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+++ 06.04.2018 +++

Waldorfpädagogik in Haiti: „Wenn ich groß bin, komme ich zurück in deine Schule“

Seit über zehn Jahren gibt es eine kleine Waldorfschule in Torbeck im ärmsten Teil auf dem südöstlichen Zipfel der Insel Haiti. Die École du Village wurde bei einem Hurrikan im Oktober 2016 stark beschädigt, konnte aber durch Spenden, die nach einem sofortigen Spendenaufruf der Freunde der Erziehungskunst eingingen, schnell den Unterricht wieder aufnehmen. In ihrem Jahresbericht für die Freunde der Erziehungskunst blickt die Gründerin Myriam Silien auf die Entwicklung der Schule und der Waldorfpädagogik in Haiti im vergangenen Jahr zurück. Sie erzählt uns darin von den Kindern, die mit Freude ihre Schule besuchen und den Rückschlägen, die sie erlebt, wenn sie mit dem Unverständnis der Eltern für eine Pädagogik, die ohne Schläge und schwere Bücher auskommt, konfrontiert wird. Sie berichtet aber auch von einem Seminar, das sie Pädagoginnen und Pädagogen gegeben hat, die sich für die Waldorfpädagogik interessieren, und den Begegnungen dort, aus denen sie Hoffnung schöpft.

Das Jahr 2017 endete für uns in der Schule des Dorfes sehr gut, mit einer sehr schönen Weihnachtsfeier, sehr einfach, aber warm und besonders beleuchtet von der haitianischen Lebensfreude.

Während der Ferien hatte ich das große Vergnügen, ein Seminar über Waldorfpädagogik zu geben. Seit September trägt sich eine Gruppe von Pädagogen und Eltern mit dem Gedanken, eine Schule zu gründen, die anders als die derzeitigen staatlichen Schulen arbeitet, und bat mich um ein Seminar. Zu diesem Seminar kamen dann auch noch einige andere Interessierte und es waren mehrere schöne Tage voller angenehmer Überraschungen. Es waren sehr nette, unerwartete Begegnungen mit Menschen, die sich bereits auf ihre eigene Art und Weise mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Es war schön, sich auf diesem Gebiet auszutauschen, da wir alle so selten dazu Gelegenheit haben. Wir spielten, sangen, malten und redeten und jeder Tag endete in Fröhlichkeit und Wärme und zum Klang der Instrumente der Musiker unter uns. Diese wenigen Tage haben mir und all jenen, die das Glück hatten, dort zu sein, eine ungeheure Freude und wieder einmal die Gewissheit gebracht, dass wir am richtigen Platz sind und dass diese Schule, die wir für Haiti und für die ganze Welt wachsen lassen wollen, wirklich einem Bedürfnis und sogar einer Erwartung entspricht.

Und doch – auch wenn die strahlenden Augen unserer Schüler uns jeden Tag beweisen, dass wir es gut machen – stellt uns die Haltung der Eltern, die unsere Arbeitsweise noch nicht verstehen, vor große Herausforderungen. Wir haben es sehr oft mit Eltern zu tun, die sich nicht die Zeit nehmen, in den Augen ihrer Kinder die Beglückung und Fülle zu lesen, und die ihre Kinder dann in eine andere Schule bringen, weil sie bei uns nicht zwanzig Bücher auf dem Rücken tragen. So geschah es auch mit Fissia, einer ehemaligen Schülerin, die von ihrer Mutter wegen der vielen Dinge die „man so sagt“ aus der Schule genommen wurde. Fissia berichtete uns mehrfach, dass sie sehr sehr traurig ist, dass sie nicht mehr in die École du Village gehen darf und dass sie in ihrer neuen Schule geschlagen wird. Das Gleiche gilt für den kleinen Ronaldens, der mir erzählte: „Mimi, als du neulich an meinem Haus vorbeigegangen bist, wollte ich dich rufen, aber Mama hat es mir verboten.“ Seitdem kommt er jeden Tag zu mir, umarmt mich und sagt: „Weißt du, ich mag meine neue Schule überhaupt nicht, sie verprügeln mich, sie schicken mich zurück, weil ich keine Bücher habe oder weil Papa nicht bezahlt hat. Wenn ich groß bin, komme ich zurück in deine Schule und Mama und Papa können nichts mehr sagen.“

Diese Erlebnisse machen die menschliche Verbindung, wie wir sie in dem Seminar erleben konnten, so wichtig. So sagte Ferna, unsere Klassenlehrerin der ersten Klasse, neulich zu mir: „Ich bin so glücklich, solche Menschen in unserem Land zu entdecken, Menschen, die so aufgeschlossen sind und das gleiche Ziel haben wie wir. Von nun an, auch wenn die Torbecker uns nicht verstehen, wissen wir, dass wir Recht haben, und wir werden unsere Kraft aus der Verbundenheit und dem Austausch mit diesen Menschen schöpfen.“

Deneige, eine von uns ausgebildete ehemalige Erzieherin, die uns vor einigen Jahren verlassen musste, ist jetzt in Port au Prince. Sie stellte sich als Kindergärtnerin vor, um in einer kleinen Schule in einem beliebten Viertel zu arbeiten, und als der Schulleiter ihre Arbeitsweise sah, bat er sie, pädagogische Leiterin zu werden und die Kolleginnen in ihrer Methode zu schulen. Deneige kam also zu uns zurück, nahm an meinem Seminar teil und verließ uns mit etwas Material, aber sie möchte gerne öfter an den Seminaren teilnehmen und ihre Kolleginnen mitbringen können. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel ist das jedoch nicht möglich.

All dies gibt mir Flügel und Kraft, denn ich sage mir langsam, dass der Baum, den wir in Haiti gepflanzt haben, beginnt, echte Früchte zu tragen, und dass aus seinen Früchten andere Bäume wachsen werden. Und zweifellos wird eines Tages ein riesiger Wald entstehen, in dem sich das Leben erholen wird, Vögel Nester bauen können, klare Quellen aus dem Boden sprudeln und es wird gut sein, sich auszuruhen.

Ich danke Ihnen, dass Sie diesem Traum, der sich vervielfacht, gefolgt sind und ihn in Ihren Herzen und mit uns auf Armeslänge getragen haben. Und meinerseits freue ich mich darauf, die Kinder und ihr Lächeln jeden Tag zu sehen, die Lehrer und alle Mitarbeiter der Schule zusammen, um gemeinsam den großen Traum eines sehr schönen Jahres 2018 zu leben. Wir haben auch die Freiwilligen von den Freunden der Erziehungskunst unter uns. Einige von ihnen helfen beim Bau des Gebäudes für die Klassenzimmer, andere unterstützen die Lehrerinnen und Lehrer.

Vielen Dank an die Freunde der Erziehungskunst und die Spenderinnen und Spender, ohne die nichts möglich wäre.

Von Herzen, Myriam Silien

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