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Gaza Februar 2009


„Welcome to Gaza“

Notfallpädagogische Krisenintervention in den Trümmern von Gaza

Die pädagogische Nothilfe für psychotraumatisierte Kinder im Gaza hat begonnen. Ein Kriseninterventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners arbeitete vier Tage in den Trümmern von Gaza, um traumatisierten Kindern in einer pädagogischen Akuthilfe mittels waldorfpädagogischer Methoden beizustehen. Die von israelischen Freunden angeregte notfallpädagogische Krisenintervention ist ausschließlich humanitär motiviert.

Bei der mehr als drei Wochen dauernden Militäroffensive im Gaza-Streifen wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza mindestens 1.415 Menschen getötet und etwa 5.500 verletzt. Die UNO geht davon aus, dass es sich bei der Hälfte der Opfer um Zivilisten handelt. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist durch die militärischen Angriffe und die hermetische Blockade des Gaza-Streifens ebenso zusammengebrochen wie die Wasser- und Stromversorgung sowie die Versorgung mit Lebensmitteln und Hilfsgütern. Alles, was zum Überleben der Menschen erforderlich ist, muss durch die etwa 2.000 illegalen Tunnel an der Grenze zu Ägypten geschmuggelt werden. Die meist jugendlichen Gräber verdienen etwa 100 Schekel pro Meter. Viele Menschen leben seit dem täglichen Bombardement in dem Tunnelsystem, um Schutz zu finden oder weil ihre Wohnungen zerstört wurden.

Angesichts der Erfahrung mit der Situation von Kindern in Kriegsgebieten oder nach Naturkatastrophen – zuletzt 2006/07 vier Einsätze im Libanon sowie 2008 im Erdbebengebiet von Sichuan/China – entsandten die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners ein 15-köpfiges Notfallteam aus anthroposophischen Ärzten, Therapeuten, Waldorfpädagogen und Dolmetschern in den Gaza, um traumatisierten Kindern und ihren Familien in einer pädagogischen Akuthilfe beizustehen.

Kooperationspartner der „Freunde“ im Gaza war das „Gaza Community Mental Health Centre“ in Gaza-Stadt, ein nichtstaatlicher Dachverband für psychische Gesundheit, der mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammenarbeitet. Das Zentrum war am 27. Januar selbst durch einen Raketenangriff schwer beschädigt worden. Die hochkompetenten Traumaexperten des Zentrums arbeiten unter der Leitung des Psychiaters Dr. Ahmad Abu Tawhina in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern im gesamten Gaza-Streifen. Sie sind nach wochenlanger Traumaarbeit am Ende ihrer Kräfte. „Die seelischen Zerstörungen sind noch größer als die materiellen“, berichtet uns einer der palästinensischen Traumaexperten.

Das pädagogische Notfallteam der „Freunde“ arbeitet an der Omar Bin Khattab-Schule, einer UN-Schule im völlig zerstörten Norden von Gaza-Stadt. Die Schule wurde bei einem israelischen Raketenangriff mit einer anschließenden Militäraktion von Spezialkräften schwer beschädigt. Offensichtlich wurde die Schule auch als Militärstützpunkt der Hamas missbraucht. Zwei Kinder wurden bei dem Angriff getötet, über 20 verletzt. Hamsam, ein 10-jähriges Mädchen, erzählt, wie ihre Schwester vor ihren Augen von den Soldaten erschossen wurde. Zwei Kinder zeigen uns ihre Schusswunden. In einem Zelt der UNICEF machen die Kinder Formenzeichnen und lauschen aufmerksam den Geschichten, die wir erzählen. Sie lechzen nach Bildern. Auf dem Schulhof machen wir Kreisspiele. Während die Kinder uns anfangs nicht anfassen wollten, ist der Platz an der Hand der Helfer bald heiß umkämpft. Die Hand bietet Sicherheit. Die siebenjährige Aissa ruft plötzlich: „Zu uns kommen viele Ausländer zum Fotografieren. Dann gehen sie wieder. Ihr aber kommt zum Spielen!“.

In der Stadt Khan Younis im Süden des Gaza arbeitet das Notfallteam in der Schule Eid Al Agha. Die Fassade des Gebäudes ist von Maschinengewehrsalven gezeichnet. Der Raketenbeschuss der Stadt hält während unserer Anwesenheit an. Viele Kinder sind zunächst unzugänglich und abweisend. Ängstlich reagieren sie auf Flugobjekte, mit denen das israelische Militär den Gaza beobachtet. Auffallend viele Kinder fragen die Helfer nach Nahrungsmitteln. Erschütternd sind auch die Kinderzeichnungen, die an den Wänden der Schule ausgehängt wurden. Sie berichten lebhaft von den traumatischen Erlebnissen und offenbaren schonungslos das Ausmaß der inneren Zerstörungen.

Eine besondere Herausforderung war die Arbeit mit traumatisierten, gehörlosen Kindern in der Atfaluna Society for Deaf Children. Es ist eine Einrichtung, die mit der Christoffel-Blindenmission kooperiert. Mit mehreren Kindergruppen wurden eurythmische und erlebnispädagogische Übungen durchgeführt, wurde gezeichnet und geknetet. Die Kindergartengruppen führten Kreis- und Reigenspiele durch. Der Kunstlehrer der Schule wohnt im Lager Jaballia. Zwei der Nachbarhäuser wurden bei einem Angriff zerstört – seither malte er nicht mehr. Als er die Kinder zeichnen sah, brach es aus ihm heraus. Er griff zum Pinsel und gab seinem Erleben Ausdruck. Der traumatische Krampf hatte sich gelöst.

Mehrere Einsätze wurden im Al Qattan Centre in Gaza-Stadt durchgeführt. Die Einrichtung wird von der Al Qattan Foundation in London getragen. Viele Eltern brachten ihre traumatisierten Kinder zur künstlerischen Therapie in das Zentrum. Die Direktorin Reem Abu Jaber bat uns auch um die Schulung der dortigen Mitarbeiter. Hier ergab sich auch die erste Begegnung mit Almesa, Zenab und den anderen Kindern des Samouni-Clans.

Auf den Trümmern ihrer Häuser lebt der Rest des Samouni-Clans heute in notdürftigen Verschlägen. Ein 12-jähriger Junge zeigt uns seine noch immer blutende Wunde am Rücken. Ein eineinhalb Jahre altes Mädchen hat Verbrennungen an den Beinen, die deutlich auf den Einsatz von weißem Phosphor hinweisen. Ähnliche Verbrennungen hat auch ihr fünfjähriger Bruder am Rücken. Weißer Phosphor führt zu schrecklichen Verbrennungen, wenn er mit der Haut in Berührung kommt. Außerdem werden durch Vergiftung innere Organe nachhaltig geschädigt. Selbst kleinste Mengen der furchtbaren Substanz können Knochen und Blut für immer in Mitleidenschaft ziehen. Der Einsatz dieser Substanz ist nach internationalem Recht in Form von Rauchschwaden zum Schutz der Soldaten nicht verboten, wohl aber als chemische Waffe gegen Zivilisten. Der 15-jährige Helmi deutet auf seine Bauchnarbe, die von einem Granatsplitter herrührt. Viele der Kinder haben eitrig verkrustete Augen und eitrige Entzündungen um den Mund. Der zehnjährige Abdella Heja Samule war in dem Haus, in dem die 36 Familienmitglieder starben. Er berichtet, wie sein vierjähriger Bruder am Knie des toten Vaters rüttelte: „Dann kamen Soldaten ins Zimmer und erschossen ihn, meine Mutter und meine anderen 16 Geschwister. Ich habe als einziger meiner Familie überlebt!“

Nach viertägiger erfolgreicher Arbeit musste unser Kriseninterventionsteam nach telefonischer Aufforderung der Deutschen Botschaft in Kairo den Gaza umgehend verlassen. Wir hatten gerade die notfallpädagogische Arbeit mit Waisenkindern in der „Al Amal institution for orphanage“ beginnen wollen. Mit Hilfe der Botschaft gelang es, im letzten Moment die Grenze zu passieren.

Der fluchtartige Aufbruch wurde vom deutschen Fernsehen aufgezeichnet. Der Reporter stellte während des Rückzugs des Teams die entscheidende Frage: „Was konntet ihr erreichen?“.

Die notfallpädagogische Krisenintervention war eine Akuthilfe, vergleichbar der ersten Hilfe an einem Unfallort. Obwohl durch erste Hilfemaßnahmen eine sofortige Heilung nicht erreicht werden kann, können diese doch wesentlich zum weiteren Verlauf des Heilungsprozesses der Verletzungen beitragen. Dies gilt für seelische Wunden, für Psycho-Traumata, gleichermaßen.

Wir gaben den betroffenen Menschen die Gewissheit, in ihrem Schmerz von Anderen wahrgenommen zu werden. Wir zeigten den Kindern, dass nicht jeder Fremde ein Mörder sein muss. Wir führten sie für Momente zu dem Erleben, dass das Leben auch schön sein kann. Und wir wissen, dass Hoffnung und Freude Heilfaktoren sind!

Für diese Tätigkeit zugunsten der psychotraumatisierten Kinder im Gaza sprach uns die UN-Sonderbotschafterin für Kinder in bewaffneten Konflikten, Frau Radhika Comaraswamy, in der Omar Bin Khattab-Schule ihre Anerkennung und ihren Dank aus.

Sobald der Zugang zum Gaza für Hilfsorganisationen wieder geöffnet werden wird, wollen die „Freunde“ die unterbrochene Arbeit dort fortsetzen. Sie können dies aber nur, wenn ausreichend Spendenmittel dafür zur Verfügung stehen.

Bernd Ruf

Gekürzte Fassung. Vollständiger Einsatzbericht (pdf).

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