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„Labyrinth – Umweg, Ausweg, Sackgasse?“

Ein Musik-Theaterprojekt mit jugendlichen Flüchtlingen
von Patrizia Birkenberg


Am 26. Mai 2013 fand das Projekt seinen Höhepunkt und vorläufigen Abschluss in zwei vollbesetzten Aufführungen an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Mehr als 350 Zuschauer konnten sieben Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern Asiens und Afrikas, die sich als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland aufhalten, in ihrem selbst entwickelten und inszenierten Stück auf der Bühne des Kammermusiksaals erleben.

Gezeigt wurden Szenen von Flucht und Gewalt, von Liebe und Sehnsucht, Glück und Enttäuschung, Angst und Hoffnung – ein tiefer Einblick in die Lebenswelten sieben junger Männer, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen ihre Heimat und Familien verließen, in der Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland.
Ein knappes Jahr zuvor hatte sich unter meiner Gesamtleitung ein siebenköpfiges Team zur Betreuung der Gruppe gebildet, zusammengesetzt aus Kommilitoninnen und Kommilitonen an der Musikhochschule Stuttgart aus den vier Studienbereichen Percussion, Schauspiel, Sprechkunst/ Kommunikationspädagogik und Figurentheater.

Für die jugendlichen Flüchtlinge war es ein freiwilliges Angebot mit dem Ziel, im Mai ein selbst erarbeitetes Musiktheaterstück zur Aufführung zu bringen und als Gratifikation eine Teilnahmebescheinigung von der Musikhochschule zu bekommen. Das Projekt erforderte ein hohes Maß an Geduld, Überwindung, Vertrauen und Toleranz, sich auf diesen – für alle Beteiligten ungewohnten – Weg einzulassen. Schon bald bemerkte ich, dass Werte wie Verbindlichkeit und Pünktlichkeit bei den jugendlichen Flüchtlingen keine Bedeutung hatten. Zudem gab es viele Einflussfaktoren wie z.B. Prüfungen in der Schule, Arzttermine, psychische Probleme, Schlägereien usw., die eine kontinuierliche Teilnahme erschwerten. Somit war es für mich sehr schwierig, mich auf die ersten Treffen immer adäquat vorzubereiten, da ich nie wusste, wie viele Teilnehmer kommen würden. Zudem fehlte ein wesentliches Verständigungsmittel, nämlich eine gemeinsame Sprache. Bedurfte es überhaupt der deutschen Sprache? Oder würde es uns gelingen, eine andere gemeinsame Sprache zu finden? Ich versuchte, mit Bildern und einfachen Sätzen, sowie durch unterschiedliche, speziell von mir ausgesuchte Theaterbesuche, den Jugendlichen unser Ziel nahe zu bringen. Obgleich sich die meisten der Teilnehmenden darunter nichts vorstellen konnten, zeigten sie dennoch eine große Offenheit, Interesse und Freude an den ersten Treffen und Kulturveranstaltungen.

Über einen Zeitraum von sieben Monaten erhielten die Jugendlichen von uns Studierenden wöchentlichen Rhythmikunterricht und nahmen in regelmäßigen Abständen an mehrtägige Workshops aus den oben genannten Fachbereichen teil. Ziel dieser Arbeitsphase war es, eine breite Basis an Ausdrucksmöglichkeiten zu vermitteln und bewusst zu machen, was es heißt, als Akteur auf einer Bühne zu stehen und mit anderen Menschen oder Gegenständen zu interagieren. Durch diese intensive und freundschaftliche Arbeit mit den Teilnehmern konnten außerdem individuelle Stärken entdeckt und gefördert werden. Unser eigenes Vorbild in Musik, Sprache, Bewegung und Gestaltung bewirkte dabei oft mehr als verbale Erklärungen. Dieser Lernzuwachs bei uns Studierenden führte zu intensiven und besonderen Unterrichtsbegegnungen. Es entstanden Improvisationen in Szene, Musik und Bewegung, bei denen jeder seine Probleme für einen Moment vergessen konnte und wir alle im "Jetzt"  agierten. Ich konnte auch deutlich beobachten, wie die Jugendlichen von Mal zu Mal selbstsicherer wurden, wenn sie merkten, dass sie neue Fähigkeiten/Fertigkeiten erlernt hatten oder ihre eigenen einbringen konnten.

Sechs Wochen vor der Aufführung ging das Projekt dann in die finale Phase. Die Konzeption des Stücks sah vor, jedem Jugendlichen seine eigene Szene zur Verfügung zu stellen, die er nach seinen eigenen Ideen und Vorstellungen gestalten konnte. Ohne eine konkrete Vorgabe entwickelten sich Szenen, die sich stark an der Biografie des jeweiligen Protagonisten orientierten. Indem wir gemeinsam überlegten und ausprobierten, wurden diese Szenen zu einem Stück zusammengesetzt, in dem die Mitwirkenden sowohl als Haupt- als auch als Nebendarsteller auftraten. Das Engagement der Teilnehmenden wuchs, je näher die Aufführung kam. Lampenfieber und Zweifel, ob das Stück dem Publikum gefallen würde, wurden spätestens nach der ersten Aufführung durch Spielfreude und Stolz auf das Erreichte ersetzt.
Stürmischer Applaus und Hochachtung war die Reaktion eines Publikums, das sich nicht nur aus typischen Konzertbesuchern der Hochschule, sondern auch aus Freunden der Ausführenden, Mitarbeitern des Jugendamts, Pädagogen und einem breiten Spektrum an Menschen zusammensetzte, die wie alle Beteiligten sehr gespannt auf das Ergebnis waren.
Die gesamte integrative Tragweite des Projekts wird bewusst, wenn man sich vorstellt, in einem fremden Land mit fremder Kultur einem fremden Publikum einen Teil seiner Lebensgeschichte zu erzählen und diese offene Ehrlichkeit am Ende mit Wertschätzung und Akzeptanz honoriert zu bekommen. Die Tatsache, dass die meisten jugendlichen Teilnehmer des Projekts weiter Theater und/oder Musik machen wollen und von sich aus ein Folgeprojekt zum Thema machten, zeigt, dass den Jugendlichen hier eine "Bühne" geboten wurde, die sie noch nicht kannten, und ihnen Türen geöffnet wurden – gedanklich wie auch praktisch!

Das ASTA, die Studienkommission Schulmusik und der Senat der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart haben dieses Projekt in einem mehrstufigen hochschulinternen Verfahren beraten und sich einstimmig dafür ausgesprochen, mich und das gesamte Projekt „Labyrinth – Umweg, Ausweg, Sackgasse?“ für den Sonderpreis für herausragendes studentisches Engagement 2013 Baden-Württemberg zu nominieren.
Dieses "große pädagogische Projekt" im Rahmen des Studiums Elementare Musikpädagogik ist für meinen weiteren Lebensweg von ganz besonderer Bedeutung, und ich bin sehr erfüllt, dankbar und inspiriert – wenn auch zwischenzeitig meine Grenze spürend – von dieser intensiven und erkenntnisreichen Arbeit.
Die Musikhochschule Stuttgart unterstützte dieses Projekt von Anfang an und bietet nun eine weitere Auftrittsmöglichkeit im Rahmen der Feierlichkeiten zum 3. Oktober 2013 in Stuttgart, um dem Musiktheater nochmals einen würdigen Rahmen vor diesem geschichtsträchtigen Hintergrund zu geben. Die "Freunde" unterstützten das Projekt mit Mitteln aus der Finanzierungslinie "weltwärts – und danach?".