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Erfahrungsbericht Sozialtherapie

Es ist nicht leicht jetzt auf das Freiwillige Soziale Jahr zu reflektieren, weil es eigentlich immer noch dauert. Die Erfahrungen, die Erinnerungen sind sehr frisch, ich fühle mich dem Gruppenleben und dem Kreislauf der Einrichtung noch sehr nah. Ich wohne in einem WG im Dorf mit 3 Seminaristen und einem Mitarbeiter zusammen. (Die letzten 12 Tage werde ich im Haus, zusammen mit den Betreuten
wohnen – bestimmt neue Möglichkeit sie von anderer Seite kennen zu lernen.) Das Quellenhofhaus liegt in einer wunderschönen Umgebung außerhalb des Dorfes (etwa 10 Min. mit dem Fahrrad) mit einem großen Hof, Landwirtschaft und Käserei. Im Haus wohnen insgesamt 12 Betreuten: 9 Erwachsene oben und 3 unten. Am Anfang musste ich mich sehr darum bemühen die Namen zu
merken und die Gesichter zuzuordnen, aber es ging ziemlich schnell.

Meine Aufgabe besteht darin, die Bewohner im Ablauf des Tagesrhythmus zu begleiten: Hilfe leisten Frühstück und Abendbrot zu richten, oder am Wochenende Mittagessen zu kochen, einkaufen zu helfen, bei der hygienischen Pflege zu helfen (Nachrasieren, Zähne nachputzen, duschen), die Betreuten
in die Werkstatt zu begleiten, an freien Nachmittagen spazieren zu gehen, manchmal Nachtbereitschaft zu machen usw. Die erste Zeit (ca. die ersten 2 Monate) wo die Umgebung, die Leuten, Alles neu und fremd schien, war tatsächlich schwer. In meiner großen Hilfsbereitschaft hab ich oft
unbewusst die Arbeit der Leuten weggenommen (zum Beispiel: beim Spülmaschine ausräumen, Geschirr wegräumen oder Ähnliches). Es sollte eine bestimmte Zeit vergehen (ungefähr 2-3 Monate) bis ich verstehen konnte, was eigentlich meine Aufgabe bedeutet. In der Gruppe gibt es keine körperlich
schwerbehinderten Menschen, deshalb können die Meisten sehr selbstständig sein. Dazu gehört eben auch die Erledigung der Arbeit im Haushalt, in der Küche, im Garten usw. Aus diesem Grund fällt die Betonung mehr auf die Sozialisation, auf das Integrieren der Leute ins Gruppenleben, auf das Zusammensein. Mit dieser Erkenntnis gingen mir meine Augen auf, weil ich früher keine Erfahrung
auf dem Gebiet der Sozialtherapie hatte, und konnte meine Aufgaben aus einer ganz anderer Perspektive betrachten. Ich hab mich mit geöffneten Augen und Ohren zurückgehalten und nur dann eingegriffen, als ich das Gefühl gehabt hatte, dass man wirklich Hilfe gebraucht hat.

Ein zweiter Wendepunkt war auf dem Gebiet der Beziehungen. Die Quellenhofgruppe ist eine tolle, vielseitige Gruppe, mit verschiedenen Persönlichkeiten. Mit den Meisten kam ich von Anfang an gut aus, mit 2 Frauen aber dauerte es sehr lange, bis wir mindestens kommunizieren konnten und
eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut haben. Ich habe den Fehler oft in mir gesucht: „Was mache ich falsch, damit wir uns nicht näher kommen können?“ Von dieser Frage weitergehen zu können hat mir mein Team sehr geholfen. In Teamsitzungen (Mittwochs zwischen 10:30 und 12:00 Uhr) haben sie gründlich über die Betreuten erzählt, eben über ihre Behinderungen, und über die Verhaltensweisen, die sich damit zusammenhängen. Dadurch bekam ich ein anderes Bild von den Bewohnern, und konnte nachher mehr von ihrem Benehmen verstehen. Auch wenn die Kommunikation noch immer geholpert hat, begann ich auf sie mehr Rücksicht zu nehmen und an mir zu arbeiten. Ich musste viel an meinen Gefühlen arbeiten, besser gesagt an den innerlichen Kräften. Es war nicht leicht. Ich finde es sehr bewundernswert, wie intelligent die Betreuten auf emotionaler Ebene sind. Viel intelligenter als wir. Sie nehmen jede kleine Erzitterung der Seele wahr, um damit umgehen zu können, ist eine herausfordernde Aufgabe.

Es freut mich aber sehr, dass die innerliche Arbeit gute Erfolge hat, weil wir heute alle kommunizieren und gut auskommen. Ich fühle mich innerlich stärker, und nehme die verschiedene Äußerungen nicht unbedingt persönlich, sondern versuche die Situation zu verstehen. Selbst Claudia (Name geändert) freut mich unausgesprochen, weil diese Beziehung war, wo meine Durchhaltevermögen
nachgelassen hat, wo ich die Hoffnung auf die Kommunikation und auf eine gute Beziehung fast aufgegeben habe. Heute kann ich ein bisschen stolz erzählen, dass wir im Winter zusammen mit Claudia ein ansteigendes Zitronenfußbad gegen ihre Erkältung gemacht haben, zusammen Nachtisch vorbereitet haben, und jetzt hat mir eben sie ihr Zimmer für die letzten 12 Tage angeboten. Gibt es
ein größeres Geschenk, als das Vertrauen und Freundschaft eines Menschen?

Im großen Ganzen...
Wenn ich das Jahr insgesamt zu betrachten versuche, dann haben sich meine Tiefpunkte sogar in Höhepunkte verwandelt. Ich habe meine Grenzen entdeckt, und erkannt, dass man die auch weiter rausschieben kann, dass man viel mehr machen kann, als man selbst denkt. Da, wo ich mich schwach gespürt habe, wurde ich verstärkt, wo ich zu dickköpfig war, bin ich lockerer geworden. Ich
bin offener geworden, kann meine Vorurteile abbauen und gucke positiver aufs Leben, als vorher. Ich traue mir zu, Nachtbereitschaft zu machen, und dadurch Verantwortung zu übernehmen. Mein Selbstvertrauen ist verstärkt, ich habe gelernt, meine positiven Eigenschaften zu schätzen und an den Negativen zu arbeiten. Die verschiedenen Ausflüge mit der Gruppe oder die traditionellen deutschen Feste, die in der Einrichtung gefeiert waren, bedeuteten viele interkulturelle Erfahrungen. Dazu zählt auch der Volkstanzkurs, den wir für die tanzlustigen Bewohner gemacht haben. Zu Hause habe ich in einer Volkstanzgruppe getanzt, deswegen bedeutete es mir viel hier weitermachen zu dürfen. Besonders motivierend fand ich die Tatsache, Tanz mit den behinderten Menschen zu machen. Man musste Alles anders aufbauen, selbst die Tänze vereinfachen. War aber erfolgreich: diente zur Wahrnehmung des eigenen Körpers, zur Entwicklung des Rhythmusgefühls und nicht zuletzt haben wir
sogar kleine „Aufführungen“ zum 1. Mai oder zum Elterntreffen gehabt. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

Meine Freizeit war nie leer. Ich habe viele Freundschaften geschlossen, und dadurch war die Welt nicht mehr so eng. Aus den langen und tiefen Gesprächen mit meinen Freundinnen und Freunden habe ich auch die deutsche Mentalität und das Seminaristenleben in Bingenheim ein stückweit kennen gelernt.
Das unsichere Gefühl über das FSJ, was ich am Anfang hatte, verwandelte sich in Sicherheit.
Ich erwäge meine damalige Entscheidung: für ein FSJ mein Studium zu unterbrechen nicht mehr. JA, es hat sich gelohnt! So viele bunte Erfahrungen und Kenntnissen kann man sich an der Uni nicht aneignen.
Als Zukunftsperspektive: ich will zu Hause mein Studium beenden (Diplomarbeit über Waldorfpädagogik schreiben), mehr für die Anthroposophie, Waldorfpädagogik tun und daneben auch im sozialen Bereich tätig sein.
Für diejenigen, die vorhaben, ein FSJ zu machen: WAGT ZU BRENNEN UND GEBT EUER FEUER WEITER!
Freiwillige aus Rumänien

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