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Eine tänzerische Auseinandersetzung zur Positionierung in der Welt

Vom 16.-18. Juni 2016 fand in Ottersberg ein Themenwochenende zum Thema „Information und Transformation – Eine tänzerische Auseinandersetzung zur Positionierung in der Welt“ statt.

Ausgangspunkt war die These, dass wir in einer Welt voller Informationen leben, die uns beeinflussen und lenken und die uns mit der Aufforderung konfrontieren, uns zu positionieren.

Sich dieser abstrakten Fragestellung auf künstlerisch praktischer Ebene anzunähern, war das Ziel des Wochenendes. Am ersten Tag lag der Fokus auf der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Techniken wie Body-Scan und Bewegungsevolution sensibilisierten für das Thema gaben die Möglichkeit, in sich selbst und in der Gruppe anzukommen. Nur wenn wir uns selbst spüren und uns in uns verorten können, können wir auch mit Wachheit und Klarheit mit anderen und der Welt in Kontakt treten.

In nächsten Schritten ging es darum, nicht nur sich selbst und den eigenen Körper wahrzunehmen, sondern auch den Raum und die anderen Menschen im Raum. Dabei ging es auch um die Frage „Wie können wir Informationen aufnehmen und in Bewegung übersetzen?“

In einer Gesprächsrunde am Abend wurde deutlich, dass das Erkennen eigener Verhaltensmuster und die damit verbundenen Selbst- und Fremdbilder in der Tanzimprovisation exemplarisch erkannt und aufgebrochen werden können. Woher kommen diese Verhaltensmuster und können sie auch außerhalb des Tanzstudios transformiert werden? Wie wäre es, wenn wir auch sonst unserer Wahrnehmung für uns selbst und unserer Intuition und Lust folgen würden, anstatt aus Angst davor, aus der Rolle zu fallen und Irritation auszulösen, uns gesellschaftlich normierten Verhaltensweisen anpassen?

Dies lässt sich auch auf unser gesellschaftliches Engagement übertragen: Sobald wir mit unseren inneren Impulsen verbunden sind, richtet sich unser Tun viel mehr nach einer inneren Notwendigkeit. Wir haben ein stärkeres Bewusstsein für uns und unsere Mitwelt und wir wissen, wie wir uns in ihr bewegen und unseren Beitrag leisten können. Dieser Beitrag möchte vor allem mit Sinn gefüllt sein. Und wenn wir für uns im Moment mit unserer Umwelt und mit dem, was wir tun, Sinn ergeben, so schaffen wir auch Sinn in größeren gesellschaftlichen und weltlichen Zusammenhängen. Diese Thematik wurde auch am folgenden Tag praktisch vertieft.

Da es eben nicht nur darum ging, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, sondern auch Mitmenschen einzubeziehen und den Blick für die Welt zu öffnen, wurde am Samstag zunächst am Thema Kontakt und Wahrnehmung des Anderen gearbeitet. Darauf aufbauend begann die Arbeit mit „instant composition“.

„Instant composition“ ist eine Improvisation, in der die Tänzer_innen nicht nur mit sich selbst, den Mitmenschen und dem Raum in Kontakt sind, sondern auch wie aus einer Vogel-Perspektive auf das Geschehen blicken. Sie setzten ihre Aktionen in ein Verhältnis zum Gesamtgeschehen und folgen nicht nur ihren Impulsen, sondern fragen sich: Was ist im Sinn der Komposition? Was braucht dieses Bild? Wo gebe ich Raum für andere, wo nehme ich Raum? Das Miteinbeziehen von vorher erarbeiteten Mitteln zur Bewegungsgeneration wird hier in einen neuen größeren Zusammenhang gestellt. Wechseln von Dynamiken und Ebenen, Phrasing (das Setzen von Punkte/Pausen innerhalb eines Bewegungsablaufes), Aufnehmen und Transformieren von Informationen durch den Raum und andere Tanzende fungieren gleichsam als gestalterische Mittel und als haltgebende Struktur.

Die Teilnehmenden kreieren sich ein Erlebnis einer Gruppe, die sich zuhört und wie ein Organismus fungiert, in dem jede Person und jede Bewegung Sinn ergibt.

Auch dieses Bild lässt sich auf unser tägliches Agieren in der Welt übertragen. Denn wenn wir uns in einem komplexen und sich ständig bewegenden Organismus bewegen, stehen wir jeden Moment immer wieder vor der Herausforderung, uns in diesem Organismus mit einem Gefühl von Sinnhaftigkeit zu bewegen. Das In-Kontakt-Kommen mit unserer Intuition hilft uns hierbei in unserer täglichen Auseinandersetzung, authentische Wege zu gehen und unsere persönliche Lebensgestaltung auch in einem größeren globalen Zusammenhang zu sehen. Wo und in welchem Zustand befindet sich unsere Welt und wie schaffe ich durch mein Handeln Sinn?

Im Laufe des Wochenendes konnte man zum einen erleben, dass es sich lohnt, eigene Bewegungsmuster zu erkennen, zu hinterfragen und zu durchbrechen. Viele Teilnehmende konnten Grenzen überwinden, seien sie körperlich oder gedanklich. Die Frage, wie ich mich positionieren will, wurde lebenspraktisch diskutiert, ohne dass wir sie beantworten konnten oder wollten. Viele Denkanstöße wurden gegeben. Zum anderen wurde konkret erfahrbar, dass die körperliche Bewegung auch eine innerliche Bewegung auslöst, die dann wieder zu einer neuen äußerlichen Bewegung in der eigenen Lebensgestaltung führt.

Lukas Geschwind

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