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Neue Lebensschulen für Indien

Indien hat eine Bevölkerungszahl von über 1 Milliarde Menschen, die Mehrzahl davon sind Kinder. Leider gehen nicht alle Kinder in unserem Land zur Schule. Viele müssen statt dessen für die Familie einige Rupien hinzuverdienen...

Für viele arme Familien sind mitarbeitende Kinder die letzte Hilfe. Das ist die traurige Realität. Eltern, die selber Analphabeten sind, sehen die Schule als Zeitverschwendung. Oft ist auf dem Land gar keine Schule in der Nähe, und nur wenige Kinder laufen einige Kilometer durch die Hitze.

In den Städten ist die Situation etwas besser, denn viel mehr Kinder, ob arm oder reich, besuchen die Schulen. Aber ist das nun wirklich besser?

Mit drei Jahren lernen diese Kinder Lesen, Schreiben, Rechnen. Dann wird auf die Examen hingearbeitet. Wer am Ende der Schulkarriere in den zentralen Examen gute Noten bringt, hat einen sicheren Platz im College und dann im Beruf. Da die Konkurrenz bei einer Milliarden-Bevölkerung gross ist, kommt vor den Examen das Leben zum Stillstand – die ganze Familie hat schlaflose Nächte, die Schüler sind bis zur völligen Erschöpfung gestreßt. Dann erleben wir die jährlichen Resultate: Bilder der erfolgreichen Schüler kommen in die Tageszeitungen, manche durchgefallene Schüler begehen Selbstmord, und über das schreckliche Schulsystem wird heftig geschimpft. Aber ein Jahr später ist alles beim Alten. Man hat Angst, etwas zu verändern.

Halt, das stimmt nicht! Es gibt Eltern, die etwas verändert haben: mutige Eltern, denn sie schwimmen gegen den Strom. Ihre Kinder werden drei Jahre später eingeschult als „normal“ – in die Waldorfschule. In ihren Kindergärten wird gespielt, gebastelt und gesungen, wie in den Waldorfkindergärten überall in der Welt. Das ist hier sehr ungewohnt, und viele Menschen, sogar auch die Waldorfeltern, sind skeptisch. Aber irgendwann, irgendwo muss der Anfang gemacht werden. Und inzwischen gibt es drei Waldorfschulen – Sloka, Tridha und Diksha – und eine Reihe von Waldorf-inspirierten Schulen.

In Indien leben oft noch drei bis vier Generationen unter einem Dach. Wenn dann Kinder in die Waldorfschule gehen, müssen die Eltern das rechtfertigen, den Grosseltern und Tanten und Onkeln gegenüber. Von diesen hört man: „Sie singen und malen! Was für eine Zeitverschwendung!“ Aber nach und nach kann man sie überzeugen, daß das den Kindern sehr gut tut, und schließlich geben die Grosseltern zu: „Ja, so haben wir auch gelernt, ohne Stress, mit Freude!“

Die alten Ashram-Schulen waren tatsächlich noch wahre Lebensschulen, wo Kinder auch viel praktisch und künstlerisch tätig waren. Früher hatte man Kinder noch beim Zahnwechsel und nach der Methode, das Ohr mit der Hand über dem Kopf zu fassen (richtige Kopf-Gliedmassen-Proportion) eingeschult, wie überall in den Waldorfschulen heute. Die Engländer führten die Früherziehung ein, die Inder selbst setzten dann das Einschulungsalter immer mehr herab und machten den Unterricht immer kopfbezogener. Langsam aber sicher wird sich daran wieder etwas ändern...

Der Weg der Waldorfpädagogik in Indien begann mit Major Ramachandra, der nach seiner Begegnung mit Gandhi die Armee verliess, um sich ganz der Philosophie der Gewaltlosigkeit zu widmen. 1968 lernte er den holländischen Waldorflehrer van Bemmelen kennen und lud ihn nach Indien ein. Zusammen mit zwei Landsleuten gab van Bemmelen Einführungskurse, deren Elemente in zwei alternative Schulen einflossen: Dehra Dun in Nord- und Shimoga in Südindien. In den 80er Jahren entstand in Dalhousie eine „echte“ Waldorfschule, die jedoch später wieder schließen mußte.

1995 lebte der Waldorf-Impuls mit der Gründung der Sloka Waldorfschule in Hyderabad wieder auf. Sie hat heute 7 Klassen und insgesamt rund 250 Kinder. Im Jahr 2000 eröffnete die Tridha Rudolf Steiner Schule in Mumbai, 2002 die Diksha Waldorfschule in Hyderabads Zwillingsstadt Secunderabad. Daneben gibt es mehrere waldorf-inspirierte Schulen in Indien (www.anthroposophyindia.org).

Der Waldorf-Lehrplan bringt die indische Kultur mit anderen zusammen. Neben indischen Märchen stehen die Gebrüder Grimm, neben den Fabeln von Äsop das Panchatantra und buddhistische Tiergeschichten, neben den griechischen und nordisch-germanischen Mythen die großen indischen Epen. Dieses Jahr haben die fünften Klassen von Sloka und Tridha zusammen eine wunderbare griechische Olympiade veranstaltet! Immer mehr wächst die Einsicht, dass es nur eine Menschheit gibt.

Waldorfschüler lernen auch mehr als andere: Geologie, Astronomie, die Künste; eine neue Welt öffnet sich, die SchülerInnen sind aufmerksam, beobachten anders. Zur Zeit hat die Sloka Waldorfschule acht Klassen. Die ältesten Schüler werden in zwei Jahren gut vorbereitet ihr erstes Examen machen...

Ich hatte die grosse Freude, alle genannten Schulen regelmässig besuchen und begleiten zu dürfen, in Ausbildungen mitzuwirken und bei vielen Gründungen dabei gewesen zu sein. Der Waldorf-Impuls begann in Deutschland, aber er ist ein universeller Impuls. Im Mittelpunkt steht das Kind. Und das Kind heute braucht mehr denn je eine spirituelle Schule, die es in seiner Ganzheit und zur Freiheit erzieht.

Aban Bana

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