nepal so teuer, nur reiche Menschen können es sich leisten. Aber Obst brauchen die Menschen für eine gesunde Ernährung – und so freuten sich, die Kinder, als die von ihnen gepflanzten Bäumchen schon nach wenigen Monaten die ersten Mandarinen trugen. Und weil alles so teuer geworden ist, fehlt den arbeitslosen Tagelöhnerfamilien in den benachbarten Slums auch das Geld für Kleidung für ihre Kinder. Es ist aber sehr kalt in Kathmandu. Deshalb verteilte die Shanti Handarbeitslehrerin dicke Wolle an die Kinder und sie strickten warme Mützen für die Nachbarskinder. Insgesamt kamen 160 Mützen zusammen. Die Kinder strahlten: die Strick-Kinder wie auch die Kinder in den Slums.
Auch jetzt sind die Schulen wieder geschlossen, und es wird gekocht, gestrickt, getanzt und gesungen. Covid lässt neben allem Frust auch die guten Kräfte in den Menschen aufleben.
Die frohen Gesichter der Eltern und Kinder in den Slums über die Hilfe, die sie erfahren, motiviert und bestärkt die Shanti Gemeinschaft, nicht müde zu werden in ihrem Willen Not zu lindern und freundliche Nachbarschaft zu leben.
Marianne Grosspietsch

