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Kirgisistan 2010

In der zweiten Novemberhälfte 2010 führte ein elfköpfiges Notfallteam  der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. zusammen mit Mitarbeitern der anthroposophisch-heilpädagogischen Einrichtung "Nadjeschda" in Bishkek eine vierzehntägige traumapädagogische Krisenintervention in vier Schulen der südkirgisischen Provinzhauptstadt Osch durch. Der notfallpädagogische Einsatz kam auf Einladung  des kirgisischen Bildungsministers zustande und wurde vom kirgisischen Ausbildungsdepartment organisatorisch vorbereitet.

In der Nacht zum 11. Juni 2010 kam es in der südkirgisischen Stadt Osch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit. Ausgegangen war der Konflikt von randalierenden usbekischen Jugendlichen nach einem  Disco-Besuch.  Stunden später standen ganze Stadtviertel in Flammen. Die Gasversorgung der Stadt musste wegen Explosionsgefahr abgeschaltet werden. Die medizinische Versorgung und die Lebensmittelversorgung brachen ebenfalls zusammen. Mindestens 400.000 Menschen flüchteten nach Angaben der UNHCR, davon 90 % Frauen und Kinder. Die zurückgebliebenen Usbeken verschanzten sich in ihren Wohnvierteln. 70 % der Gebäude von Osch wurden beschädigt, wobei es sich um etwa 2.000 usbekische Häuser handelt, die bis zu den Grundmauern abbrannten Kirgisische Regierungsvertreter sprachen von 2000 bis 2500 Todesopfern. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ sprach von einer Million Betroffener, denen es an Nahrungsmitteln und Trinkwasser fehlt. Viele sind traumatisiert.

Die UNO geht davon aus, dass die Unruhen lange vorbereitet wurden. „Die Gewaltakte scheinen fein abgestimmt, gezielt und gut geplant zu sein“, betonte die Menschenrechtskommissarin der UNO, Navi Pillay, in einem Interview.

An den blutigen Auseinandersetzungen waren Kinder und Jugendliche sowohl als Täter als auch als Opfer beteiligt. Täter und Opfer wohnen zum Teil in der gleichen Straße und besuchen die gleiche Schule. Sie mussten zusehen, wie Angehörige oder Nachbarn ermordet sowie Häuser geplündert und abgebrannt wurden. Viele flohen.  Einige legten als Teil des Mobs selbst Hand an. Insgesamt wurden 1200 Schüler bei den Pogromen geschädigt. Fast alle leiden unter den psychischen Folgen der Traumatisierung.

 „Unsere Schüler sind plötzlich unkonzentriert, passiv, unmotiviert und merkwürdig unselbständig. Sie haben keine Lust zum Lernen und können keine Regeln mehr einhalten. Die meisten Schüler sind schreckhaft, weinerlich und haben starke Ängste. Unseren Lehrern fallen viele Krankheiten der Schüler auf: Übelkeit, Kopfschmerzen, Essprobleme und Schlafstörungen!“, berichtet der Schulleiter Hpdjiburaeb Avazbek Hatamjanovich über die Veränderungen des Schülerverhaltens nach den Ereignissen im Sommer 2010.

Die notfallpädagogische Krisenintervention wurde in insgesamt vier Schulen mit jeweils etwa 350 Kindern an jeweils drei aufeinander folgenden Tagen durchgeführt.

Begonnen und abgeschlossen wurde in einem gemeinsamen Auftakt- und Abschlusskreis mit Liedern, eurythmistischen Übungen und Sprüchen. Dazwischen wurden zwei Workshop-Einheiten durchgeführt, wobei Formenzeichnen, rhythmische Übungen, Eurythmie, Kunsttherapie und Erlebnispädagogik angeboten wurden. Am jeweils letzten Arbeitstag erfolgte im Abschlusskreis eine kurze Präsentation von Arbeitsergebnissen der Workshops. Die Lehrer der Schulen wurden in einem „Learning-By-Doing-Verfahren“ so weit wie möglich in die Arbeit mit den Schülern integriert. 

„Seit den Ereignissen im Sommer habe ich meine Schüler zum ersten Mal wieder glücklich erlebt!“, resümiert Schulleiter Hpdjiburaeb Avazbek Hatamjanovich von der Schule Nr. 69. Seine Kollegin Horeva Tatjana Vladimirovna von der Schule Nr. 16 fügt erstaunt hinzu: „Nach unseren Appellen laufen die Schüler in Windeseile davon. Nach Euren Abschlusskreisen bleiben alle erwartungsvoll stehen. Sie sind nicht satt und sehnen sich nach mehr!“.

Die höchste Auszeichnung erhielt das Notfallteam allerdings von den Kindern und Jugendlichen. „Wenn wir so zusammengearbeitet hätten, wäre der Konflikt anders verlaufen!“, sagte eine 16jährige Schülerin der Schule Nr. 30 nach einem erlebnispädagogischen Training zur Sozialkompetenz und ihre Mitschülerin fügte hinzu: „Danke, dass ihr uns wieder Freude in unser Leben gebracht habt!“.

Bernd Ruf

Hier finden Sie den vollständigen Einsatzbericht.

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