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Bangladesch Februar 2018

Ein Land am Rande des Möglichen

Knapp eine Million Rohingya leben mittlerweile in Bangladesch. Seit August sind zu den ca. 150.000- 200.000 Flüchtlingen, die schon in den 90er Jahren ins Land gekommen sind, nochmal über 800.000 Menschen hinzugekommen.

„Die Menschen kamen ganz plötzlich. Vor allem Frauen mit vielen Kindern säumten die Straße. Sie brauchten Schutz und Nahrung, jetzt sofort.“  Nishat Rahman ist Professor am Brac Institute for Educational Development und erzählt, wie das Land förmlich überrannt wurde.

„Wir kamen, um die Lage einschätzen zu können und wurden völlig überwältigt von dieser Situation. Die Frauen wollten, dass wir ihnen Essen geben oder dass wir sie am besten mitnehmen würden, egal wohin. Die Geschichten, die die Menschen uns damals und auch heute noch erzählen, sind so grausam, dass man es sich kaum vorstellen kann. Eine Frau hat erzählt, wie ihr Haus niedergebrannt wurde, während sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern darin war. Sie könnte mit dem Kleinsten an die Brust gedrückt entkommen, aber ihr Mann und ihre drei anderen Kindern starben in den Flammen. Sie selbst hat starke Verbrennungen auf ihrer rechten Körperseite. Und die psychischen Folgen kommen hinzu. Wir von brac waren eine der ersten Organisationen, die hier Hilfe für die Menschen angeboten haben. Seit September haben wir insgesamt 215 Child Friendly Spaces (CFS) aufgebaut, 15 davon für die lokale Bevölkerung. Denn auch für diese ist die Situation nicht leicht. Wir hier in Bangladesch haben ohnehin schon viele Probleme und kommen nun an den Rand unserer Kapazitäten.“

Eines scheint klar zu sein, die Situation ist so schnell nicht zu lösen.
Brac hat ein hochprofessionelles System aufgebaut, um die psychischen Bedürfnisse der Rohingya zu erfassen und ihnen Unterstützung und Beratung anzubieten.
Viele der Kinder, die in die CFS kommen, sind hyperaktiv oder völlig ins sich zurückgezogen, haben Schlafprobleme und erleben Flashbacks. Trotz der schwierigen Umstände hat brac es geschafft, eine Struktur für die 215 CFS zu gestalten. Diese Struktur nun mit Momenten der Ruhe zu befüllen sowie mit Methoden, bei denen die Kinder und auch die Betreuer wieder Kraft sammeln können, war die Aufgabe des Notfallpädagogik-Teams der Freunde der Erziehungskunst, das vom 1. bis zum 11. Februar vor Ort war.
Doch nicht nur die Helfer und Mitarbeiter, sondern auch die Host Community, die Bevölkerung des Aufnahmelandes, soll im Rahmen des Projektes Unterstützung erfahren. Daher wurden zu der Arbeit in den Camps Trainings für die Jaago Foundation durchgeführt.
Die Themen der Trainings reichen von Fragen wie: Was ist ein Trauma, wie wirkt es sich aus und was kann pädagogisch gemacht werden? Bis zu den Grenzen und der Ansteckung,  ab wann es therapeutische Hilfe braucht. Auch Methoden wie die Betreuer sich selbst stärken können und praktische Workshops wurden angeboten.

Wir haben gerade erst begonnen, mit der so wichtigen Unterstützung. Am Ende ist es die Aufgabe der Weltgemeinschaft, dieses Land jetzt nicht alleine zu lassen, das tatkräftig versucht unter der Last dieser humanitären Katastrophe nicht unterzugehen.

(Kristina Wojtanowski, Leiterin des Notfallpädagogik-Einsatzes in Bangladesch)

Assement November 2017

Massenflucht der Rohingya aus Myanmar

Im Oktober 2017 fand ein Assesment vor Ort statt, um einen kommenden Einsatz planen zu können. Der Notfallpädagogische Einsatz in Bangladesch wird vom 1. - 11. Februar 2018 stattfinden.

Er wird in Kooperation mit der lokalen, aber auch international agierenden Organisation brac durchgeführt. brac arbeitet unter anderem im Sektor Child Protection und hat in den letzten Monaten viele Child Friendly Spaces (CFS) z.B. im Lager Kutupalong eröffnet.

 

Endlose Menschenschlangen

Unzählige Menschen warten. Auf Nahrung, auf ihre Registrierung, auf Plastikplanen, auf ein Stückchen Hoffnung. Wir sind im Thenkhali Flüchtlingslager. Der Regen hört gerade auf, als wir ankommen. Trotzdem sind die Wege im Lager teilweise unpassierbar durch den Schlamm. Die kleinen Zelte aus Plastikplanen und Bambusstangen stehen auf dem bloßen Erdboden. Der schmale Graben darum hilft kaum, die Überschwemmungen der Zelte zu vermeiden. Jeweils zwei Familien teilen sich ein Zelt, nur geteilt durch eine Plane. Geschlafen wird auf einer kleinen Plane oder einem leeren Reissack.

Mumtaz‘ Familie ist eine von den vielen im Camp. 12 Tage waren sie auf der Flucht, haben Familienangehörige zurück lassen müssen, viele wurden getötet. Nun sind sie in Sicherheit, doch in der Nacht kommen die Erinnerungen wieder: Schüsse, Schreie, die Flucht. All das bebt unter einer dünnen Schicht aus Erstarrung und Schock. Und schon das leichteste Kratzen an dieser Oberfläche lässt als das Schreckliche wieder hochkommen. Der Ehemann von Mumtaz leidet unter täglich wiederkehrenden Flashbacks. Jedes Mal ist er wie aus dem Nichts plötzlich wieder dort, hinter der Grenze.

Wir fahren weiter. Das Lager Kutupalong ist aufgeteilt in einen alten und einen neuen Teil. Es besteht schon seit 1992, die erste größere Flüchtlingswelle kam im Oktober 2016. Sie war nichts im Verhältnis zu den Massen an Menschen, die seit dem 25. August 2017 nach Bangladesch gekommen sind.

Soweit das Auge reicht sieht man nur Zelte. Und auch hier in Kutupalong New Extension stehen wieder Schlangen von Menschen, die warten. Mittlerweile leben hier ca. 180.000 Menschen und im gesamten Distrikt gibt es acht weitere solcher Camps. Und es werden noch mehr kommen. Unter ihnen sind viele Kinder, fast 300.000 leben bereits in den Camps. Bislang haben nur die allerwenigsten die Möglichkeit, einen Child Friendly Space oder eines der learning centres von UNICEF zu besuchen.

In Bangladesch als internationale NGO tätig zu werden, ist eine Herausforderung. Die Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen ist unabdingbar. Nach wie vor sind die Rohingya staatenlos und eine Möglichkeit auf Rückkehr wird es für sie in absehbarer Zeit nicht geben. Um auch langfristig Hilfe und eine Zukunft für die Kinder zu ermöglichen, planen wir Trainings für lokale Betreuer und eine die Arbeit in Child Friendly Spaces.

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Wo jeden Tag Hunderte ankommen

Hilfe für Helfer in Bangladesch

Am 25. August griff eine Rohingya-Miliz burmesische Sicherheitseinrichtungen an, die mit einer Gegenoffensive reagierten.  In den folgenden Wochen sind über 300.000 Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch geflüchtet. Viele von ihnen kommen mit überfüllten Booten über den Grenzfluss Naf – und viele schaffen es nicht bis ans andere Ufer. Ein unabhängiges Bild der Lage ist im Moment nicht möglich, da die Regierung Menschenrechtsbeobachtern die Einreise verweigert. Allerdings spricht Uno-Menschenrechtskommissar Zeid Raad Al Hussein von einem „Musterbeispiel für ethnische Säuberung“ und der systematischen Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya.

Die Grenzregion Bangladeschs, in der die erschöpften Menschen ankommen, ist mit der Situation überfordert. Das ohnehin arme Land registriert bereits seit den 90er-Jahren Flüchtlinge aus Myanmar nicht mehr offiziell und gewährt ihnen nur die nötigste Hilfe. Die Flüchtlingslager sind längst voll, die meisten landen nun in provisorischen Unterkünften.

Nichts desto trotz gibt es durchaus Hilfsbereitschaft, viele wollen dem Leid der Rohingya nicht tatenlos zusehen. Was diese freiwilligen Helfer erleben, ist oft unvorstellbar. Eine von ihnen berichtet: „Ich war in der Shawpuri Dweep Region, wo die ersten Flüchtlinge ankamen. Einmal fuhren wir auch selbst raus. Und ich war entsetzt, als ich sah, wie viele Kinder nicht von den Bootsführern mitgenommen wurden, weil sie kein Geld hatten. Nachts gingen wir in die Camps und es war, als würde der Berg wanken vom Weinen der vielen Kinder. Man kann diese Szenen kaum beschreiben. Durch das, was ich bei ihnen beobachtete, wurde ich selbst traumatisiert.“
Die Gefahr für sekundäre Traumatisierung bei Helfern ist immer gegeben. Doch hier ist sie besonders groß, sie brauchen dringend psychosoziale Unterstützung.

Aus diesem Grund wird die Notfallpädagogik der Freunde der Erziehungskunst im Januar einen Einsatz vor Ort durchführen. Neben der Arbeit mit traumatisierten Kindern steht hier vor allem auch die Entlastung der lokalen Helfer im Fokus. In Workshops und Coachings werden ihnen Methoden aus der Notfall- und Traumapädagogik an die Hand gegeben, um besser mit der enormen Belastung umzugehen. Dazu gehören Psychohygiene, Selbstfürsorge und das Stärken der der eigenen (Resilienz-)kräfte.

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News

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    Notfallpädagogik für Schulen in Nepal

    2015 wurde Nepal von zwei verheerenden Erdbeben und mehreren starken Nachbeben erschüttert. Noch immer leidet das von Armut geprägte land unter den Folgen. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH) findet ab 27.01.2018 ein notfallpädagogischer Einsatzin der Erdbebenregion statt. weiterlesen

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    Hilfe in Bangladesch

    Im Herbst flohen Hunderttausende Rohingya aus Burma nach Bangladesch, die Flüchtlingslager sind überfüllt, die Helfer überfordert. Am ersten Febrauar reist ein Team der Notfallpädagogik zu einem zweiwöchigen Einsatz in die Grenzregion zu Burma, um die Betroffenen und die Helfer psychosozial zu stärken. weiterlesen

  • +++ 27.01.2018 +++

    Kenia-Team ist zurück!

    Heute kehrte unser Notfallpädagogik-Team aus Afrika zurück. Bei ihrem zweiwöchigen Einsatz in den kenianischen Flüchtlingslagern Kakuma und Kalobeyei wurde neben der Arbeit mit den Kindern und den Schulungen für die lokalen Mitarbeiter auch ein Spielplatz gebaut. weiter

  • +++ 09.10.2017 +++

    Ein Spielplatz für die Kinder im Irak!

    Fan werden und einen Spielplatz ermöglichen

    Wir haben es geschafft!
    Unter dem Motto „Spielen heilt“, werden wir gemeinsam mit Ihrer Unterstützung etwas Licht in den bedrückenden Alltag der Kinder bringen und einen Spielplatz im Irakl bauen. Vielen Dank!

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