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Haiti: Februar 2010


Hilfe, die Kinder stark macht

Notfallpädagogik für traumatisierte Kinder im vom Erdbeben zerstörten Haiti

Am 12.01.2010 erschütterte ein schweres Beben der Stärke 7,0 (Richterskala) das ärmste Land der westlichen Hemisphäre - Haiti. Nach offiziellen Schätzungen kamen bei der Naturkatastrophe weit über 300.000 Menschen ums Leben. Wie viele Opfer tatsächlich noch unter den Trümmern begraben liegen, wird wahrscheinlich nie geklärt werden können. Millionen Menschen wurden verletzt und obdachlos. Es fehlt an allem: Trinkwasser, Nahrung, Zelten und medizinischer Versorgung. Nach Angaben der britischen Hilfsorganisation Save the Children sind zwei Millionen Kinder akut gefährdet. Viele der kleinsten Bebenopfer sind auf sich alleine gestellt. „Sie irren orientierungslos durch die Straßen, schlafen nachts neben Leichen: Das Erdbeben hat viele Kinder Haitis traumatisiert und zu Waisen gemacht“.

Vom 10.02. bis 25.02.2010 führten die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. eine notfallpädagogische Krisenintervention in Waisenheimen, Krankenhäusern, Schulen und Obdachlosencamps in Port-au-Prince und Leogane durch. Neben der direkten Akuthilfe für etwa 600 Kinder konnten circa 150 Pädagogen seminaristisch in notfallpädagogischen Erste- 

In Waisenheimen von Port-au-Prince

Zufällig trifft das pädagogische Nothilfeteam in einem Vorort von Port-au-Prince auf Emanuel Philipp Joseph. Er ist Leiter des vor sechs Jahren gegründeten Oreleph-Waisenheims.

In einer Ruine begegnen die Freunde der Erziehungskunst auf 30 völlig verwahrloste Kinder im Alter von zwei bis siebzehn Jahren. Weitere 170 Kinder werden im Umfeld betreut. Das Inventar des Heimes besteht aus einem Stuhl und zwei alten Bastmatten. Es fehlt an Trinkwasser, von Nahrungsmitteln ganz zu schweigen. Viele Kinder und Jugendliche saugen an ihren Fingern. Manche haben die ganze Hand im Mund. Alle suchen sofort Zuwendung und körperliche Berührung.

Schon die ersten Fadenspiele zeigen Störungen der Feinmotorik und der Konzentration. Beim Formenzeichnen scheitern alle Kreuzungsversuche. Die eurythmistische A-Gebärde nach oben kann von den meisten Kindern nicht bewältigt werden. Ein 10-jähriger Junge, der beim Erdbeben seine ganze Familie verlor, malt ein Bild mit dunklem Himmel, bodenlos und einer grabähnlichen Kirche im Zentrum. Im Spiel der Kleinkindgruppe fallen einige Kinder durch ihr aggressives Verhalten auf. Die Erzieherinnen wirken angespannt, ausgelaugt und depressiv.

Im Kinderkrankenhaus der Organisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ in Port-au-Prince

Im kaum beschädigten katholischen Kinderkrankenhaus St. Damien der Organisation Unsere kleinen Brüder und Schwerstern arbeiten Ärzte, Schwestern und Volontäre aus der ganzen Welt, um das erschöpfte haitianische Personal zu unterstützen. Ununterbrochen werden Verletzte von internationalen Rettungsdiensten herbeigefahren, von Angehörigen auf Fahrrädern herbeigeschafft oder auf Schultern hereingetragen. Das gesamte großräumige Areal ist mit Notlazaretten bestückt und wird von der italienischen Armee gesichert. Im Umfeld des Krankenhauses arbeitet der mexikanische Sozialarbeiter Alfonso. Er betreut zusammen mit etwa 80 jugendlichen Helfern Hunderte Kinder in den umliegenden Armenvierteln. Der Kontakt zwischen dem Kinderkrankenhaus und den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. kam über die Karlsruher Partnerorganisation des Krankenhauses zu Stande. Schon in der Frühphase der Einsatzplanung bot die Organisation das Krankenhaus als notfallpädagogischen Stützpunkt an. Zwei Tage lang konnte dort mit etwa 100 Kindern erlebnispädagogisch und kunsttherapeutisch gearbeitet werden.

Das „Child Friendly Space“ in einem Flüchtlingscamp von Leogane

Auf Empfehlung der Kindernothilfe wurde in der etwa 40 Kilometer westlich von Port-au- Prince gelegenen Kleinstadt Leogane, die zu 95% zerstört ist, ein weiterer Stützpunkt für Notfallpädagogik durch das „Freunde“-Team eröffnet. Auf dem Schulgelände „New Mission“ hatten sich bereits zahlreiche deutsche Hilfsorganisationen um den Versorgungsstützpunkt des Technischen Hilfswerks (THW) angesiedelt. Zusammen mit etwa 30 weiteren Lehrern und der örtlichen Nichtregierungsorganisation Acrederp beginnen die „Freunde“ mit dem Aufbau eines „Child Friendly Space“ - einem geschützten Raum für die notfallpädagogische Traumaarbeit mit Kindern. Der vorgesehene Platz wird gesäubert, Holzpfähle gesetzt und mit Seilen und Plastikplanen schattenspendende Bereiche geschaffen. Jugendliche flechten aus Palmenzweigen derweil Wände zur Abgrenzung des Platzes. Mit finanzieller Unterstützung der Caritas international wird eine Notküche zur Versorgung der Kinder eingerichtet. Das Trinkwasser kommt vom THW, die Nahrungsmittel von der Kindernothilfe und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Nachdem über 320 Kinder zwischen zwei und siebzehn Jahren mit Namen, Alter, Geschlecht und medizinischen Bemerkungen auf Karteikarten registriert sind, kann die Arbeit beginnen. Wichtig ist zunächst die Einführung einer wiederkehrenden, rhythmisierten Tagesstruktur mit festen Essenszeiten und abwechselnden Bewegungs- und Ruhephasen innerhalb des geschaffenen Schutzraumes. So soll die Reorganisation zusammengebrochener innerer und äußerer Ordnungen und Rhythmen unterstützt werden. Jede ritualisierte Form gibt im inneren und äußeren Chaos nach dem Beben Halt, Orientierung und schafft neue Sicherheit.

Die Kinder stehen in einem großen Anfangskreis. Ein gemeinsames Auftaktlied erklingt, gefolgt von rhythmischen Klatsch- und Stampfübungen. Anschließend setzt sich der Kreis in Bewegung, um eine ein- und ausrollende Spirale zu vollziehen. Danach folgen eurythmistische Übungen. Im großen Kreis sitzend wird schließlich das Frühstück eingenommen und das Wasser ausgegeben.

Vom großen Kreis geht es dann geordnet in die Workshops: im Formenzeichnen werden Lemniskaten geübt, im Malen aquarelliert und im Zeichnen Erlebnisse bildhaft ausgedrückt. Eine andere Gruppe bekommt derweil eine Geschichte erzählt, wieder andere Singen. In der erlebnispädagogischen Gruppenarbeit wird durch unterschiedliche Übungen das Vertrauen in sich und Andere gestärkt. Die Konzentrationsfähigkeit wird beispielsweise durch das Balancieren auf einem am Boden liegenden Seil geübt und auf spielerisch Art und Weise werden soziale Kompetenzen neu aufgebaut. Auch geht es um die Pflege der durch das Erdbeben oft schwer beeinträchtigten Basalsinne u.a. durch Seilspringen und Kneten. Die Kleinkindgruppe orientiert ihren Tagesaufbau an Arbeitsformen des Waldorfkindergartens. Für Jugendliche werden eigene Projekte ins Leben gerufen: Mädchen und Jungen im Alter von 13 bis 17 Jahren können sich freiwillig vor der Videokamera zu den Ereignissen am 12. Januar äußern. Mancher Jugendliche spricht – auf den Trümmern seines Hauses sitzend – von den entsetzlichen Erlebnissen und erzählt anderen von seinen Zukunftshoffnungen.

Nach den Workshops ist es Zeit zum Mittagessen. Oft ist es für die Kinder und auch die Lehrer die einzige Zeit, bei der sie ein warmes Essen erhalten können. Beim Essen wird auch auf hygienische Maßnahmen und ritualisierte Formen geachtet.

Ein Abschlusskreis mit rhythmischen Übungen und einem Schlusslied beendet die Arbeit. Die Kinder werden geordnet verabschiedet und entlassen.

Notfallpädagogische Trainingsseminare für Pädagogen

In Port-au-Prince führte das Notfallteam ein ganztägiges notfallpädagogisches Trainingsseminar für etwa 120 Lehrer, Erzieher und pädagogische Betreuer durch. Das Seminar bestand aus Referaten über Psychotraumatologie und Notfallpädagogik und aus einer Gesprächsarbeit, in der betroffene Teilnehmer über ihre Erlebnisse sprechen konnten. Darüber hinaus gab es Workshops zur Erlebnispädagogik und Kunsttherapie sowie ein Abschlussplenum. Eingerahmt war der Trainingskurs durch ein „warming up“ zum Auftakt und einen Abschlusskreis.

Nachhaltige Ergebnisse

Die notfallpädagogische Krisenintervention der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners in Haiti zeitigte nachhaltige Ergebnisse. Insgesamt konnten über 600 Kinder notfallpädagogisch betreut und etwa 150 Pädagogen in Notfallpädagogik fortgebildet werden.

In Zusammenarbeit mit der Kindernothilfe und der lokalen Nichtregierungsorganisation Acrederp in Leogane konnte ein „Child Friendly Space“ aufgebaut und eingerichtet werden. Dieses Kindercamp wird zunächst für sieben Monate durch Acrederp fortgeführt, von der Kindernothilfe finanziert und von den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. pädagogisch begleitet und supervisioniert. 15 Lehrer, eine Köchin und zwei Küchenhelfer sowie ein Administrator konnten für die Weiterführung des Projektes angestellt werden. Alle Kinder und Lehrer werden täglich ein Frühstück, ein warmes Mittagessen und Trinkwasser erhalten.

Innerhalb der nächsten Monate sind bereits zwei Projektbetreuungsreisen durch ein Notfallteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. vorgesehen In diesem Zusammenhang sollen auch weitere Trainingskurse für die pädagogischen Betreuer in Port- au-Prince durchgeführt werden. Die Fortsetzung der Arbeit in Haiti kann aber nur erfolgen, wenn entsprechende Spendenmittel zur Finanzierung zur Verfügung stehen.

Bei positiver Entwicklung des Projektes soll die Projektlaufzeit nach sieben Monaten auf zwei Jahre verlängert werden.

 

Bernd  Ruf

Vollständiger Einsatzbericht (pdf).

Herzlichen Dank

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