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Philippinen: Februar 2014

Gegen den Sturm

Traumapädagogisches Langzeitprojekt auf den Philippinen

Am 08.11.2013 brach Taifun „Haiyan“ (Sturmvogel) oder Yolanda, der als verheerendster Taifun aller Zeiten in der Region gilt, mit einer unvorstellbaren Zerstörungskraft über die Philippinen herein. Die Philippinen zählen  mit ihrer kinderreichen Bevölkerung zu den ärmsten Regionen Südostasiens. Und es sind gerade die armen Großfamilien, die am stärksten betroffen sind. Ihre einsturzgefährdeten Holzhütten sind genau dort errichtet, wo die Gefahr am größten ist: Nahe der Küste oder entlang von Flüssen, die sich bei Taifunen in lebensbedrohliche Wasserwalzen verwandeln.

Auf den Philippinen ist nach dem Taifun immer zugleich auch vor dem Taifun, die Menschen sind hier an Naturkatastrophen gewöhnt. Doch dieses Mal hatte die Katastrophe dramatische Ausmaße. Der Sturm erreichte einen Durchmesser von 600 km – das entspricht in etwa der Strecke von Augsburg nach Hamburg. Über 6.000 Tote wurden inzwischen geborgen, weit über 2.000 Menschen gelten noch immer als vermisst. Allein auf der Insel Leyte wurden annähernd 700.000 Häuser zerstört. In der Stadt Tacloban sieht es aus, als sei ein Tsunami über die Stadt gegangen. 

Nachhaltige Stabilisierung

Nach dem ersten Einsatz Ende November 2013 fand ein zweiter notfallpädagogischer Einsatz vom 1. bis 15. Februar 2014 in Tacloban statt. Die im November begonnene Arbeit sollte fortgesetzt und ein Kinderschutzzentrum aufgebaut werden. Das 13-köpfige Team der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. begann seine Arbeit mit Kindern in einem Gesundheitszentrum nahe des Flughafens. Eine Woche lang wurde vormittags mit ca. 150 Kindern notfall- und traumapädagogisch gearbeitet. Zur Mittagszeit wurde eine warme Mahlzeit für die anwesenden Kinder zubereitet. An den Nachmittagen wurden Seminare zur Psychotraumatologie für lokale Fachkräfte angehalten, die aus umliegenden Schulen und sozialen Einrichtungen kamen. Neben der pädagogischen Arbeit sollten längerfristige Strukturen in Form eines Kinderschutzzentrums aufgebaut werden, die den Kindern bei der Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrungen vom 8. November 2013 helfen können. Im Laufe der ersten Woche konnte ein unbebauter Platz gefunden werden, auf dem die Errichtung eines geschützten Ortes für Kinder und Jugendliche möglich war. Die deutsche Hilfsorganisation beschäftigten kurzfristig 18 junge Männer aus dem Katastrophengebiet, die das Gelände säuberten und drei Zelten errichteten und den Weg für ein Langzeitprojekt ebnen.

Kinderschutzzentrum

In dem neu aufgebauten Kinderschutzzentrum wurde vormittags mit ca. 100 und nachmittags mit ca. 200 Kindern gearbeitet. Zwölf lokale Pädagogen wurden angestellt und führen die traumapädagogischen Maßnahmen auch nach der Abreise des "Freunde"-Teams fort.

Schaut man sich die Umgebung des Kinderschutzzentrums an, so wird unmittelbar deutlich, dass die Arbeit hier besonders notwendig ist. Eltern berichten uns, dass neben dem schrecklichen Sturm eine rund sechs Meter hohe Welle ihre Häuser und Ländereien überspült habe. Einige der Erwachsenen konnten sich für ein bis zwei Stunden auf Palmen flüchten und mussten der verheerenden Welle ohnmächtig zusehen. Andere hatten es noch rechtzeitig in die Evakuierungszentren geschafft. Das Wohnviertel aber hatte viele Tote und Schwerverletzte zu beklagen. Inzwischen leben hier die meisten Menschen in Zelten und fangen notdürftig an sich wieder ein Dach über dem Kopf aufzubauen.

Bei einigen der Kinder sieht man noch deutlich, wie ihnen der Schreck und die Bilder der Katastrophe „in den Knochen stecken“, andere zeigen andere traumatische Symptome wie Aggressivität, Konzentrationsstörungen, extreme Traurigkeit, Erstarrt-Sein oder Hyperaktivität. Vielen helfen die klaren Strukturen des Kinderschutzzentrums: Anfangskreis, Workshops, Essen, Abschlusskreis. Der Anfangs- und Abschlusskreis ritualisieren den Tagesablauf mit immer gleichem Ablauf. In den Workshops geht es vor allem um Stabilisierung und darum, alternative Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, um das traumatische Erlebnis bewältigen zu können. Bewegung und Rhythmus helfen, traumabedingt aus dem Gleichgewicht geratene Rhythmen wieder in Balance zu bringen. Es geht auch darum, neue soziale Regeln einzuüben, Körperwahrnehmung zu stärken und durch Erlebnis- und Zirkuspädagogik das Vertrauen in sich und Andere neu zu erarbeiten. Musik und Kunst spielen eine große Rolle und tragen viel zu der freudigen Gesamtatmosphäre bei – denn Freude ist ein entscheidender Faktor bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen.

Zu dem deutschen und dem lokalen Team stoßen immer wieder Menschen aus anderen Teilen der Philippinen zum Projekt. Viele von ihnen haben im November bereits an dem ersten großen notfallpädagogischen Training im November 2014 in Manila teilgenommen. Sie alle wollen neben der theoretischen Einführung in die Notfallpädagogik auch die praktische Arbeit kennen lernen. Das Notfallteam trifft auch hoch motivierte Menschen, die bereits viel pädagogisches Handwerkszeug mitbringen und den notfallpädagogischen Ansatz auf den Philippinen weiter tragen wollen.

Neben der traumapädogischen Arbeit im Kinderschutzzentrum bietet es gleichzeitig einen Raum, in dem sich die lokale Gemeinschaft treffen kann, um gemeinsam an der Zukunft ihres Stadtteils zu arbeiten. Das lokale Team freut sich auf weitere Fortbildungen und es besteht der Wunsch, eine langfristige waldorfpädagogische Arbeit für die Kinder von Tacloban aufzubauen.

Notfallpädagogisches Ausbildungszentrum für pädagogische Fachkräfte

Durch den Austausch und die Zusammenarbeit mit interessierten Menschen, insbesondere aus Manila, zeichnet sich der Aufbau eigener lokaler notfallpädagogischer Teams ab. Langfristig soll in Zusammenarbeit mit den Freunden der Erziehungskunst eine lokale Ausbildungsstätte entstehen. Das Kinderschutzzentrum soll dabei als Ort der Praxisausbildung dienen. Damit wird es denkbar, dass bei zukünftigen Katastrophen im südostasiatischen Raum internationale Teams von den Philippinen und aus Deutschland zusammen arbeiten können. So setzt sich der Ausbau des weltweiten notfallpädagogischen Netzwerks fort, um den Krisen der Welt in Zukunft noch besser begegnen zu können.

Von Lukas Mall

 

Dem Einsatzteam gehörten an: Bernd Ruf (Einsatzleiter), Lukas Mall (Koordinator), Siri Hauser (Assistenz), Jörg Merzenich (pädagogische Leitung und Heilpädagoge), Ulrike Preisser (medizinisch-therapeutische Leitung und Ärztin), Fiona Bay (Krankenschwester), Warja Saacke (Psychotherapeutin), Sabine Romero (Kleinkindpädagogin), Anna Holz (Erlebnispädagogin), Katharina Kraul (Theater- und Zirkuspädagogin), Peter Sieber (Kunsttherapeut), Dorothea Ernst-Vaudaux (Eurythmistin), Dmitri Vinogradov (Eurythmist)

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    Mit dem Spielcontainer werden traumatisierte Kinder zur Bewegung und zum Spielen angeregt und ihnen Momente der Freude geschenkt.

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