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+++ 04.05.2018 +++

„Ejui Nde Po, Jui Nde Po“ – Wasch dir deine Hände, deine Hände

Seit über einem Jahr leben die beiden ehemaligen Waldorfschülerinnen Paula Kiefer und Elisabeth Rybak in der indigenen Gemeinschaft Ñamandu im argentinischen Dschungel. Bereits in der Herbstausgabe berichteten die beiden, die dort im Rahmen ihres Freiwilligendienstes über die Freunde der Erziehungskunst einen Kindergarten aufbauen über ihre Erfahrungen. Nun gibt es wieder Neuigkeiten über ihre interessante Arbeit. Sie erzählen von der Freude der Kinder an ihrem neuen Kindergarten. Sie berichten davon, wie sie Märchen in einer Mischung aus Spanisch und der einheimischen Sprache Mbya-Guaraní erzählen und dabei großen Eindruck machen. „Wenn ich in der Schule dem zehnjährigen Piru begegne, macht er immer noch lachend meine Quak-Geräusche vom Froschkönig nach“, erzählt Elisabeth Rybak in ihrem Bericht. Gleichzeitig bereiten sich die beiden jungen Frauen auf ihren Abschied vom Dschungel vor und tun alles dafür, dass ihre Arbeit fortgesetzt werden kann und der Kindergarten bestehen bleibt.

Wir haben einen Elternabend einberufen, um die Meinung der Häuptlinge und Eltern zu unserer Arbeit anzuhören. Natürlich waren wir aufgeregt und fürchteten uns vor der Konfrontation. Leider sprechen und verstehen wir Mbya-Guaraní noch immer nur sehr stümperhaft. Daher lauschten wir nur einem langen und wichtigen Gemurmel. „Radieschen“ ist fast das einzige Wort, das wir immer wieder verstehen konnten. Es wurde mit großer Anerkennung ausgesprochen. „Mmh Radieschen!“ Zum Schluss wurde uns übersetzt, dass alle einverstanden sind.

Seit mehr als einem Jahr leben wir, Paula Kiefer und Elisabeth Rybak, in der indigenen Gemeinschaft Ñamandu im argentinischen Dschungel. Wir haben dort einen Waldorfkindergarten gegründet. Doch die Häuptlinge sind von dem Garten, den wir angelegt haben, wesentlich mehr beeindruckt, obwohl wir bisher fast nur Radieschen und Salat ernten konnten. Für die Kinder ist es eine Mutprobe, Radieschen zu essen. Beim ersten Mal spuckten sie es aus und wuschen sich gründlich den Mund aus. Doch die ganz Coolen finden, dass es gar nicht scharf ist.

In den Winterferien bearbeiteten wir ein Stück Dschungel gemeinsam mit freiwilligen Kindern und gelegentlich auch Vätern mit Macheten und Hacken und legten einen Gemüsegarten an. Später kam noch ein Bohnenacker hinzu. Wir wollen unbedingt, dass in der Schule gesünder gegessen wird. Deshalb haben wir auch Spenden gesammelt, um regelmäßig Bananen aus der benachbarten indigenen Gemeinschaft Azul zu kaufen.

In Azul schlafen wir häufiger am Wochenende oder in den Ferien. Das erste Mal gruselten wir uns davor, eine Nacht ohne unser schützendes Moskitonetz in einer Hütte, die hauptsächlich aus Ritzen besteht, zu verbringen. Dort haben alle Spinnen und Schlangen ungehindert Eintritt. Abends am Feuer werden wir immer gebeten Geschichten zu erzählen. Erst dachten wir uns irgendeinen Quatsch aus, doch mit der Zeit wichen wir auf das Nacherzählen von Grimms Märchen aus in einer Mischung aus Mbya und Spanisch. Wenn ich in der Schule dem zehnjährigen Piru begegne, macht er immer noch lachend meine Quak-Geräusche vom Froschkönig nach. Die fünfjährige Mabel wird, bevor wir ins Bett gehen mit der Taschenlampe vorgeschickt, um zu schauen, ob kein Huhn ein Ei in unsere Schlafsäcke gelegt hat.

Mittlerweile habe ich keine Angst mehr in einer Hütte mit Palmendach zu schlafen, aber ich bewundere trotzdem noch die einfachen Lebensbedingungen der Indianer. Die kleinen Mädchen müssen täglich vom Wasserloch das Wasser zum Trinken und Kochen hertragen. Die etwas Größeren im Bach die gesamte Wäsche der Familie waschen und ab sieben Jahren sind sie es, die sich um die kleineren Geschwister kümmern. Die Jungs üben, durchs Dickicht des Dschungels zu rennen, um schnell genug beim Jagen zu sein. Wenn wir mit in den Dschungel genommen werden, haben wir immer Macheten dabei, um die schnell zuwachsenden Pfade frei zu hacken. Die Jungs können rennen, ohne auf Schlangen zu treten und bringen auch tatsächlich Gürteltiere, Nasenbären und mit Pfeil und Bogen erlegte Fische mit nach Hause.

„Mama, darf ich morgen wieder nach Deutschland? Da Singen und Malen wir und können Fleisch essen!“ Diese Geschichte wurde uns lachend über den dreijährigen Julius Cäsar (im Kindergarten gibt es drei Julius Cäsars) erzählt, der jeden Tag zusammen mit seinen Onkeln und Cousins aus der Bananencomunidad eine halbe Stunde herunter zur Schule laufen will. Unser Kindergartenraum ist für ihn Deutschland, weil dort die Deutschen wohnen.

Seit einem Jahr haben wir nun schon das Glück, dass unser Kindergarten, Grupo Kiringue'i, auch drinnen im Kindergartenraum stattfinden kann. Anfänglich verbrachten wir den ganzen Vormittag draußen unter dem Vordach der Schule und versuchten Stück für Stück den gemeinsamen Ablauf rhythmisch zu gestalten. Mittlerweile haben sich die 18 Kinder schon so an den stetig komplizierter werdenden Rhythmus gewöhnt, dass sie es sind, die die Übergangslieder anstimmen.

Besonders in der Anfangszeit war es fast unser Hauptanliegen, die hygienischen Verhältnisse zu verbessern und tatsächlich gab es diesen Sommer keine großen Eiterbeulen. Händewaschen ist für mich und für die Kinder eine echte Lebensqualität geworden. Wenn die Kinder morgens zu mir in den Kreis kommen, strecken sie mir stolz ihre nach Seife duftenden Hände ins Gesicht.

Vor ein paar Monaten konnten wir Diego Escoba endlich fest im Kindergarten einstellen. Für die Dorfgemeinschaft ist er der Musiker und der Verantwortliche für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen. In manchen Gebieten haben wir unterschiedliche Ansichten. (Ich habe den Fehler begangen, dass ich den Kindern Märchen erzählt habe, in denen am Ende geheiratet wird. Also sozusagen Liebesgeschichten für kleine Kinder!) Aber wir versuchen nun zusammen den Vormittag mit den Kindern zu leben. Für uns alle ist das ziemlich spannend! Von Diego lernen die Kinder die traditionellen Lieder, Gebräuche und Geschichten, und von uns Freiwilligen werden sie liebevoll als Individuen behandelt, lernen anhand von Fingerspielen die Fremdsprache Spanisch, kneten mit Tonerde und malen ganz viel. Puppenspiel machen wir immer abwechselnd. Wir versuchen bei uns im Kindergarten ein gelungenes Miteinander von Alt und Neu zu üben. Für die Indianer sind diese Gegensätze die größte Gefahr und Chance. Unser Kindergarten, der sich nur durch Spenden finanzieren kann, ist ein Experiment, damit die Kinder selbstbewusst und mit weniger Widersprüchen aufwachsen.

Wir wollten eigentlich ein Jahr lang weit weg von Deutschland sein und haben uns deshalb für einen Freiwilligendienst über die Freunde der Erziehungskunst beworben. Durch Zufall landeten wir in der Schule von Ñamandu, wo es keine Kindergärtnerin gab und begannen, einen Waldorfkindergarten zu gründen. Wir konnten unseren Freiwilligendienst auf zwei Jahre verlängern, um den Kindergarten soweit zu bringen, dass er auch, wenn wir selber wieder zurück in Deutschland sind, weitergeführt wird. Wir haben die Häuptlinge überzeugt. Für das nächste Jahr haben wir bereits einen Nachfolger aus Deutschland, aber wir brauchen jedes Jahr einen Neuen! Einen Freiwilligendienst zu machen ist super – selbst wenn man sich gegen Häuptlinge behaupten muss!

 

 

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