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Gaza Juli 2009

Pädagogik auf Trümmern

Notfallpädagogik mit kriegstraumatisierten Kindern in Gaza

Zur Jahreswende 2008/09 erschütterten kriegerische Auseinandersetzungen den Gaza-Streifen. Die dreiwöchigen Kämpfe forderten etwa 1400 Menschenleben, darunter viele Kinder. Über 5.500 Menschen wurden schwer verletzt. 22.000 Häuser und fast die gesamte Infrastruktur des Gaza-Streifens wurden zerstört. 80 Prozent der etwa 1,2 Millionen Einwohner leben seither unterhalb der von der UNO festgelegten Armutsgrenze, davon sind über die Hälfte Kinder unter 15 Jahren. Über den Gaza-Streifen ist nach wie vor eine Blockade verhängt. Die Versorgung erfolgt größtenteils über die mehr als 2.000 illegalen Tunnel im Grenzgebiet zu Ägypten.

Die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ waren bereits Ende Januar zu einer notfallpädagogischen Krisenintervention im Gaza-Streifen, mussten ihre Arbeit aber damals wegen der Schließung der ägyptischen Grenze vorzeitig abbrechen. Jetzt gelang es einem weiteren Notfallteam aus zehn Psychologen, Pädagogen und Therapeuten mit Hilfe des Auswärtigen Amtes, über den israelischen Grenzübergang Erez nach Gaza zu gelangen und die Notfallpädagogik auf Grundlage der Waldorfpädagogik fortzusetzen. Die Arbeit wurde dort wieder aufgenommen, wo sie im Februar abgebrochen werden musste: im Waisenheim von Gaza-Stadt.

Viele Kinder im Gaza-Streifen können aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Andere sind so schwer traumatisiert, dass sie sich in ihren Wohnungen verkriechen und mit Panikattacken reagieren, wenn sie das Haus verlassen sollen. Wieder andere werden in Folge ihrer psychopathologischen Veränderung, die das Trauma verursacht hat, schlicht von ihren verzweifelten Eltern versteckt und weggesperrt.

Einzelschicksale begegnen einem im Gaza-Streifen überall. Auch Monate nach der kriegerischen Katastrophe klaffen tiefe psychische Wunden vor allem in den Seelen der Kinder. Etwa 50% der über 500 Kinder, mit denen das pädagogische Notfallteam arbeitete, zeigen deutliche Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung.

In einem Sommercamp für Kinder im schwer beschädigten Stadtteil Jabaliya trifft das Team auf eine Gruppe mit etwa 60 Kindern. Die meisten zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Viele versuchen, die Aufmerksamkeit durch aggressive Störungen zu erzwingen, streiten um die halt- und orientierungsbietende Hand der Betreuer im Kreisspiel oder um einen Fetzen Knetwachs. Andere ziehen sich mit fast depressiver Lähmung aus der Gruppe zurück. Mit Bewegungsübungen im Kreis wird versucht, an den oftmals erkennbaren Rhythmusstörungen, den Konzentrationsmängeln und an den Bewegungsstörungen (Hyperaktivität oder Bewegungsunlust) spielerisch zu arbeiten. Da der Schreck, wie der Volksmund sagt, oft in den Gliedern steckt, ist jede Art von Bewegung zur Lösung von inneren Blockaden und Lähmungen von besonderer Bedeutung.

Ähnliche Symptome sind auch bei den Kindern und Jugendlichen im Al Amal Institute for Orphanage, dem Waisenheim von Gaza-Stadt, zu beobachten. Vielen ist es unmöglich, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen. Deshalb wird versucht, mittels Musik, Zeichnen, Malen, Kneten, Bewegung und Rollenspielen kreative Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Auch diese Kinder brauchen halt- und orientierungsgebende Rituale, um der durch die Kriegserlebnisse eingetretene Entgrenzung entgegenzuwirken und ihnen zu einem neuen Regelbewusstsein zu verhelfen. Etwa 20 Kinder beteiligen sich in tiefer Innerlichkeit an einem „Dornröschen-Spiel“. Die Mimik der Kinder beginnt sich langsam zu entkrampfen, die Blicke zu öffnen. Es ist, als würde nach einer seelischen Eiszeit durch wenige Sonnenstrahlen Tauwetter eintreten.

Auch in Salatine, einer Zeltstadt für Obdachlose im Nord-Gaza, spricht sich die Arbeit des Notfallteams wie ein Lauffeuer herum. In kurzer Zeit sind über 120 Kinder und viele Mütter beisammen. Das Leben im Lager ist armselig. Eine Stiftung organisiert dreimal wöchentlich ein warmes Mittagsessen. Zu der äußeren Not kommt die innere. Ranin, ein neunjähriges Mädchen, sah, wie am dritten Tag des Krieges eine Rakete in eine Menschengruppe einschlug und viele Menschen tötete. Sie war mit ihrer Familie auf der Flucht zu Verwandten nach Jabaliya. Seither ist ihr Leben verändert. Albträume rauben ihr den Schlaf, sie schreit jede Nacht, nässt wieder ein und schlägt aggressiv um sich. „Wir hatten Häuser, jetzt leben wir in Zelten. Keiner kümmert sich um uns. Was kann dieses Mädchen dafür, dass es jetzt ohne Hoffnung auf Zukunft im Zelt leben muss!“, sagt Mohammed Zaid, ein ausgebombter Bauer aus Nord-Gaza.

Auf den Trümmern von Zeitoun leben die Überlebenden des Samouni-Clans, einer über 100-köpfigen Familie bäuerlicher Herkunft. Ihre Häuser wurden durch Raketenbeschuss größtenteils zerstört. 36 Familienmitglieder, darunter viele Kinder, starben. Vier Tage lang wurden die Rettungskräfte des Roten Halbmonds daran gehindert, den Verschütteten und Verletzten zu helfen. Schon während der ersten notfallpädagogischen Krisenintervention im Februar 2009 bildete die pädagogisch-therapeutische Betreuung der Kinder des Samouni-Clans einen Arbeitsschwerpunkt.

Die Kulisse ist bizarr. Inmitten eines riesigen Trümmerfeldes steht ein von uns errichtetes 300m2 großes Zelt, das Schutz vor der glühenden Sonne bieten soll. Darin gehen etwa 120 Kinder rhythmisch schreitend im Kreis.

Erlebnispädagogische Spiele und Zirkuspädagogik stehen auf dem Programm. Nicht weit entfernt ist in einem ehemaligen kleinen Lagerraum das Kunstatelier eröffnet. Es herrscht drangvolle Enge und emsiges Treiben beim Aquarellmalen und Formenzeichnen. Nebenan wird in der Ruine eines zerstörten Hauses, an dessen Wand das Blut des getöteten 4-jährigen Ahmet klebt, mit einer Kindergruppe Eurythmie geübt. Unter dem Schatten eines kleinen Baumes vor einem der drei übrig gebliebenen Häuser werden Kindergartenspiele mit Vorschulkindern durchgeführt. Es wird getanzt, gebastelt und musiziert.

Etwas weiter entfernt wird in einem Unterstand neben einem erkrankten Esel der 12-jährige schwer traumatisierte Mahmoud notfallpsychologisch betreut. „Soldaten in Panzern haben uns mit Rauch beschossen. Meine Schwester lag verletzt auf der Straße. Zwei Hubschrauber kreisten über ihr. Viele flohen. An der Tankstelle lagen viele Tote. Der Sohn meiner Schwester ist tot, ihr Mann ist tot, ein anderer Sohn meiner Schwester ist verletzt. Ich träume jede Nacht von Blut und Tod. In der Schule kann ich mich nicht mehr konzentrieren!“. Mahmoud war durch besonders brutale Bildinhalte aufgefallen.

Elternarbeit: „Mir begegnen meine toten Kinder immer wieder auf der Straße!“

Trauma steckt an. Kinder, die kein direktes traumatisches Geschehen erlebt haben, können allein durch eine Traumatisierung der Eltern infiziert werden. Man spricht dann von einer „sekundären Traumatisierung“. So berichtet die 60-jährige, 7-fache Mutter Mohammadeya El Samouni, von ihrem eigenen, durch den Tod zweier Kinder verursachten Trauma im Zusammenhang mit Erziehungsproblemen: „Ich war mit der restlichen Familie auf der Flucht nach Gaza-Stadt und habe meine beiden Kinder nicht sterben sehen. Ich träume immer noch von den toten Kindern und kann einfach nicht glauben, dass sie tot sind. Auch in der Realität sehe ich sie. Mir begegnen meine toten Kinder immer wieder auf der Straße!“

Kinder zeigen oft als Folge psychotraumatischer Erlebnisse psychosomatische Reaktionsbildungen oder Verhaltenssymptome, die für Eltern und Erzieher eine pädagogische Herausforderung darstellen. „Meine Kinder bekommen nachts immer Angst. Sie weinen, schreien und machen ins Bett. Meine siebenjährige Tochter hat seit dem Krieg Angst vor allem, was sich bewegt!“, berichtet die 24-jährige Rana Zayed, eine Mutter von drei Kindern.

Die erzieherische Not im Umgang mit psychotraumatischen Symptomen ist groß und macht Elternberatung unumgänglich. Deshalb richtete das pädagogische Notfallteam in Zeitoun und Salatine gut besuchte Sprechstunden zur Elternberatung ein. In nach Männern und Frauen getrennten Gesprächskreisen wurden die sorgenvollen Fragen der Eltern entgegen genommen und nach pädagogischen Lösungsansätzen im Rahmen des kulturellen Kontext gesucht. Dabei spielten die Aspekte Liebe, Zuwendung und Geborgenheit, Rhythmus und Ritualisierung (Tagesgestaltung, Essen, Schlafen), Bewegung und Spiel (Ballspiele, Seilspiele, Schaukeln, Kreisspiele), künstlerische Betätigung (Malen, Zeichnen, Kneten, Basteln), Körperkontakt (Einreibungen, Massagen) und die Pflege spirituell-religiöser Gefühle eine zentrale Rolle. Wichtig war auch, den Eltern Notfalltechniken zu zeigen, mittels deren sie auftretende Panikattacken durch Atemtechniken und zwanghafte Erinnerungen (Flashbacks) durch Augenbewegungen zu unterbrechen versuchen können. Bei den Ratschlägen handelte es sich um stabilisierende Notfallmaßnahmen vor dem Hintergrund meist fehlender professioneller Behandlungsmöglichkeiten.

Kurse für Pädagogen und Therapeuten: „Diese Pädagogik gibt Kraft“

Auf dringende Bitte unseres Kooperationspartners im Gaza-Streifen, dem Gaza Community Mental Health Programme, veranstaltete das Notfallteam der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ einen viertägigen Fortbildungskurs für Pädagogen und Therapeuten im Al Qattan Centre in Gaza-Stadt, den etwa 100 Teilnehmer begeistert besuchten. Nach der Auftaktveranstaltung wurden täglich Referate zu entwicklungspädagogischen Fragestellungen im psychotraumatischen Kontext gehalten.

Neben allgemeinen Fragen der Psychotraumatologie und der Notfallpädagogik ging es vor allem um die kindliche Entwicklung im ersten und zweiten Jahrsiebt und Entwicklungsstörungen angesichts traumatischer Erlebnisse. Es folgten praktische Arbeitsgruppen in Eurythmie, Malen und Formenzeichnen, Erlebnispädagogik, Sandspieltherapie und Kinderspiel im Vorschulalter. Tägliche gemeinsame Abschlusskreise mit rhythmischen Bewegungsübungen und gemeinsamen Singen rundete die Kurse ab. Am Abschlusstag wurden im Plenum die Ergebnisse der „Workshops“ präsentiert und mit einer Fragen- und Gesprächsrunde das Trainingsprogramm abgeschlossen. Ein Teilnehmer fasste das Ergebnis der Veranstaltung zusammen: „Diese Pädagogik gibt Kraft!“.

Zukunftsperspektiven: „Bitte kommt wieder“

In einem Evaluationsgespräch am letzten Arbeitstag fand eine erste Auswertung des pädagogischen Nothilfeeinsatzes zusammen mit der Leitung des Gaza Community Mental Health Programme statt. Der Leiter der psychologischen Abteilung, Hasan Shaban Zeyada dankte dem Notfallteam für die engagierte Arbeit mit den betroffenen Kindern und Eltern sowie für die vielen kreativen Anregungen durch die Fortbildungskurse: „Es sind schon viele Experten nach Gaza gekommen und haben Theorien verbreitet. Ihr habt durch eure praktische Arbeit überzeugt. Wir sind durch die ununterbrochene Traumaarbeit ausgezehrt und betriebsblind geworden. Wir brauchen euren Blick von außen und eure kreativen Anregungen. Bitte lasst uns nicht alleine! Bitte kommt wieder!“

Bernd Ruf

Gekürzte Fassung, vollständiger Einsatzbericht (pdf).

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