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+++ 11.05.2018 +++

Voller Kreativität und Lebendigkeit

Im Sommer 2016 fand in Armenien erstmals eine gemeinsame Tagung der Waldorflehrerinnen und -lehrer aus Armenien, Georgien, Russland und der Ukraine statt. Ziel war es, dass  die Kolleginnen und Kollegen unabhängig von nationalen Verhältnissen und möglichen politischen Gegensätzen auf der Grundlage der Waldorfpädagogik einen Dialog führen und die Erfahrungen ihrer täglichen Arbeit austauschen können. Dies gelang so gut und wurde mit solcher Begeisterung aufgenommen, dass sofort mit der Planung der nächsten Tagung schon im darauffolgenden Jahr begonnen wurde. Und so trafen sich zwischen dem 25. und 28. Juni 2017 – diesmal in Georgien, in der Nähe von Tiflis – etwa 90 Pädagoginnen und Pädagogen aus den vier Ländern. Etwa ein Drittel der Teilnehmer kam aus Georgien. Die Freunde der Erziehungskunst unterstützten die Tagung durch Zuschüsse zu den Reisekosten für die Teilnehmer aus Russland, Armenien und der Ukraine. Auch Ruben Janibekyan von der Waldorfschule in Eriwan nahm an der Konferenz teil und berichtet für uns von seinen Eindrücken.

Nach der gelungenen Konferenz in Armenien im Sommer 2016 war der Wunsch nach einer Wiederholung mehr als groß und Dank der Bemühungen der Initiatoren, der Organisationskreise im Empfängerland Georgien, der Unterstützung des Lehrerseminars in Kassel und den verschiedenen entgegenkommenden Stiftungen in Europa wurde eine Umsetzung dieser Idee möglich. Die Erfahrung der ersten erweiterten Konferenz in Eriwan bezeugte mit einer offensichtlichen Klarheit, dass der Hauptvorteil von solchen internationalen Konferenzen darin besteht, dass sich zu den rein pädagogischen Waldorfimpulsen noch die sozialen Prozesse der Versöhnung und internationalen Gemeinschaftsbildung hinzufügen. Im Hintergrund der bekannten modernen Prozesse auf der politischen Ebene scheint diese zweite Komponente besonders aktuell und wichtig zu sein. In Georgien entwickelten sich diese beiden Aspekte sehr stark zusammen.

Die Konferenz fand von in einem Bildungszentrum in der Nähe von Tiflis, am Rande des kleinen Städtchens Rustavi statt. Als Hauptthema der Konferenz wurde das Faustproblem im Inneren des modernen Menschen gewählt, wie es so genial im poetischen Werk Goethes dargestellt worden ist. Die Konferenz bestand aus verschiedenen Teilen. Morgens trug Prof. Dr. Michael Zech aus Kassel tiefsinnige Faustvorträge unter der Überschrift „Goethes Faust: Anthropologie und Tragödie des modernen Menschen“ vor. Die Aktualität des Problems und dessen Entfaltung in der modernen Zeit stellte Michael Zech sehr beeindruckend dar.

Danach arbeiteten die Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Fokusgruppen an pädagogischen Themen weiter. Der Erfahrungsaustausch lief sehr rege und interessant ab – alle nahmen die Gelegenheit war, die sich sonst so selten bietet. Im zweiten Teil der Konferenz haben die Moderatoren der Fokusgruppen im Saal zusammengefasst, worüber in den Gruppen diskutiert wurde. Während der Mittagspause durften wir dann das schmackhafte georgische Essen in der Mensa genießen. Unmittelbar nach der kurzen Mittagspause gab es verschiedene Angebote für künstlerische Tätigkeiten: Es gab eine Theatergruppe, die von Goscha Gorgoschidze aus Georgien geleitet wurde. Gohar Tumasyan aus Armenien bot eine Malgruppe an. Vlada Eliferova aus Russland führte in die künstlerische projektive Geometrie ein. Außerdem gab es eine Tanzgruppe von Marina Stepura aus der Ukraine und Nino Roinishvili aus Georgien.

Nach der kurzen Kaffeepause begann der bekannte Historiker Markus Osterrieder mit seinen Vorträgen über historische Persönlichkeiten, die sich selbst mit dem Faustproblem auseinandergesetzt oder sich künstlerisch damit befasst haben – wie zum Beispiel der Kirchenvater Augustinus oder der Literat Boris Pasternak. Das Thema lautete: „Kulturgeschichtliche Aspekte des Menschenbildes“.

Dann wurden noch die gemeinsamen Projekte besprochen, die von den verschiedenen Schulen initiiert werden. Als Beispiel dieser Zusammenarbeit im Jahre 2016 in Armenien kann die Schülerkonferenz in Odessa genannt werden, die schließlich im September 2017 in Odessa stattfand und an der Jugendliche aus Georgien, Armenien, Deutschland und der Ukraine teilgenommen haben.

Auch die Abende wurden künstlerisch gestaltet. Sie wurden zwischen den Vertretern der verschiedenen Länder verteilt. Die ersten zwei Abende (Georgien und Armenien) wurden wiederum dem Faustthema gewidmet: Ehemalige Schüler der georgischen Waldorfschule gaben unter der Leitung des Regisseurs Goscha Gorgoschidze eine sehr reife, fast professionelle und expressive Aufführung von Faust auf Georgisch zum Besten. Am zweiten Abend führte dann eine Lehrergruppe aus Armenien eine beeindruckende Szene aus Faust eurythmisch auf. Am dritten Abend haben die ukrainischen und russischen Teilnehmer ihre Bemühungen auf der Bühne vereinigt: Es wurden verschiedene klassische und volkstümliche Gedichte und Lieder vorgetragen. Am Ende mündete bei der festlichen Gratulation des Geburtstags einer der Teilnehmerinnen das ganze Geschehen plötzlich in eine wuchtige allgemeine Präsentation von verschiedenen Volksgeistern, die sehr lieb und fröhlich miteinander feierten. Währenddessen hat man nicht einmal einen kleinen Hauch von einer psychologischen Abneigung oder einem aktuellen Unterschied zwischen so vielen unterschiedlichen Menschen gewittert. Am vierten Abend gab es eine Pause, damit vor allem die slawischen Gäste Tiflis besuchen und besichtigen konnten. Am fünften Tag der Konferenz haben alle künstlerischen Gruppen die Früchte ihrer Arbeit vorgeführt. Es war erstaunlich, wie viel man während solch einer kurzen Zeit erreichen konnte.

Es war eine Tagung voller Kreativität und Lebendigkeit aller teilnehmenden Lehrer. Die Konferenz dauerte fünf aktive Tage, wurde mit einer positiven Stimmung geführt und hinterließ einen deutlichen Nachgeschmack, dass das Allgemein-Menschliche eine konsequente und kontinuierliche Pflege braucht. Die Waldorfschule Aregnasan in Eriwan bedankt sich herzlichst bei allen Personen und Stiftungen, die zur Verwirklichung dieser Konferenz beigetragen haben.

Ruben Janibekyan ist seit vielen Jahren Lehrer an der Oberstufe der Waldorfschule in Eriwan, Armenien

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