Deutsch  |  English

Streiflichter: Projekt Ankommen_Weiterkommen

Es ist einer dieser regnerischen Tage im Januar. Ich fahre wie verabredet in die Jugendhilfe vom Parzival Zentrum Karlsruhe, um die Jugendlichen zu besuchen, mit einzelnen zu reden. Es ist früher Abend. Essenszeit. Manche Jugendliche sind in der Stadt, andere auf ihren Zimmern, haben vielleicht Besuch und einzelne kochen in den Küchen auf den verschiedenen Stockwerken. Eine ganz entspannte Abendatmosphäre. Einige machen im Moment Praktikum, kommen spät und müde nach Hause. Ich gehe in den ersten Stock. Es riecht gut aus der Küche. Ein Jugendlicher kocht, ich nehme an, für sich. Reis mit Gemüse und Hähnchenbrust in der Pfanne. Er erzählt, dass eine junge Frau aus Somalia vor drei Tagen ein Kind geboren hat in einer Einrichtung nicht weit weg von hier. Das Essen sei dort nicht so gut, er koche jetzt für sie und bringe es ihr rüber. Ich schaue ihn an und bin tief berührt von seiner Hilfsbereitschaft.

Messe Karlsruhe. Einstieg Beruf.
Zusammen mit den Jugendhilfen laden wird die Jugendlichen ein, zur Messe  zu fahren. Es ist eine gute Möglichkeit, sich einen Überblick über die verschiedenen Berufe zu verschaffen. Alle brauchen einen Praktikums – oder
schon einen Ausbildungsplatz. Für manche ist letzteres die einzige Option, in Deutschland bleiben zu können.
Die zwei Hallen sind dicht gefüllt mit jungen Leuten aus den unterschiedlichsten Ländern. An verschiedenen Ständen können sie auch spielerisch praktisch tätig werden: Nägel in ein Holz schlagen, ein Herz aus Schiefer schlagen oder eine Kletterwand hochklettern für den Beruf des Dachdeckers. Viele Informationen werden verteilt oder im Gespräch weitergegeben. An manchen Ständen stehen,
freudig lächelnd, ehemalige Schüler von uns und sprechen mit den Interessenten.
Sehr unterschiedlich schauen, informieren sich die Jugendlichen. Manche wissen genau was sie wollen und gehen direkt zu diesen Ständen, andere schauen erstmal und es dauert eine Weile, bis sie sich trauen, tätig zu werden, auch zum Beispiel ein Herz aus Schiefer zu schlagen. Sehr genaue Informationen wollen einige bei der KVV  und dem Malerberuf. Wieder andere sind noch überfordert mit der deutschen Sprache, als sie bei mutiple choice Dinge ankreuzen wollen.  

Wir treffen einige Jugendliche, die eine Zeitlang das Parzival Zentrum besucht hatten. Im Austausch wird deutlich, dass ihnen etwas fehlt, dass es langweiliger geworden ist. Ein Jugendlicher aus Gambia kommt freudestrahlend auf uns zu in Kappy und Kapuze eingehüllt. Er hätte damals, als er angekommen sei, soviel  gelernt, als wir über die Bewegung die Sprache vermittelt haben, Bewegung, Eurythmie und Erlebnispädagogik. Das würde er nie im Leben vergessen. Er sagt das in großer Freude und Dankbarkeit.
Langsam erinnere ich mich und sein Gesicht von damals, von all den vielen Gesichtern, die schon im Zentrum waren, taucht in mir wieder auf. Zugehüllt und leicht gebückt saß er am Tisch, die Flucht noch auf den Schultern tragend und nur langsam realisierend, wo er ist, angekommen ist.
Es ist schön, so ein Feedback zu hören und es zeigt, dass etwas von der Arbeit, die nicht immer leicht verständlich zu machen ist, angekommen ist.  Sie gibt den Jugendlichen aus der traumapädagogischen Arbeit die Möglichkeit, sich wieder zu öffnen und sich selbst, nach den vielen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren, wieder als Mensch zu erleben. Herzlich verabschieden wir uns und ich hoffe, dass er seinen Weg hier in Deutschland finden wird.
Die Jugendlichen haben viele Prospekte in den Händen und gehen mit Anregungen, aber sicher auch mit vielen Fragen nach Hause.
 
Wie oft sind sie wohl schon mit dem Gefühl nach Hause gegangen, ohne zu wissen, ob sie nicht morgen abgeschoben,  oder gar abgeholt werden, wenn sie gerade 18 geworden sind? Oder andere, ob sie einen Transfer haben in eine andere Stadt? Von wie vielen wird zudem erwartet, dass sie ihre Familien unterstützen? Die Unsicherheiten äußern sich meistens nachts, wenn sie nicht schlafen können und dann auch am nächsten Tag nicht zur Schule kommen. Der Druck der Prüfungen in Deutsch oder der Hauptschulabschluss kommen noch hinzu. Und dann, was kommt danach? Gibt es einen Ausbildungsplatz, können sie bleiben? Wir haben öfter die inneren Zusammenbrüche der Jugendlichen bei der Mitteilung der Abschiebung erlebt, die das Trauma reaktivieren.

Und oft  habe ich mir überlegt, wie ich wohl unter all diesem Druck leben könnte, was das mit mir machen würde. Immer wieder bin ich berührt, wie die Jugendlichen eigentlich innerlich sehr unsicher sind und trotzdem so offen und freundlich auf uns zukommen. Der Kontakt ist einfach und schön und schon in kleinen Momenten der Begegnungen kann sich vieles, ja auch Heilendes, abspielen.

Bettina Woiwode ist in Karlsruhe für die Notfallpädagogik der Freunde Erziehungskunst Rudolf Steiners tätig. Sie arbeitet mit drei Kolleg*innen im von Aktion Mensch e.V. finanzierten Projekt "ankommen_weiterkommen". Im Rahmen dessen werden am Parzival-Zentrum außerhalb des Unterrichts Angebote unter Berücksichtigung traumapädagogischer Aspekte für Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gemacht. Karlsruher Jugendliche ohne Fluchthintergrund werden eingebunden. Ziel des Projekts ist die Persönlichkeitsbildung, das soziale Lernen, die Berufsorientierung sowie der interkulturelle Austausch aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

News

  • +++ 01.10.2018 +++

    Katastrophe in Indonesien

    Das schwere Erdbeben und der Tsunami vom Oktober hat der indonesischen Insel Sulawesi Tod und Zerstörung gebracht.  Um die traumatisierten Menschen in der Verarbeitung ihrer Erlebnisse zu unterstützen, fand im November ein notfallpädagogischer Einsatz in der Krisenregion statt. weiter

  • +++ 21.09.2018 +++

    Hilfe auf den Philippinen

    Ein Team der Notfallpädagogik fliegt vom 27.09. bis zum 08.10. auf die Philippinen. Gemeinsam mit vier lokalen Kollegen werden sie die Betroffenen des Taifun „Mangkhut“ unterstützen. Der Sturm hat auf den Philippinen schlimme Schäden angerichtet und viele Menschen das Leben gekostet. Erdrutsche und Schlammlawinen erschweren die Situation zusätzlich.

  • +++ 20.09.2018 +++

    Einsatz in Gaza

    Im Herbst reist erneut ein dreiköpfiges Notfallpädagogik-Team nach Gaza. Unterstützt von der DROSOS-Stiftung soll ein Handbuch (Guidelines) für lokalen Pädago*innen des Nawa Centers und des Kindergartens entstehen. Die Workshops und der Einsatz dienen zur Vorbereitung dieses kulturellangepassten und genau auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnittenen Leitfadens.

  • +++ 11.06.2018 +++

    HINWEIS: Notfallpädagogische Jahrestagung 2019

    Vom 20.-23. Juni 2019 findet die achte Notfallpädagogische Jahrestagung in den Räumlichkeiten des Parzival-Zentrums in Karlsruhe statt.
    Unter dem Titel „Notfallpädagogik - Wie Pädagogik verletzten (Kinder-) Seelen helfen kann“, legen wir bei unserer nächsten Jahrestagung den Fokus auf die Basis der Notfallpädagogik.

    Programm und weitere Informationen

Newsletter Notfallpädagogik

Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

Notfallpädagogik
Büro Karlsruhe
Parzivalstraße 2b
76139 Karlsruhe
Tel +49 (0)721 20111-144
Fax + 49 (0)721 35455974
notfallpaedagogik[at]freunde-waldorf.de

Diese Seite teilen: