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Gaza: September 2011

Die Zusammenarbeit blüht weiter auf

Ein elfköpfiges Team[1] der Freunde der Erziehungskunst brach am 03.09.2011 von Karlsruhe in den Gaza-Streifen auf, um dort die 2009 begonnene und seit 2010 vom Auswärtigen Amt finanzierte notfallpädagogische Arbeit fortzusetzen. Der Schwerpunkt des insgesamt sechsten Einsatzes lag in der Fort- und Weiterbildung von Kindergärtnern, Lehrern und Sozialarbeitern.

Der Einsatz begann mit verschiedenen Hürden. So wurde das gesamte pädagogische Arbeitsmaterial vom Zoll beschlagnahmt. Ein Team-Mitglied durfte nicht in den Gaza-Streifen einreisen, ein weiteres erst mit einer Woche Verspätung. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt, auch die Deutsche Botschaft in Tel Aviv konnte keine entscheidenden Hinweise geben.

Das Teammitglied, welches erst mit Verspätung einreisen durfte, wollte das angekündigte Buchprojekt durchführen. Dazu kam es aufgrund der Kürze der Zeit nicht mehr. Es ist geplant, das Projekt beim nächsten Einsatz zu realisieren.  Die Arbeit der neun Team-Mitglieder, die am 5. September nach Gaza einreisten, musste zu Beginn  ohne Material viel improvisieren. Als neues Arbeitsfeld kam die frühkindliche Erziehung für Kinder von 0-3 Jahren hinzu. Dieses Thema stieß auf großes Interesse und resultierte in der Umgestaltung von einigen Räumen einer Kindertagestätte. Außerdem wurden die pädagogischen Impulse und Anregungen begeistert aufgenommen.  Eine Vertiefung dieser Arbeit ist ausdrücklich erwünscht. Dies resultiert nicht zuletzt daher, dass es für die Arbeit mit Kindern dieses Alters im Gaza keine spezielle Ausbildung gibt und bereits Kindergarten ein sehr striktes Curriculum besteht. 

In den Trainings für sechs umzugestaltende Kindergärten des Al Qattan Center for the Child konnten auf die vorigen Einsätze aufgebaut werden. Das zentrale Anliegen war eine Sensibilisierung für die Bedürfnisse von (traumatisierten) Kindern, an denen sich die jeweiligen pädagogischen Methoden orientieren sollen. Auch in diesem Bereich wurde von den lokalen Kooperationspartnern der Wunsch nach inhaltlicher Vertiefung geäußert.

In learning by doing Situationen wurden im Nowar Center und Schoroq we El-Amal Center in Khan Younis zwei Mal täglich mit Kindern und den Trainern gearbeitet. Im Anschluss wurde die Arbeit mit den Trainern ausgewertet und unter traumapädagogischen Gesichtspunkten angeschaut. Einzelne Trainingsteilnehmer waren hoch begeistert und kamen zu nachmittäglichen Zusatzangeboten zum Thema Filzen. Am Ende des Trainings stand die Frage nach zusätzlicher langfristiger Ausbildung im Raum. Es noch nicht klar, wie diesem Anliegen begegnet werden kann.

In dem Training für die Mitarbeiter des Child Friendly Space standen Themen wie Resilienzförderung, was der Unterschied zwischen einem traumatisierten und einem gesunden Kind ist sowie praktische Methoden für die tägliche Arbeit an. Die Mitarbeiter setzten ein hohes Maß an Kreativität hinsichtlich der Umwandlung der Methoden in ihre eigenen an den Tag. Einfache Lieder wurden nach einmaligem Hören ins Arabische übersetzt und entsprechende melodiöse Änderungen vorgenommen. Einige Teilnehmer dieses Trainings haben keine pädagogische Vorbildung. Sie äußerten den Wunsch, eine solche nun zu absolvieren.

Die externe Evaluation über den Child Friendly Space hebt ausdrücklich die positiven Auswirkungen sowohl auf die Kinder als auch die Eltern hervor und spricht sich für eine Fortführung des Projektes aus.

Zum Abschluss des Einsatzes bedankte sich Reem Abu Jaber, Direktorin des Al Qattan Centers for the Child,  ausführlich für die zwei-jährige gute Zusammenarbeit. Sie betonte, dass die Freunde der Erziehungskunst eine der wenigen Organisationen seien, die im Bereich psychosoziale Gesundheit und Traumapädagogik arbeiten und über diese Zeit kontinuierlich in den Gaza-Streifen kommen.  So lässt sich ein positives Fazit über die Arbeit ziehen und es wird schon jetzt mit den Vorbereitungen für den nächsten Einsatz Ende November begonnen.

Die Ausreise aus Israel hat die positiven Eindrücke der Arbeit etwas getrübt. Die Sicherheitsprozeduren am Flughafen Ben Gurion zogen sich in die Länge, so dass das Team fast den Flug zurück nach Deutschland verpasste hätte. Alle Team-Mitglieder wurden in gesonderten Räumen intensiv abgetastet. Er herrschte Unverständnis über diese Art der Behandlung bei einem vom Deutschen Auswärtigen Amt geförderten Projekt. Sowohl die Einreise- als Ausreiseschwierigkeiten werden die Freunde der Erziehungskunst aber nicht davon abhalten, auch in Zukunft die Vertrauensbasis und Zusammenarbeit mit den noch immer leidenden Menschen im Gaza-Streifen weiter auszubauen.

von Lukas Mall, Assistenz Notfallpädagogik, Erlebnispädagoge

Anmerkungen

[1] Dem notfallpädagogischen Team gehörten an: Bernd Ruf (Einsatzleiter), Kristina Manz (Koordination), Lukas Mall (Assistent, Erlebnispädagoge), Monika Görzel-Straube (Waldorfpädagogin), Heidi Wolf (Kunsttherapeutin), Hans-Joachim Sennock (Waldorfpädagoge), Heike Böhret (Waldorferzieherin), Dimitri Vinogradov (Eurythmist – durfte nicht einreisen), Micaela Sauber (Geschichtenerzählerin), Grit Malsch (Waldorfpädagogin), Ulla Middelkamp (Kleinkindpädagogin)

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