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Haiti: Mai 2010


Child Friendly Spaces

Am 12.01.2010 erschütterte ein schweres Beben das Armenhaus der Karibik: Haiti. Hunderttausende Menschen wurden getötet, Millionen verletzt und obdachlos. Schon beim Anflug auf die Hauptstadt Port-au-Prince sind die unzähligen, nach dem Beben neu errichteten Elendsquartiere unübersehbar. In den Camps, in denen sich seit dem verheerenden Beben die Obdachlosen notdürftig eingerichtet haben, herrscht drangvolle Enge. Oft verbringen die Bewohner die Nächte stehend unter ihren blauen Zeltplanen, da gewaltige Wolkenbrüche die Lager zentimeterhoch überschwemmen. Anschließend versinken die Lager in knöcheltiefem Morast. Es ist Regenzeit in Haiti. Auch die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Trotz intensiver Bemühungen fehlt es immer noch an ausreichender Anzahl von Toiletten. Und noch heute sterben viele Menschen aufgrund mangelhafter hygienischer Umstände und fehlender medizinischer Versorgung an den Folgen ihrer Verletzungen.

Im Februar und Mai 2010 führten die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ zwei notfallpädagogische Krisenintervention in Waisenheimen, Krankenhäusern, Schulen und Obdachlosencamps in Port-au-Prince und Léogâne durch. Neben der direkten Akuthilfe für über 600 Kinder konnten auch etwa 300 Pädagogen seminaristisch in notfallpädagogischen Erste-Hilfe-Maßnahmen geschult werden.

Im Mai 2010 fand in Port-au-Prince im Krankenhaus St. Damien der Hilfsorganisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ ein Tagesseminar für etwa 120 pädagogische Helfer aus über 16 slumartigen Notunterkünften der Hauptstadt statt. Auch Lehrer des „College Waldorf Steiner“ aus Port-au-Prince nahmen an dem Seminar teil. In Petit Goave konnten über 100 Mitarbeiter verschiedener Camps der „Kindernothilfe“ und einige Lehrer der waldorforientierten Schule „L‘ ecole du village“ aus Torbeck bei Les Cayes notfallpädagogisch geschult werden.

Von der akuten Katastrophenhilfe zum strukturellen Wiederaufbau

 

Die beiden notfallpädagogischen Kriseninterventionen der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ zeigen nachhaltige Ergebnisse: In Mitten des haitianischen Chaos nach dem großen Beben konnten in den beiden waldorfpädagogisch orientierten Kinderschutzzentren in Léogâne kindgerechte Orte der äußeren und inneren Sicherheit geschaffen und aufrechterhalten werden. Die notfallpädagogische Traumaarbeit unter den zentralen Leitbegriffen: liebevolle Zuwendung, Freude, Spiel, Rhythmuspflege, Ritualisierung, künstlerische Aktivität und Bewegung zeigten bei den Kindern und Jugendlichen Erfolge bei der Bewältigung des traumatischen Geschehens. Hunderte von Pädagogen, Erziehern und Betreuern konnten in Port-au-Prince, Petit Goave und Léogâne in Psychotraumatologie und Notfallpädagogik fortgebildet werden. Die Konzeption der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ hat inzwischen nationale und internationale Beachtung und Anerkennung gefunden.

Um Nachhaltigkeit in den chaotischen Zuständen Haitis erzielen zu können, wird sich der Schwerpunkt der weiteren Unterstützung von der akuten Katastrophenhilfe zum strukturellen Wiederaufbau verlagern müssen. Dabei gilt es, differenzierte Zielsetzungen und Strategien für die weitere Arbeit in Haiti zu entwickeln.
Für die weitere Fortbildung der jugendlichen Campbetreuer in den Slums von Port-au-Prince im Umfeld des Kinderkrankenhauses St. Damien von „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ werden dabei zukünftig sicher andere Schwerpunkte zu setzen sein als für die Weiterqualifikation der pädagogischen Mitarbeiter der „Kindernothilfe“ in Haiti. Völlig andere Bedürfnisse und Erfordernisse wiederum wird die seminaristische Arbeit mit den Lehrerkollegien der waldorfpädagogisch orientierten Schulen in Port-au-Prince und Torbeck/ Les Cayes mit sich bringen.

Und noch anders stellt sich die Aufgabe der Weiterentwicklung der von den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ pädagogisch begleiteten, waldorfpädagogisch orientierten Kinderschutzzentren in Léogâne. Dort gilt es, die tägliche pädagogische Arbeit mit den  Kindern zu supervisionieren. Die seminaristische Fortbildung der dortigen pädagogischen Mitarbeiter muss fortgesetzt und inhaltlich vertieft, die kollegiale Zusammenarbeit der Pädagogen ausgebaut werden. Auch gilt es, die Verwaltungsstrukturen zu stabilisieren. Ziel der Zusammenarbeit der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, der „Kindernothilfe“ und der lokalen Nichtregierungsorganisation „Acrederp“ ist die Weiterentwicklung der Child Friendly Spaces in eine waldorfpädagogisch orientierte Schule mit Kindergarten.

Vor dem Hintergrund dieser Perspektive könnte sich auch eine intensive Zusammenarbeit der waldorfpädagogisch orientierten Schulen in Port-au-Prince und Torbeck/Les Cayes mit den Child Friendly Spaces in Léogâne ergeben. Die ersten Voraussetzungen hierfür wurden bei den Fortbildungsseminaren im Mai gelegt.

Um einen Beitrag der Waldorfpädagogik zum strukturellen Aufbau Haitis leisten zu können, werden geeignete Pädagogen und Finanzmittel gesucht. Es wird sicherlich große persönliche und finanzielle Anstrengungen bedürfen, um in den chaotischen Zuständen des vom Erdbeben zerstörten Haiti nach der notfallpädagogischen Akuthilfe nun strukturelle Wiederaufbauhilfe im Bildungssektor zu leisten. Aber die Kinder Haitis benötigen unsere nachhaltige Unterstützung. Sie werden die Gestalter der Zukunft Haitis sein. Die Arbeit in Haiti, dem Armenhaus der Karibik, hat gerade erst begonnen.

Bernd  Ruf

Vollständiger Einsatzbereicht (pdf).

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