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Lebensbilder aus dem "Land der Möglichkeiten"

Ungarn hat mit 20 Schulen die kraftvollste Waldorfbewegung Osteuropas. Ákos Kökéndy schreibt mit leisem Humor über die Situation in seinem Land und in der Budapester Waldorfschule, die 1989 den Anfang machte.

Am 24. Dezember ziert ein großes Farbfoto die Titelseite der vielleicht größten Tageszeitung in Ungarn. Das Bild strahlt eine schöne Atmosphäre aus. Ein Kleinkind entzündet gerade an einer großen Kerze seine eigene, in einen Apfel gesteckte Kerze, in der Mitte einer Spirale. Die Leser werden sich wohl in die Aussage des Bildes vertiefen und mancher fragt sich, wo dieses Foto gemacht wurde. Die Antwort wissen aber nur diejenigen, die schon einmal in einem Waldorfkindergarten waren.

Ein paar Tage vor dem Erscheinen dieses Bildes akzeptiert das ungarische Parlament den Haushaltsplan für das nächste Jahr. Dieser enthält einen Abschnitt, in dem den Schulen mit künstlerischen Fächern (u.a. den Waldorfschulen) die Unterstützung für diese Fächer entzogen wird... Die Begründung liegt natürlich im "Sparzwang".

Diejenigen, die wissen, wie viel die ungarischen Waldorflehrer in den letzten Jahren daran gearbeitet haben, dass der Lehrplan der Waldorfschulen endlich offiziell anerkannt, dem staatlichen Lehrplan gleichgestellt wird, wissen, was für eine große Enttäuschung dieser Haushaltsplan bedeutet. Der Waldorflehrplan wurde nämlich anerkannt. Dies würde eigentlich die Streichung der Gelder ausschließen. Doch Ungarn ist ein Land der Möglichkeiten, sogar dies ist hier möglich...

1989 hätte niemand gedacht, mit welch erfreulichen Sorgen das Lehrerkollegium der damals in einem einzigen Raum eines Kulturhauses unterbrachten Waldorfschule zu ringen hat. Denn wir können uns freuen, dass wir in der Lage sind, uns solche Probleme leisten zu können. Damals war ein Raum genug. Jetzt sind die 19 Räume zu wenig, es wird in der Schulbibliothek, auf dem Korridor, manchmal auch im Ärztezimmer unterrichtet. Immer ist alles voll. Das Saubermachen der Klassenräume ist schwer zu organisieren, denn unmittelbar nach dem Unterricht beginnen die Musiklehrer mit Klavier-, Geige-, Flöte-, Cello-, und Gitarrestunden.

Die Schule steht in einem Garten. In dem Garten sind Bäume, ein Sportplatz (diesen errichteten schon wir selbst) und ein kleines Haus mit der ersten Klasse, der Handwerks- und Holzschnitzwerkstatt. Dieses Haus haben wir umgestaltet, auf dem ganzen Gelände gehört dieses einzige Gebäude uns. Wir haben es gern.

In dem Mittelpunkt des großen Gebäudes befindet sich die Aula. Hier verkörpert sich die Dichte und die Vielfarbigkeit der Schule. An den Wänden hängen eine Menge Mäntel, weil die Klassenräume nicht groß genug sind, dass auch die Mäntel darin Platz hätten. Über den Mänteln die Aquarelle der Kinder. An der anderen Wand Tonskulpturen. An der dritten ein riesiger Gobelin, die Spende eines der Eltern.

Es lohnt sich, alle Wände anzusehen, doch das ist nicht leicht, denn wir stolpern an den Esstischen.

In der Aula wird nämlich zu Mittag gegessen. Und hier spielen die Kleinen Fangspiele. Und wenn es gerade Hochsaison hat, spielt hier die halbe Mittelstufe Tischtennis. Hier sind die Monatsfeiern. Hier versammeln wir uns während unserer Feste. Hier werden auch die langsam regelmäßig werdenden Konzerte abgehalten. Zweimal im Jahr verwandelt sich die Aula in ein Theater, am Ende des Winters wird das Stück der zwölften Klasse, im Sommer das der achten Klasse aufgeführt.

Ein paar Stiegen die Treppe hoch erscheint alles in einem anderen Licht. Auf dem oberen Stockwerk befinden sich die älteren Klassen von der siebten bis zur dreizehnten.

Auf dem Korridor werden keine Fangspiele gespielt, sondern es wird herumgesessen, und anstatt der Aquarelle hängen an den Wänden mit unterschiedlichen Techniken angefertigte Werke. Auch ein Tisch steht auf dem Korridor. Das ist ein richtiger Lernplatz, hier bereitet sich die dreizehnte Klasse auf ihre Prüfungen vor, hier sprechen sie über ihre Skripten, hier denken sie über ihr Studium nach.

Schon das sechste Jahr machen bei uns die Schüler Abitur. Es war sehr schwer, den Pfad der Oberstufe auszutreten, aber langsam kommt es uns natürlich vor, was anfangs nur ein Traum war: Schüler, die in einer Waldorfschule ihr Abitur bekommen haben, treten ins Leben hinaus und studieren an Unis und Hochschulen.

Es ist uns sogar gelungen, die Palette der heimischen Abiturfächer zu erweitern. Ab diesem Jahr kann nämlich an unserer Schule eine staatlich anerkannte Abiturprüfung in Eurythmie abgelegt werden. Zwar steht nur ein einziger Raum zur Verfügung, weshalb die Eurythmiestunden der dreizehnten Klasse nur mit Kompromissen gelöst werden können, wir freuen uns trotzdem, wir freuen uns sehr.

Und wir freuen uns auch, wenn in weiten Gegenden Interesse an uns gezeigt wird. Viele Klassen aus verschiedensten Ländern waren bei uns schon zu Besuch, wir haben Schüleraustausche in die USA, nach England, Österreich, Holland, Deutschland und Japan organisiert. Jetzt erwarten wir gerade die Ankunft von zwei Gruppen aus Holland und aus Spanien, während eine unserer Klassen mit einer Eurythmie-Aufführung in die Schweiz fährt und eine andere Klasse nach Dänemark reist, um mit einer dortigen Waldorfschule an einem Parzival-Dramaprojekt zu arbeiten. Eine dritte Klasse rüstet sich gerade für eine Reise nach Siebenbürgen, eine vierte steckt in den Vorbereitungen für die kunsthistorische Reise.

Hinter all unseren Anstrengungen steht eine sehr ernste Unterstützung von seiten der Eltern. Vielleicht ist die größte Entwicklung unseres Schullebens, dass die Eltern immer bewußter unsere Schule wählen und versuchen, sie auf vielen Gebieten zu unterstützen.

In den Anfängen, da unsere Schule die einzige alternative Schule in Ungarn war, wandten sich die Eltern nicht unbedingt wegen der Geistigkeit der Waldorfschule an uns, sondern weil sie das staatliche Unterrichtssystem ablehnten. Dies bedeutete noch lange nicht, dass sie eine Waldorfschule wollten, eher allgemein etwas anderes, Neues. Heute ist es aber immer stärker zu spüren, dass die Eltern wirklich eine Waldorfschule wollen. Darüber verlangen sie von der Schule Rechenschaft, während sie nicht aus den Augen verlieren, dass diese Schule in der heutigen ungarischen Gegenwart den Anforderungen der Zeit entsprechen soll.

Was genau die Anforderungen der Waldorfschule und die des Zeitalters seien, sind Fragen, an denen noch viel zu arbeiten ist. Das ist manchmal sehr schwer, auf die grundlegenden Fragen können selten kurze, leichte und allgemeine Antworten gegeben werden. Die Eltern haben trotzdem Vertrauen in die Schule. Irgendwie beschaffen sie das Schulgeld, das unter den gebührenpflichtigen Schulen zu den niedrigen zählt, es macht im Durchschnitt 150 kg Brot aus.

Und es kommen, es kommen viele - in der Regel haben wir zweimal so viele Anmeldungen, wie wir aufnehmen können. Dies bedeutet eine große Schwierigkeit, aber es gibt viele andere Schulen, die mit Freude solche Schwierigkeiten hätten.

Unsere Lehrer sind kreditfähig. Wir verdienen mehr, als wir an einer staatlichen Schule verdienen würden, aber das genügt gerade, um unsere im allgemeinen riesigen Bankkredite und Rechnungen zu zahlen.

Wir sind oft darüber unzufrieden, daß wir nicht gut genug sind. Wir wollen geschickter und bewußter werden. Aber diese Unzufriedenheit ist eine allgemeine ungarische Eigentümlichkeit...

Diejenigen, die bei der Gründung der Schule dabei waren und alles zu tun versuchten, damit hier eine Waldorfschule existieren kann, konnten vieles nicht voraussehen. Sie brachten den Samen und pflegten den Boden. Mancher arbeitet heute als Lehrer unter uns, mancher ist als ein Elternteil dabei, mancher zeigt sich von Zeit zu Zeit. Aber alle ihre Taten leben mit uns, mal offensichtlich, mal im Hintergrund Kräfte sammelnd.

Am Samstag vor dem ersten Advent gibt es einen Weihnachtsmarkt in der Schule. Unzählige Menschen bewegen sich in den Klassenräumen, auf den Korridoren. Manchmal zeigt sich ein Schauspieler, ein Politiker, dieser ist im Kaffeehaus tätig, jener verkauft im Geschäft nebenan. Was sie hier suchen?

Vielleicht die Kerze in der Mitte der Spirale.

Ákos Kökéndy

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