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Griechenland 2015

Menschliches Strandgut auf Lesbos: Kinder im Vorhof der Hölle

Die Strände der griechischen Insel Lesbos sind mit den Überresten tausender Boote und zehntausenden signalroten Schwimmwesten übersät. Täglich erreichen über 100 Schlauchboote mit 7000 bis 10 000 Flüchtlingen an Bord die Insel. Nun im Herbst ist die See rau, die Überfahrt sehr gefährlich. Dicht gedrängt stehen die Menschen in den Booten: Männer und Frauen, Mütter mit Neugeborenen, Schwangere und Alte, Kranke und Verletzte - und vor allem Kinder. Jede unvorsichtige Gewichtsverlagerung kann zum Kentern des Schlauchbootes führen. Einige, die über Bord gingen, schwimmen neben den Booten her. Über 3000 Menschen sind 2015 bereits im Mittelmeer ertrunken.

Jedes Boot, das die Küste erreicht, hat Tragödien zu vermelden. Ein fünfjähriges Mädchen weint verzweifelt über den Tod seiner Mutter, die während der Überfahrt ertrank. Die Mutter eines fünf Monate alten Säuglings trauert um den Verlust ihres Zwillingskindes. Viele der völlig durchnässten und unterkühlten Ankommenden sind dem körperlichen und psychischen Zusammenbruch nahe. Andere wirken euphorisch in der Annahme, nun das Schlimmste überstanden zu haben. Sie ahnen nicht, was sie noch erwarten wird.

Wie Ameisenstraßen ziehen sich die endlos scheinenden Flüchtlingsströme durch die gebirgige Insel. Alle sind auf der Suche nach den von der Europäischen Union errichteten, völlig überlasteten Registrierungscamps Kara Tepe und Moria. Nur wer registriert ist, hat Anspruch auf Hilfe und medizinische Versorgung sowie auf die begehrten Tickets für die Überfahrt nach Piräus. Um das Camp Moria spielen sich kaum beschreibbare Szenen ab. Fast 10 000 Menschen warten dort in langen Kolonnen dicht zusammengedrängt oft tagelang auf ihre Aufnahme ins Lager. Im strömenden Regen drohen sie in Müll und Morast zu versinken.

Dem Interventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners gelingt es nach Verhandlungen mit behördlichen Verantwortungsträgern, einige Kinder in lebensbedrohlichem Zustand zur medizinischen Akutversorgung ins Lagerinnere zu bringen. Fast täglich entladen sich die unmenschlichen Bedingungen in schweren Tumulten. Mit Schlagstöcken und Tränengas versuchen Polizeikräfte das Ausmaß der Gewalt einzugrenzen und einen Rest äußerer Ordnung aufrechtzuerhalten.

Im Innern des Moria-Camps, das vom griechischen Staat betrieben wird, werden etwa 60 syrische und 30 afghanische unbegleitete Kinder und Jugendliche in zwei getrennten Lagerabschnitten beherbergt. Sich selbst überlassen, ohne pädagogische Betreuung, werden sie am Rande des Existenzminimums von zwei Polizisten versorgt. Die Wohncontainer der Kinder sind mit Mauern, Gittern und Nato-Stacheldraht mehrfach gesichert. Alles erinnert eher an ein Internierungslager für Strafgefangene, als an eine europäische Einrichtung zur Kinder- und Jugendfürsorge.

Notfallpädagogische Interventionen können traumatisierte Kinder auch in solchen Extremsituationen stabilisieren. Sie können helfen, die belastenden Erlebnisse zu verarbeiten und sie in die kindliche Biografie zu integrieren. Flashbacks können unterbrochen oder Panikattacken gemildert werden. Albträume und zwanghaftes, traumatisches Spiel lassen sich durch Gespräche positiv beeinflussen.
Eurythmie, Bewegungsspiele, Sport, aber auch lediglich Spaziergänge wirken der lähmenden Bewegungsunlust entgegen und helfen bei der Verarbeitung von Psychotraumata. Rhythmische Übungen stabilisieren  die menschlichen Vitalkräfte und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Eine ritualisierte Tagesstruktur hilft, neue Ordnung in einer zusammengebrochenen, chaotisierten Welt zu schaffen und gibt Halt, Orientierung und Sicherheit.
Malen, Zeichnen, Musik und Tanz können kreative, heilende Ausdrucksmittel sein, wenn Kinder nicht über ihre Erlebnisse sprechen können. Die gemeinsame Planung und Durchführung von kleineren Projekten kann helfen, die Zuversicht in die eigenen Gestaltungskräfte zurück zu gewinnen und zu einer neuen Handlungskompetenz zu finden.

Die Kinder und Jugendliche im Lager Moria benötigen dringend pädagogische Zuwendung und stabilisierende Alltagsstrukturen, die das Internierungslager in einen „child friendly space“ verwandeln können. Der Camp-Manager von Moria, ein griechischer Polizeioffizier, hat dies erkannt: „Bitte bleibt! Wir brauchen Euch!“

Bernd Ruf

Vollständiger Einsatzbericht (PDF)

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