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+++ 22.12.2017 +++

Ganz direkt: Bildungspatenschaften

Mithilfe der Bildungspatenschaft gelingt es den Freunden der Erziehungskunst, Schülerinnen und Schüler kontinuierlich zu unterstützen. Für die Freunde hält Fabian Michel die Fäden zwischen Schule, Paten und Patenkindern oder -klassen zusammen. Bei einem Besuch der Waldorfschule Chişinău in Moldawien erfuhr er einmal mehr, wie wertvoll diese Arbeit ist.

Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. vermitteln seit 19 Jahren Bildungspatenschaften. Die große und wichtige Herausforderung für Waldorfschulen im Ausland, Kinder an der Schule aufzunehmen, unabhängig von der finanziellen Situation der Familie wurde uns immer deutlicher. Viele Eltern können nur unter großen Mühen einen Anteil der Schulkosten aufbringen, möchten ihren Kindern aber eine waldorfpädagogische Ausbildung für ein gesundes Aufwachsen ermöglichen. Der Sinn meiner Tätigkeit bei den Freunden besteht für mich eindeutig darin, den Waldorfschulen bei dieser Herausforderung zu helfen. Ich bin fest davon überzeugt: Eine Waldorfschule darf keine „alternative Privatschule“ nur für die „Schönen und Reichen“ sein.

Einen Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit Excel-Tabellen. Wenn ich nicht wüsste für welchen guten Zweck dies notwendig ist, würde ich kaum einen Sinn in Excel-Tabellen sehen, um ehrlich zu sein. Hier aber helfen sie mir Bildungspaten und ihre Patenkinder zusammenzubringen. Außerdem telefoniere ich viel – zum Beispiel mit Bildungspaten oder auch mit meinen Kontaktpersonen an den Schulen – und ich lese Berichte über die Schulen. Seitdem ich für die Freunde arbeite, ist mir aufgefallen, dass die laufenden Kosten einer Waldorfschule speziell im Ausland ein kontinuierliches Problem sind. In den meisten Ländern bekommen Waldorfschulen keine oder nur sehr wenig staatliche Unterstützung.

Sich ein „Urteil“ über die tatsächliche Situation an einer Waldorfschule zu bilden, ist durch das reine Lesen eines Berichts oder Artikels nur sehr bedingt möglich. Deshalb bin ich immer dankbar, wenn mir Personen zur Seite stehen, die vor Ort sind oder waren, um mir ein besseres Bild der Situation zu verschaffen. Im Mai diesen Jahres hatte ich das große Glück auch persönlich eine der Schulen in unserem Patenschaftsprogramm zu besuchen. Und so reiste ich nach Moldawien und wurde von Kollegium, Schüler- und Elternschaft der Waldorfschule Chişinău herzlich empfangen.

Im kleinen Moldawien, dem ärmsten Land Europas, war die 1992 gegründete Waldorfschule in Chişinău eine der ersten alternativen Schulen und ist nach wie vor die einzige Waldorfschule. 562 Schüler gibt es an dieser Schule und drei Kindergartengruppen mit 78 Kindern. Die Klassen eins bis sieben sind zweizügig. Ab Klasse acht sind die Klassen momentan einzügig. Die Schule könnte sofort auch in den höheren Klassen zweizügig werden. Es gibt viel mehr Anmeldungen als Schüler aufgenommen werden können. Es fehlen aber die Räumlichkeiten, um den Wunsch umzusetzen. Der Mangel an ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern ist ein weiteres großes Problem, speziell in den Fremdsprachenfächern Deutsch, Englisch und Französisch.

Obwohl ich kein Rumänisch verstehe, war ich von dem Rumänischunterricht und von der Atmosphäre, die von der Lehrerin erzeugt wurde, tief beindruckt: ein konzentriertes Arbeiten gemischt mit viel Lachen und Herzlichkeit. Mithilfe der Deutschlehrerin als Übersetzerin führte ich mit der Rumänischlehrerin ein langes Gespräch. Sie erzählte von ihrer Arbeit an der Schule und berichtete mir auch davon, dass ihre Tochter, die Schülerin an dieser Schule ist, am grauen Star erkrankt sei.

Lidia Directorova ist die Deutschlehrerin an der Schule. Bei meinem Besuch hat sie sich sehr viel Zeit für mich genommen. Sie ist an dieser Schule von Beginn an die Person, die sich um den Kontakt zu den Paten und zu mir kümmert. Lidia Directorova, die offiziell bereits seit zwei Jahren in Rente ist, ist weiterhin mit großem Engagement tätig.

Manchmal warte ich hier im Büro ungeduldig auf eine Antwort einer Schule. Konkret zu erleben, dass die Kontaktperson wie zum Beispiel Lidia Directorova, die sich nicht nur voll und ganz als Lehrerin engagiert sondern sich für viele Belange der Schule einsetzt, sich zum Beispiel um Anträge bei Stiftungen kümmert oder besondere Veranstaltungen organisiert, veränderte deutlich meine Sichtweise. Auch wurde mir dabei klar, wie wichtig es ist, Waldorfschulen zu unterstützen, die kein großes professionelles Fundraising-Team haben, da hierfür schlichtweg die finanziellen Mittel fehlen.

Einer der Höhepunkte meiner Reise war das Mittelalterfest der Schule. Das Engagement und die enge Verbundenheit zwischen Schülern, Lehrern und Eltern wurde sofort deutlich. Die einstudierte Musik der Musiklehrerin mit ihren Schülern, Eltern die zuvor Kostüme nähten und auch als König und Königin bei dem Mittelalterfest teilnahmen, waren wunderschöne Augenblicke. Bei der Festlichkeit begrüßten ehemalige Schülerinnen und Schüler ihre Lehrerinnen mit einem Lächeln und einer herzlichen Umarmung. Dies ist sicherlich das Ergebnis davon, eine enge Schulgemeinschaft konkret zu leben. Umso nachdenklicher hat es mich gemacht, zu erfahren, dass ehemalige Lehrerinnen und Lehrer eine Rente von umgerechnet etwa 60 Euro im Monat erhalten. Davon kann man auch in Moldawien kaum überleben.

Ein besonderes Gespräch war für mich mit einem Mädchen aus der 10. Klasse. Dieses Mädchen hat das große Glück seit der ersten Klasse durch eine Bildungspatenschaft unterstützt zu werden. Durch Telefonate mit der Patin hatte ich schon erfahren, dass ein reger und lebendiger Austausch stattfindet. Das Mädchen hat mir dies bestätigt und zeigte mir sogar rührende Postkarten, die sie aus Deutschland erhalten hat. Ich habe mich mit diesem Mädchen eine Stunde in fließendem Englisch unterhalten. Als ich sie nach ihren Wünschen für ihre Zukunft gefragt habe, erzählte sie mir mit leuchtenden Augen, dass sie später unbedingt Kunsttherapeutin werden möchte. Ich bin mir sicher, dass es dem willenstarken und fleißigen Mädchen gelingen wird, sich diesen Traum zu erfüllen.

Mehr als 800 Bildungspaten ermöglichen den Schulen, sich der wichtigen sozialen Verantwortung zu stellen, möglichst allen Kindern die Schultore zu öffnen. Wir würden uns sehr darüber freuen, weitere Personen, Firmen oder Schulklassen als Bildungspate begrüßen zu dürfen, um die Waldorfschulen bei dieser kontinuierlichen Herausforderung zu unterstützen.

Ich freue mich über Ihre E-mail oder Ihren Anruf.

Fabian Michel
Tel +49 (0)  30 617026 30
Fax +49 (0)  30 617026 33
f.michel@freunde-waldorf.de

Dieser Text erschien in "Rundbrief - Waldorf Weltweit", Ausgabe Herbst 2017/Winter 2018, S. 20-21

Tags: bildungspatenschaften bildung spenden waldorfschule

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