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Das verzauberte Mädchen im Schneeballstrauch und andere Geschichten

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 112-113, Copyright-Hinweise beachten!)

Die Ukraine wird im Westen von den herrlichen Karpaten begrenzt, von Süden wird sie von den Wellen des Schwarzen Meers umspült. Dichte Wälder schützen sie von Norden und endlose goldene Steppen erstrecken sich nach Osten. Zwischen lieblichen Hügeln und uralten Städten fließt der ukrainische Rhein, der Dnipro. An seinen Ufern webte und wirbelte die ukrainische Geschichte. Hier konnten die Menschen mit Bäumen reden und Naturgewalten zähmen. Hier in Kiew, am Dnipro, den alle als Gott verehrten, wurde das ganze Volk getauft. So begann im Jahre 988 die Christianisierung des Kiewer Ruß.

Bis heute lebt in der Ukraine eine heidnische Verehrung der Erde, des Wassers und der umgebenden Natur. Aber was kennt man im Ausland von der Ukraine? Kaum alle jene geheimnisvollen Märchen und Legenden, kaum alte Fürstengeschichten und wehmutsvolle Lieder. Die Ukrainer glaubten, dass im Schneeballstrauch, der ihnen heilig war, ein verzaubertes Mädchen lebe und die roten bitteren Beeren ihr Blut seien. Man weiß gemeinhin nicht, dass die Ukraine eine eigene Sprache und Literatur hat. Doch was verbindet heute ein moderner Mensch mit der Ukraine? Den Supergau von Tschernobyl, die bisher größte technische Katastrophe der Geschichte, eineinhalb Stunden mit dem Auto von Kiew entfernt.

Der Gründungsimpuls zu einer Waldorfschule in der Ukraine entstand in den Jahren 1991/1992, als eine Reihe von Pädagogen aus Odessa das Studium am Moskauer periodischen Seminar beendete. Unter den Seminaristen aus Odessa befanden sich Narine Maltsewa und Olga Bodelan, die jetzigen Leiterinnen der Schulen "Stupeni" und "ASTR" in Odessa. Neben Lehrern und Dozenten darf die Rolle der Eltern bei der Gründung der Waldorfschulen nicht vergessen werden, die, als es noch keine Alternative zur staatlichen Schule gab, Waldorfunterricht für ihre Kinder wünschten und durchfochten. Der Weg bis zur offiziellen Anerkennung der jungen Schulen war kompliziert. Freie Schulen gab es nicht und die Waldorfpädagogik unterschied sich so fundamental von der üblichen staatlichen Schulform, dass die Registrierung, Lizenzierung und Abstimmung der Lehrpläne erst nach Überwindung einiger Schwierigkeiten durchzusetzen war.

Odessa

Bis zum Jahr 2001 ist es gelungen, die beiden Waldorfschulen "ASTR" und "Stupeni" bis zur 8. Klasse auszubauen. Während die Schülerinnen und Schüler der ASTR-Schule die Klassenstufen neun bis elf in einem Lyzeum absolvieren, das im Zusammenhang mit der Waldorfschule geschaffen wurde, bereitet die Waldorfschule Stupeni den Aufbau der Oberstufe seit 1998 vor. In den Schulen hat man es immer öfter mit so genannten "Problemkindern" zu tun. Schon bei den Erstklässlern kann man Entwicklungsschwierigkeiten bemerken. Deshalb wurden in der Waldorfschule "Stupeni" zwei heilpädagogische Klassen eröffnet. Seit 1993 entstanden in der Ukraine weitere Waldorfinitiativen, die sich in einer Assoziation der ukrainischen Waldorfschulen zusammengeschlossen haben. Im Rahmen der Assoziation können sich Interessierte weiterbilden. Im Jahr 2001 gab es in der Ukraine sechs unterschiedliche Waldorfseminare, und auch ein heilpädagogisches Seminar.

Dnepropetrowsk

1995 wurde die Waldorfschule Dnepropetrowsk gegründet. Durch das Interesse des dortigen Beauftragten für Lehrerbildung wurde außerdem die Gründung eines Waldorflehrerseminars ermöglicht. Die Waldorfschule in Dnepropetrowsk ist eine staatlich finanzierte Schule, die dort als optimale Integrationsform von Waldorfpädagogik in das allgemeine Ausbildungssystem angesehen wird. Die wesentlichen Vorteile sind die Unterstützung durch das Bildungsministerium und im Vergleich zu den privaten Schulen ein symbolisches Schulgeld. Nicht überall hat sich eine entsprechend günstige Beziehung zu den Ministerien entwickelt, weshalb die Vertreter der privaten Schulen der Meinung sind, dass ein wesentlicher Vorteil in der Unabhängigkeit vom Staat liegt. Seit 1996 gibt es in Dnepropetrowsk eine zweite Waldorfschule, die am linken Ufer des Dnipro gelegen, ebenfalls staatliche Unterstützung erhält. Darüber hinaus arbeiten zwei Kindergärten mit vier Gruppen.

Kiew

Nach langer Vorbereitung wurde 1998 die erste Waldorfschule in Kiew gegründet. Inzwischen bestehen auf dem linken Ufer des Dnipro die Schule "Sophia" mit drei Klassen und drei Kindergarten gruppen und auf dem rechten Ufer die Schule "Michail" mit zwei Klassen und zwei Kindergartengruppen.

Charkow

"Die Schule der freien Entwicklung" in Charkow wurde am 1. September 1998 eröffnet, deren Besonderheit in ihrer engen Verbindung zur Wissenschaft und Universitätsausbildung liegt. Es finden gemeinsame Forschungprojekte mit Professoren der Pädagogischen und Psychologischen Fakultät statt, mit der Akademie der Wissenschaften, dem Zentrum für Humanismus und der Ingenieursausbildung. Darüber hinaus führen die Vertreter der Waldorfschule einen aktiven Dialog mit der Öffentlichkeit. Kürzlich erschien eine erste Dissertation zum Thema "Waldorfpädagogik in der Ukraine" von Elena Ionova, die inzwischen die Waldorfschule leitet.

Zwei weitere Waldorfschulen und -kindergärten sind in der Stadt Krivoj Rog innerhalb einer staatlichen Schule und seit 1995 in Gorodenko, in der West-Ukraine gegründet worden; letztere haben jedoch bisher mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Wege zur Anerkennung der Waldorfpädagogik

Nach gemeinsamen Beratungen der Assoziation und des pädagogischen Kollegiums der Waldorfschule hat sich im Jahr 2000 die Schule "Stupeni" an die psychologische Abteilung des Odessaer Instituts für Lehrerfortbildung gewandt und um eine psychologische Untersuchung des Lernerfolgs von Waldorfschülern gebeten. Notwendig war eine solche vergleichende Studie des Entwicklungsniveaus der Schüler an Waldorf- und an staatlichen Schulen, weil sowohl von Seiten der Öffentlichkeit als auch aus professioneller pädagogischer Sicht Unsicherheit gegenüber dem Leistungsniveau an Waldorfschulen herrschte. Die Ergebnisse der Forschungen haben gezeigt, dass das Leistungsniveau der Waldorfschüler demjenigen der Schüler an staatlichen Schulen durchaus entspricht, ja dass das Entwicklungsniveau bei Waldorfschülern weit über dem Durchschnitt lag. Ähnliche Forschungen wurden auch in anderen Städten durchgeführt. Die Forschungen sowie die Daten aus der oben erwähnten Dissertation zeigen, dass Waldorfschüler vor allem hinsichtlich Humanismus, Umgänglichkeit, Fleiß, Wissbegier und Liebe zum Schönen Schülern an staatlichen Schulen weit voraus sind. Infolge dieser Studie ist die Assoziation darum bemüht, die Waldorfpädagogik als Alternativpädagogik in das ukrainische Ausbildungssystem zu integrieren und offiziell zu registrieren.

Schwierigkeiten und Besonderheiten der Waldorfpädagogik in der Ukraine

Eine der Entwicklungsschwierigkeiten der Waldorfpädagogik ist die besondere Mentalität ukrainischer Kinder, die westliche Kollegen oft nicht verstehen oder berücksichtigen, bis sie das Leben der Schulen näher kennen lernen. Die Kinder im Westen leben im "ruhigen" Rhythmus der gestalteten Zivilisation und Kultur. Die ukrainischen Kinder leben dagegen außerhalb eines jeden Rhythmus. Durch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse, die Unsicherheit in Bezug auf den folgenden Tag und die Labilität der öffentlichen Ordnung entstehen Konzentrationsschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten und Disziplinprobleme. In der sowjetischen Ära wurden solche Probleme mit Zwang und Strafen gelöst. Da diese Methoden für die Waldorfpädagogik unannehmbar sind, müssen Lehrerinnen und Lehrer nach alternativen Methoden suchen, die Konzentration und Aufmerksamkeit der Kinder auf den Unterrichtsstoff zu lenken.

Zu fragen ist immer wieder neu: Wie kann man eine Schule schaffen, die nicht vom Leben abgeschnitten ist? Wie kann man "die Oase Waldorfschule" mit der Ausbildung sozial aktiver Persönlichkeiten verbinden? Wie kann man bei den Kindern das Wichtigste, das Interesse am Leben, erwecken?

Die Legalisierung des Lehrplans, die Schaffung des kontinuierlichen Waldorflehrerseminars, die Durchführung und Publikation der Forschungsergebnisse gemeinsam mit wissenschaftlichen Instituten, das alles wird der Etablierung der Waldorfschulen in der Ukraine helfen.

NARINE MALTSEWA

Narine Maltsewa
Klassenlehrerin, Dozentin für Waldorfpädagogik und Vorsitzende der Assoziation für Waldorfpädagogik in der Ukraine.