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Blog Nordirak

Zwei Einheiten hatte ich, um über das Trauma zu referieren. Einem Teilnehmer ging es dann immer sehr schlecht, eine wurde sogar ohnmächtig. Solche Themen zu behandeln ist nie nur theoretisch, es betrifft immer die Zuhörer selbst massiv. Das strengt an, da man sehr wachsam sein muss.

Als ich darüber spreche, wie wichtig es sein kann, dem Schmerz durch Tränen freien Lauf zu lassen, erzählt eine Frau, dass sie im Sindschar erlebte, wie um sie herum vom IS auf Kinder und Frauen geschossen wurde, Freunde starben usw. Erst als sie in Sicherheit war, hätte sie weinen können. Welche Dankbarkeit, als man ihr sagt, wie wichtig und gut das gewesen sei!
Jeder ist hier traumatisiert.

Auch der oben beschriebene ältere Herr: Sein Heft, in das er alles hinein schreibt, wurde langsam voll. Ich wollte ihm meines schenken, das ich nicht mehr brauchte. Eine Kleinigkeit, die er kaum annehmen wollte. Dann erzählte er wieder, was er alles hinein schrieb. Es ist dieselbe Geschichte, die er fast wortgleich immer und immer wieder erzählt.

Es war wunderbar mit den Mitarbeitern, schöne Begegnungen, tolle Arbeit, aber auch immer auf der Hut vor Prozessen, die entstehen und die es aufzufangen gilt.

Eine Beobachtung will ich erzählen, die sicherlich „unwichtig“ ist, mich aber faszinierte. Beim Landeanflug auf Erbil fielen mir die Felder auf. Es ist eine fruchtbare Gegend, aber der Vegetationszyklus ist anders. Im Sommer gedeiht wegen der hohen Temperaturen wenig. Die Felder waren bereits abgeerntet. Von oben sah man die Spuren der Traktoren. Das hat mich berührt. In Deutschland fahren die Bauern auf den Traktoren gerade und in rechten Winkeln. In Kurdistan ist das anders. Es waren runde Formen, Schleifen, fast wie Flechtmuster, die das ganze große Ackerland durchzogen. Es war einfach nur schöner. Auf den abgemähten Stoppelfeldern wurden die Schaf- und Ziegenherden durchgeführt, was auch immer sie dort zu fressen finden sollten. Sie durchzogen die abgeernteten Felder mit Wegen, die sie in den Boden eingeprägt hatten. Viele Felder wurden anschließend abgebrannt. Im Schwarz der verbrannten Felder blieben die Spuren der Herden gelblich-ockerfarben. Dort, wo die Erntemaschinen das Heu aufgehäuft hinterlassen hatten, war es besonders schwarz.
Das waren Bilder, wie man sie aus Museen kennt: Schwarze Maschinenspuren wie organische Ornamente, dazwischen die helleren Herdenspuren wie Linien, die das Ganze durchziehen. Und die verschiedenen ockerfarbenen Töne der nicht abgebrannten Felder und einzelne grüne, auf denen Melonen, Gurken oder Wein angebaut wurde.

Es war eine Farbsymphonie, die das Auge begierig aufsaugte. Und doch strengen die gleißenden Helltöne in der Sonne das Auge an. Das Schönste beim Nachhause kommen in Deutschland war das viele Grün, das das Auge enorm beruhigt.

Sonntag, 10.07.2016

Was gestern für mich sehr auffällig war im Gespräch mit den Mitarbeitern, war das Thema Respekt. Es ging um die Ziele, die sie sich in der Arbeit mit Kindern setzten. Das häufigste Thema war "Respekt". Indem sie gelernt hatten, sich Ziele in der Arbeit bewusst zu machen und nicht jeder ein anderes, sondern gemeinsam das gleiche, gewannen sie Respekt vor einander. Nur wenn sie sich gegenseitig respektieren, können - per Nachahmung - die Kinder sie auch respektieren. Das war auch damals in Gaza das Thema, wenngleich nicht so häufig ausgesprochen.
Unausgesprochen sahen wir in den Zelten den Respekt der Kinder ihren Eltern gegenüber, den Respekt der Frauen den Männern gegenüber usw. Was ist das? In dieser Form und Intensität kennen wir das nicht in Europa.

Die Arbeit mit den lokalen Mitarbeitern geht heute besser. Es ist dennoch anstrengend. Auf Minkas Frage am Anfang, ob noch zum Vortag Fragen sind, kommen ganz anders geartete Fragen, die sehr wild diskutiert werden. Es kostet eine Stunde, die Stimmen und Meinungen gehen durcheinander, zwischendurch wird übersetzt. Das zusammenzuhalten, dazu das ständige Surren der lauten Klimaanlage, der Ventilatoren, die sozialen Spannungen zwischen den Teamern, strengt an.

In der Morgenrunde sollen die Teilnehmer kurz ihre aktuelle Befindlichkeit äußern. Spontan sagt der erste, der Soldat, dass es ihm schlecht gehe und er überhaupt keine Lust habe. Der Grund ist, dass es in der Nacht keinen Strom gab, die Klimaanlage nicht lief und es darum im Zelt so heiß gewesen sei, dass an Schlaf nicht zu denken gewesen sei. So ist es hier wohl öfter. Aber er sagt es so vehement, dass Niemand mehr zu Wort kommt. Aber auch er kann sich dann einfügen.

Hier enden meine Aufschriebe, die ich vor Ort gemacht habe. Es wäre viel zu berichten von dem neuen Team, das aufgestellt wurde, um in einem weiteren Camp eine ähnliche Arbeit aufzubauen, wie im anderen. Wie die Alten die Neuen aufgenommen haben, was sie ihnen aus ihrer Arbeit berichteten. Es war teilweise wundervoll, teilweise aber auch spannungsreich, meist Minka dazwischen vermittelnd.

Samstag, 09.07.2016

Heute brauche ich Zeit, meine Rolle zu finden in einem Prozess, der schon eine Weile läuft. In dem - und das ist wunderbar zu erleben - alle auf Minka schauen, ihr vertrauen, mit ihr arbeiten wollen. Es fällt mir schwer, mich in die Kleinschrittigkeit einzufinden, die bei diesen Menschen erforderlich ist. Was ich ihnen nachmittags darstelle, ist zu viel. Ich habe zwischendurch das Gefühl, ich kann mit dem, wie es meine Art ist, hier nicht viel ausrichten. Und das, obwohl meine Darstellungen so verkürzt angelegt waren, vor allem auch im Vergleich zu meinen sonstigen Seminaren. Daher fühle ich mich etwas fehl am Platz. Ich wehre mich innerlich sehr dagegen, erwachsene Menschen nicht so anzusprechen, wie ich es mit mündigen Erwachsenen gewohnt bin. Allerdings kenne ich das mit der Kleinschrittigkeit schon aus Gaza. Da wurde es besser. Mal sehen, was der morgige Tag bringt.

Eine Entschädigung heute ist der Sonnenuntergang, der tatsächlich blutrot ist. Wir gehen zu dritt zum Essen in ein viel zu teures Restaurant, und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht mit der Bewunderung der blutroten Sonne alleine bin. Beim Gespräch hätte ich nach meinem Gefühl nicht dabei sein müssen. Ich bin froh, Minkas Arbeit zu sehen, zu erleben, wie die Arbeit Früchte trägt, was die Mitarbeiter berichten, wie sehr Minkas Fortbildungen in der Arbeit geholfen haben. Leider hatte sich der Grund, weswegen ich mitgefahren bin, erübrigt. Ich sollte 250 Freiwillige in Psychotraumatologie unterrichten, die sich in der sehr langen Ferienzeit sinnvoll mit den Kindern beschäftigen sollten. Es fehlte an Unterschriften, so dass diese erwachsenen Freiwilligen noch nicht da waren.
Die Erlebnisse vom Tag zuvor wirken noch nach.

Ich muss noch von einem, dem ältesten Mitarbeiter berichten (52J.), in dessen Zelt wir kamen. Wir wollten, dass er uns den Child friendly space zeigt, der von den Friends of Waldorf Edukation (FWE) im zweiten Lager errichtet wurde. Er hatte jedoch verstanden, dass wir sein Wohnzelt sehen wollten. Es ist die Reinlichkeit pur. Man wäscht sich vor dem Betreten die Füße, alles ist bescheiden, aber liebevoll ordentlich. Komisch ist, dass er als erstes den Fernseher anmacht. Wie natürlich auch die Klimaanlagen, ist der Fernseher in allen Zelten an. Er ist wie ein Schmuckstück, das man auch den Gästen zuliebe anmacht. Skurril ist, dass die ganze Zeit in CNN über die Polizistenmorde in Dallas berichtet wird.
Gewiss ist das schlimm. Aber wie wirkt das auf jesidische Flüchtlinge, die Tausende an Toten zu beklagen haben und über die nirgends in dieser Ausführlichkeit berichtet wird? Der Gastgeber saß lange unter Saddam im Gefängnis. Was sich dort abgespielt hat, übersteigt sicherlich unsere Vorstellungskraft.
Zwei Dinge waren es, die ihn innerlich unbeschadet ließen. Das eine war, dass er sich für die Ameisen interessiert hat, die in seiner Zelle lebten. Er muss sie stundenlang verfolgt, beobachtet und bewundert haben! Das Andere war, dass er dort die Gelegenheit hatte und genutzt hat, Englisch zu lernen mit Hilfe eines Lexikons, das er gefunden hatte. Das hat ihn so weit gebracht, dass er im Krieg, in dem die Amerikaner Saddam besiegten, als Übersetzer für die Amerikaner arbeiten konnte. Vielleicht waren schon vorher Mittel da, an die Saddam nicht herankam, oder es waren die Einkünfte aus der Übersetzungsarbeit, die ihm ermöglichten, sein Traumhaus im Sindschar bauen zu können. Dieses Haus ist dem IS zum Opfer gefallen und es steht nicht mehr. Und trotz alledem: Selten sieht man einen fröhlicheren Menschen, einen neugierigeren, lernwilligeren. Er weiß alles, was Minka in den Kursen gesagt hat, er weiß sogar wann. "Das hast du am 28. April gesagt" sagte er zwischendrin, etwas Anderes an einem anderen Datum, das er ebenfalls aus dem Stand noch wusste. Auch bei mir schrieb er alles mit, bis in die letzte Faser aufmerksam, wissbegierig und immer fröhlich. Dieser liebenswerte ältere Herr hat sich etwas bewahrt trotz der Schrecknisse oder hat es gerade wegen ihnen erworben(?), vor dem man nur den Hut ziehen kann. Er schreibt alles auf, wie die Tauben sich bewegen, wie die Pflanzen wachsen. Ein Bild der Achtsamkeit. Diese Sorgfalt in der kleinen Behausung, die er mit Sohn, Ehefrau und Töchtern teilt, ist Ausdruck einer Freude für das, was er hat, statt der Trauer über die vielen Verluste.
Was im Gegenzug umso verwunderlicher ist, wie sehr er zuhause ein Pascha ist. Die Töchter verschämt im Hintergrund, die Ehefrau, die uns still und fast unsichtbar mit einem großem Mahl und Tee bewirtet, alle spielen keine Rolle, wenn der Herr im Hause Hof hält. Das ist sicher auch die Kultur. Aber bei einem so feinsinnigen Menschen in unserem Erleben ein eigentümlicher Widersinn.

Noch eines zu den überall laufenden Fernsehern. Von einem hörte ich, dass er es brauche, da sonst die Bilder der Schrecken in ihm aufsteigen würden. Das kann ich verstehen. Es ist aber eine grausige Vorstellung, wie sehr die traumatischen Erlebnisse nur verdrängt und umso mehr an die Folgegenerationen weitergegeben werden. Auch das wird einer Befriedung dieser blutgetränkten Gegend nicht förderlich sein.


"Zufällig" treffen wir beim Durchschreiten des ersten Lagers einen lokalen Mitarbeiter und seine Freundin. Ein großes Hallo. Er führt uns herum und lädt uns zum Abendessen ein. Wir hoffen einen anderen Mitarbeiter auch zu treffen, Minka ruft ihn an, er war aber bereits mit zwei weiteren gerade in der Stadt, wo sie etwas vorhatten. Als sie davon hören, dass wir im Lager seien, fahren sie sofort los! Nun zeigen sie uns mehr und wir besuchen alle auch bei sich zuhause. Das ist das Berührendste seit langem für uns.

Was diese Menschen erlebt haben, ist unfassbar. Eine Familie ist in buchstäblich letzter Sekunde aus Sindschar geflohen. Sahen, wie um sie herum kleine Kinder vom IS erschossen, Frauen geraubt wurden, gute Freunde ihr Leben verloren. Dennoch gelang es ihnen, wenn auch nur mit den Kleidern am Leib, zu fliehen. Hätten sie kein Auto gehabt, wäre es nicht gelungen. Unterwegs nahmen sie noch weitere Flüchtlinge in ihrem Fahrzeug mit.
Zuletzt sind wir bei einer wohlhabenden Familie im Ort in deren Haus. 19 Menschen der großen Familie teilen sich vier Zimmer in diesem sauberen, ordentlichen Haus und sind zuletzt traurig, dass wir nicht noch über Nacht bleiben wollen. Sie sind Kurden. Der Vater war 18, die Mutter 14 Jahre bei der Heirat, 1991 flohen sie im bitterkalten Winter vor den Giftgasangriffen Saddams über die Berge mit damals schon sechs (heute zehn) Kindern. Gegen Geld konnten sie die Kinder über Nacht unterbringen. Bei Frost gab es weder Zelte, noch Decken. Ein Verwandter von ihnen verlor zwei Kinder, die erfroren sind.
Und trotzdem begegnet uns in all diesen Fällen nie Bitterkeit, Wut oder Verzagtheit, sondern Offenheit, Freundlichkeit, Warmherzigkeit und ein enormer Lebensmut!

Natürlich werden wir überall eingeladen, wir müssen uns mit Händen und Füßen wehren, nur zweimal zu opulenten Abendmenüs geladen zu sein, um die anderen Male nur Tee, Wasser, Säfte und Kekse zu bekommen. Zuletzt, in dem kurdischen Haushalt, ist der Boden mit dem traditionellen opulenten Essen gedeckt: Fleisch, viele verschiedene Gemüsesorten, Salate, Soßen, die man mit Unmengen von Fladenbrot ohne Besteck und Teller aß, dazu Gebäck, Tee, Wasser. Dann im Nachbarzimmer Säfte, Knabbernüsse, Süßigkeiten. Als wir gehen wollen, muss es noch ein Kaffee sein und uns werden noch Bonbons mitgegeben.
Das Erlebte war in allen Fällen schlimm und grausam für die Betroffenen. Die Aussichten bedrückend, die Lebensbedingungen (zumindest im Camp) unzumutbar. Wie würde man sich selbst in solchen Lebenssituationen verhalten?
Was uns entgegen kommt, sind nicht nur generationenalte Traditionen der Gastfreundschaft. Das sicher auch. Die Herzlichkeit spricht auch aus den Blicken, der Mimik und den Worten. Es ist ein Geschenk!!!

An einem anderen Tag essen wir abends mit einem kurdischen Arzt, der im Lager arbeitet. Er lebt seit 2 Jahren nur in Hotels, mal hier, mal dort, ist in unterschiedlichen Camps tätig. Seine Eltern und Geschwister leben in Mossul. Vornehm, gepflegt, ausgeglichen wirkend sprach er das aus, was man allenthalben in der Luft liegen spürt, auch wenn davon wenig direkt zu hören und zu sehen ist: „Es ist Krieg“.
Iraker sind verfeindet mit Kurden und Jesiden, Jesiden und Kurden sind sich auch nicht sehr gewogen, alle sind gegen den IS. Und so ist es im ganzen Nahen Osten - Wie soll da jemals Frieden herrschen?

In den Lagern wimmelt es von Kindern jeden Alters, viele nehmen Blickkontakt auf. Oft ist es ein Lächeln, das hin und her geht, ein Winken und oft genug suchen sie Nähe. Aber es kommen manchmal auch nur neugierige, zuweilen ablehnende Blicke von meist älteren Kindern, unter deren Oberfläche Verletzung oder Groll schlummern. Die Frauen sind häufig beschäftigt oder nicht zu sehen. Aber die Männer. Viele sind westlich gekleidet, in der Regel sauber, nicht selten mit Haar Gel, neuen Jeans, T-Shirts mit Aufdrucken von Trendfirmen. Bei den Jungs sehr oft Trikots von deutschen Bundesligavereinen.

Mein Blick sucht immer auch die alten Männer. Einige in ihren kurdischen Pluderhosen, mit dem breiten Tuch in Gürtelhöhe, dem Turban, der anders als bei Arabern nicht im Nacken nach unten fällt, sondern auf dem Kopf zusammengebunden bleibt über Gesichtern, die zu fotografieren ich mich nicht getraut habe: Wettergegerbt, meist mit Schnurbart, mit tiefen Falten. Gesichter, die Geschichten erzählen könnten, wenn man in diesen Zügen lesen könnte. Ich erwische mich dabei, wie ich solche Gesichter gerne berühren würde, die Linien nachfahren möchte, als könnte man die Schicksale aus ihnen heraustasten. Meist sitzen sie in Gruppen im Schatten, schauen zu einem herüber, grüßen zurück, wenn man winkt, durchaus freundlich, nie ohne Stolz.

Oft geht es uns ja schon in Deutschland auf vollen Einkaufsstraßen so, dass wir uns angerührt fühlen von den vielen Schicksalen, die hinter jedem Einzelnen als Last, Bürde oder tragende Kraft unsichtbar mitgebracht werden und so geballt und zufällig aufeinanderprallen. Umso mehr sind wir bewegt von den Schicksalen, die hier zusammenkommen, auf diesem wüsten Flecken Erde. Auch in den Dörfern der Gegend leben nur Flüchtlinge. Kurden sind seit Generationen auf der Flucht, auch Jesiden haben generationsübergreifende Fluchtgeschichten in ihren Familien.
Umso überraschender ist es, die Freundlichkeit, Gastfreundschaft, Sauberkeit, Ästhetik und Würde zu erleben, die wir wahrnehmen dürfen. Das kommt alles unerwartet.

Am Morgen ein kurdisches Frühstück mit einem sehr süßen Kaffee, der einem alles zusammenklebt, dazu Melone, Fladenbrot, Gurken, Tomaten und Oliven.
Unser Blick von der Dachterrasse reicht ringsherum über die Stadt. Alles ist hell, staubig, man sieht wenig Grün außer in manchen Vorgärten, die kurzgemähte Rasenflächen haben, wie in deutschen Vorgärten. Aber alles hinter Mauern, dass man es von der Straße aus nicht sehen kann.

Heute war ein bewegender Tag mit so vielen, so berührenden Eindrücken, die zu erzählen einen Roman füllen würden.
Da ist zum Beispiel das Gespräch mit einem potentiellen Mitarbeiter. Auf der einen Seite sprechen politische Gründe für eine Ablehnung, auf der anderen Seite müsste es aus Gründen der Fähigkeiten und seiner inneren wundervollen Wandlung zu einem besonders herzlichen Willkommen als Mitarbeiter kommen.

Am Nachmittag fahren wir - Minka und ich - in die zwei Flüchtlingslager, die so unterschiedlich sind, obwohl die Zusammensetzung der Flüchtlinge nahezu gleich ist. Das eine Camp dreckig, vermüllt, ohne Intimität bei den sanitären Anlagen, die Zelte ebenerdig und ohne Mauerwerk, so dass sie in der Regenzeit überschwemmt sind und in Reih und Glied mit wenig Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung. Die "Geschäfte" fast alle nur in einer Straße.
Davon durch einen Zaun und eine stinkende Kloake getrennt das andere Lager: Ohne herumliegenden Müll, mit mehr Grün, die Geschäfte frei verteilt zwischen den Wohnzelten. Viele Zelte haben Estrich und sind ca. 20 cm über dem Erdboden, also auch in der Regenzeit trocken. Sie sind nicht in Reihen angeordnet, sondern die meisten Familien haben mehrere Zelte so zueinander stehen, dass Zellen entstehen, die Intimität bieten, sogar mit eigenen Sanitäranlagen.
Dennoch sind die Duschen und Toiletten sehr behelfsmäßig, nach unseren Maßstäben unzumutbar und primitiv. Es ist sehr überfüllt: Eine Familie zum Beispiel hat 8 Töchter, die sich ein Zelt teilen müssen. Die "Küchen", in denen für Großfamilien gekocht wird, sind primitiv. Der Strom fällt oft aus: 3 Stunden Strom, 3 Stunden kein Strom. Dann fallen natürlich die Klimaanlagen aus, ohne die es bei 40 Grad im Schatten (oft bis über 50°C) schwer aushaltbar ist. Und die Pumpen gehen dann auch nicht, so dass es zudem noch an Wasser mangelt. Ein Deutscher wäre nach einem Tag verzweifelt.

Die Flüchtlinge halten das seit inzwischen 1,5 Jahren aus - und ein Ende ist nicht abzusehen. Denn wenn Mossul angegriffen wird, wird es zu riesigen Flüchtlingsströmen kommen und viele werden hier her fliehen. Wenn der IS besiegt sein sollte, wird es vermutlich zu einem Bürgerkrieg zwischen Irakern und Kurden kommen. Sollte das ausgestanden sein, folgen wohl Konflikte zwischen demokratisch und militärisch orientierten Kurden etc. Die Region wird nicht so schnell zur Ruhe kommen. Die Jesiden sind immer zwischen den Fronten, fühlen sich nirgends sicher und werden demnach noch lange in den Lagern ausharren.

Freitag, 08.07.2016

Gestern flogen Minka und ich von Hamburg über Wien nach Erbil. Die Fahrt dort führte mit einem Fahrer, der sich nicht auskannte, im weiten Bogen um Mossul (IS-Hochburg) herum zu unserem Zielort.

Die Hitze hat alles verdorren lassen. Es ist hell, staubig, die Luft flirrt.
Am Straßenrand ist viel Müll und wir fahren an Händlern vorbei, die anfangs nur Tomaten, später Gurken und Melonen im Angebot haben. Man sieht starke Kontraste zwischen sehr großer Armut und Reichtum und zahlreiche teure Autos, darunter überraschend viele weiße Toyota-Pickups, wie man sie von den Bildern des IS kennt. Selbstverständlich fehlen die aufmontierten MGs...
Immer wieder kommen wir an Straßensperren der Peschmerga. Der Sinn wird nicht deutlich, denn sie fragen nur etwas. Womöglich könnte man ihnen alles Mögliche erzählen. Ich habe bislang nicht gesehen, dass ein Auto durchsucht worden wäre.

Wir fahren durch Dohuk: Viele glänzende Gebäude, prahlerische Hochhäuser, zur Schau gestellter Reichtum - das Ganze aber in Gassen, wie man sie auch in Tacloban oder Katmandu sehen kann. Es herrscht viel Verkehr, aber es ist nicht so laut, wie in anderen Metropolen, die ich erlebt habe, in Gaza zum Beispiel. Man fährt 5-spurig auf 3-spurigen Straßen. Die Straßen sind z.T. gut asphaltiert, dann wieder kommen riesige Schlaglöcher oder die Teilstücke enden blind und sind nur durch Schotterpisten miteinander verbunden.
Büsche und Bäume sehen wir nur im Gebirge, verdorrte Gräser und Disteln. Im flachen Land gibt es kaum Grün, nur in der Nähe von Flüssen, wo Bewässerung möglich ist. Dort dann viele Sonnenblumen, Mais, Tomaten und Gurken und Pflanzen, die ich beim schnellen Vorbeifahren nicht identifizieren kann.

Abends essen wir am Fluss an der alten Römerbrücke, mit vielen Sprachbarrieren und viel zu hohen Preisen.
Es ist windig, was einen die Hitze nicht so spüren lässt und in der Luft liegt viel Staub. Der Horizont verschwimmt. Die Sonne geht rostgold unter, aber bevor sie den Horizont erreicht, ist sie durch all den Dunst schon nicht mehr zu sehen. Ich hatte auf eine blutrote Sonne gehofft, aber damit ist es leider nichts. Dafür ist es bezaubernd, wie die Berghänge, wie im Kanon hintereinander abfallend, diese rostig braungoldene Farbe abstufen und sich im Dunst verlieren.

News

  • +++ 09.10.2017 +++

    Ein Spielplatz für die Kinder im Irak!

    Fan werden und einen Spielplatz ermöglichen

    Plätze für die Kinder, für Spaß und Freude gibt es in den Flüchtlingslagern im Nordirak kaum. Unter dem Motto „Spielen heilt“, möchten wir gemeinsam mit Ihnen und Ihrer Unterstützung etwas Licht in den bedrückenden Alltag der Kinder bringen.
    Mit dem Spielcontainer werden traumatisierte Kinder zur Bewegung und zum Spielen angeregt und ihnen Momente der Freude geschenkt.

    HIER FAN WERDEN!

  • +++ 28.09.2017 +++

    Hunderttausende auf der Flucht

    Jeden Tag fliehen Rohingya aus Burma nach Bangladesch, die Flüchtlingslager sind überfüllt, die Helfer überfordert. Am 24.11.2017 reist ein Team der Notfallpädagogik zu einem zweiwöchigen Einsatz in die Grenzregion zu Burma, um die Betroffenen und die Helfer psychosozial zu stärken. weiterlesen

  • +++ 28.09.2017 +++

    Notfallpädagogischer Einsatz in Mexiko

    Hilfe nach den Erdbeben

    Mehrere schwere Erdbeben haben in Mexiko viele Todesopfer gefordert. Anfang Oktober wird die Notfallpädagogik einen 2-wöchigen Einsatz vor Ort durchführen. weiterlesen   

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Martin Straube
ist seit 30 Jahren als anthroposophischer Arzt in verschiedenen Zusammenhängen tätig, u. a. als Schularzt und als Ausbilder von Heilpädagogen und heilpädagogischen Lehrern. Zweimal war er bereits mit den „Freunden der Erziehungskunst“ in Gaza. Im Juli 2016 war er gemeinsam mit seiner Frau Minka in der Region Dohuk im Nordirak und besuchte das Langzeit-Projekt der Freunde der Erziehungkunst.
Hier berichtet er von seinen Erlebnissen vor Ort. Der Blog gibt seine persönlichen Eindrücke und Meinungen wieder.


Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.

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