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Der Schulpfennig soll dem Schüler folgen

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 84-85, Copyright-Hinweise beachten!)

Schweden ist das größte Land Skandinaviens. Obwohl es sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch Neutralität aus der Weltpolitik herauszuhalten versucht, ist es doch aufs Engste mit den übrigen europäischen Ländern verbunden, vor allem mit seinen unmittelbaren Nachbarn Norwegen und Finnland.

Schon relativ früh hat die Waldorfpädagogik in Schweden Fuß gefasst. Nach mehreren pädagogischen Vorträgen und Kursen, die zunächst von englischen, später durch viele Jahre hindurch von erfahrenen deutschen und schweizer Lehrern gehalten wurden, kam es 1949 zur Eröffnung der ersten Klasse der "Kristofferskolan" in Stockholm durch Karin Modin und Emarie Widakowich. Jährlich folgten weitere Klassen. Dieser Gründung war in den 30er-Jahren in Stockholm über acht Jahre der Versuch vorausgegangen, eine Waldorfschule aufzubauen. 1939 musste diese erste Schule schließen, weil das Interesse nicht stark genug war. Die Kristofferskolan führte zunächst ein Leben im Verborgenen; es war mehr oder weniger Zufall, dass man überhaupt die Genehmigung erhielt, eine freie Schule zu eröffnen. Die sozialdemokratische Regierung in Schweden betrachtete sowohl Schule wie auch Kirche als Angelegenheiten des Staates. Noch bis in die Siebzigerjahre berief man sich auf ausgesprochene Ideale der Reformationszeit: "Schweden ist geworden ein Mann und alle haben wir einen Herrn und einen Gott", hieß es 1593.

Einführung der staatlichen Einheitsschule

Im Zuge der Entwicklung des schwedischen Sozialstaates, der ein "Volksheim" schaffen sollte, in dem alle Bürger gleich sind und durch allerlei Beiträge unterstützt werden, wurde 1950 probeweise in einigen Gemeinden die schwedische Einheitsschule und ab 1962 die Grundschule für alle verbindlich eingeführt. Der damalige Kirchen- und Schulminister sprach die Hoffnung aus, dass Schweden durch den neuen Beschluss "ein Volk, eine Jugend und eine Schule erhalten könne".

Aus Mangel an staatlichen Zuschüssen war es damals nur durch den ständigen Opferwillen der Eltern und Lehrer möglich, eine freie Schule am Leben zu erhalten. Schon bald nach 1962 stellte sich heraus, dass die kleine Zahl noch existierender Privatschulen schließen musste. Die Kristofferskolan blieb die einzige freie Schule im Land. Bis 1975 konnten nur zwei weitere Waldorfschulen in Göteborg und Järna gegründet werden. Eine weitere Initiative in Norrköping kämpfte zunächst gegen ein kommunales Verbot, das jedoch gegen das schwedische Bildungsgesetz verstieß und deshalb aufgehoben werden musste. Das war der Durchbruch für eine Gründungswelle. In der sozialdemokratischen Partei und Regierung gab es einen Beschluss, die Vereinheitlichung des Schulwesens nicht so weit zu führen, dass vom Staat unabhängige Schulen verunmöglicht würden, "in welchen die Arbeit in Übereinstimmung mit einer durchdachten und wünschenswerten Erziehungs- und pädagogischen Idee betrieben wird". So wurde es allmählich möglich, dass die Kristofferskolan einen geringen staatlichen Zuschuss erhielt und als Experimentalschule erst geduldet und dann auch gewünscht wurde. Sowohl der Staat wie auch die Stadt Stockholm genehmigten schließlich einen ansehnlichen Betrag für den Bau eines neuen Schulhauses.

Schritt in die Öffentlichkeit

Der neue Schulbau verursachte zunächst Unmut bei den zuständigen staatlichen Instanzen für Schularchitektur. Gerade dies weckte aber Interesse bei anderen freien Architekten und Pädagogen. Im Kunstleben des Landes war es unmöglich, eine Art von Einheitskultur einzuführen. So wurde der Schulbau und der damit sichtbare neue künstlerische Impuls, vertreten durch Arne Klingborg, Erik Asmussen und Fritz Fuchs, plötzlich für die Öffentlichkeit interessant. Es zeigte sich dann in der Folge, dass Waldorfpädagogik in ihrer Absicht eine Erziehungskunst zu entwickeln und in ihrer grundsätzlichen Hochschätzung künstlerischer Tätigkeit in breiten Schichten der Bevölkerung Gehör fand. Bis heute ist es besonders dieser Impuls, der von vielen aufgefasst und verstanden wird, auch wenn pädagogische Experten sich nicht selten abweisend oder jedenfalls skeptisch gegenüber den anthroposophischen und menschenkundlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik verhalten.

Widerstände führen zum Durchbruch

Vom Reichstag kam 1976 der Beschluss, die Waldorfpädagogik gründlich zu prüfen und auszuwerten, infolgedessen eine Forschergruppe der Universität Uppsåla drei Monate lang den Unterricht in vielen Klassen beobachtete und nicht zuletzt die Arbeit in der Oberstufe beurteilte. Der Eindruck war überwiegend positiv; die Leistungsresultate wurden als denen der staatlichen Schulen gleichwertig beurteilt. Seit dieser Zeit ist es möglich, dass Waldorfschüler aufgrund ihres Abgangszeugnisses der 12. Klasse ohne Abitur eine allgemeine Zugangsberechtigung für die Universität erhalten. Spezielle Kompetenzen, die für bestimmte weiterführende Ausbildungen nötig sind, können sich die Schülerinnen und Schüler durch ein Kursangebot an den Hochschulen erwerben.

Nach dem Regierungswechsel 1976 wurde ein Komitee zur Frage der Finanzierung unabhängiger Schulen ernannt. Frans Carlgren, damals Lehrer der Kristofferskolan, wurde Mitglied dieses Komitees. Er erreichte in enger Zusammenarbeit mit den übrigen Waldorfschulen, deren Zahl inzwischen zugenommen hatte, eine erste Lösung. Nun war der Terminus "Freie Schulen" öffentlich anerkannt, doch zeigte sich die neue sozialdemokratische Regierung unwillig, die Reichstagsbeschlüsse wirklich durchzuführen. Erst nach kräftiger Intervention mehrerer führender Presseorgane und schließlich Olof Palmes 1 engagierter Stellungnahme kam es zu einer Wende. Die vom Staat zur Verfügung gestellten Mittel reichten dennoch nicht aus, um die Waldorfschulen finanziell gleichwertig zu versorgen. In einem öffentlichen Protest legte 1991 das Kollegium der Schule in Norrköping die Arbeit nieder. Eltern sorgten unterdessen für die tägliche pädagogische Betreuung der Kinder. Dies weckte erneut großes Aufsehen und im Zuge der daraufhin stattfindenden öffentlichen Debatte wurden die Beiträge für freie Schulen erheblich erhöht, unter Beibehaltung von Selbstverwaltung und freier Lehrplangestaltung für die Waldorfschulen.

Verwirklichung freier Schulwahl

Erneute Vorstöße der Waldorfschulen führten 1998 zu einem Parlamentsbeschluss, alle Schülerinnen und Schüler, gleichgültig ob in kommunalen oder freien Schulen, gleich zu behandeln. Alle Schüler erhalten die gleiche Unterstützung durch Steuermittel nach dem Motto: "Der Schulpfennig folgt dem Schüler". Damit war freie Schulwahl endlich ermöglicht und seitdem wächst die Anzahl freier Schulen beträchtlich. Auch die Waldorfschulbewegung ist im Wachstum begriffen. Der Kontakt zwischen den Waldorfschulen und der Schulbehörde wird seit 1989 von der neu gegründeten Waldorfschulföderation gepflegt, in der im Jahr 2000 dreiunddreißig von insgesamt einundvierzig Schulen zusammengeschlossen waren.

WALTER LIEBENDÖRFER

1 Olof Palme, geb. 1926, langjähriger Premierminister Schwedens, wurde 1986 ermordet.

Zur Heilpädagogik

Als erstes heilpädagogisches Institut in Schweden ist 1935 Mikaelgården gegründet worden. Für die älter werdenden Jugendlichen entstand 1942 das heilpädagogische Heim "Saltå", dem eine biologisch-dynamische Landwirtschaft und mehrere Werkstätten angegliedert sind, 1945 und 1953 folgten die Gründungen von "Solberga" und "Mora Park". Alle diese Heime liegen in Järna. Erst in den 50er-Jahren sind heilpädagogische Heime auf anthroposophischer Grundlage auch außerhalb Järnas gegründet worden. Im Jahr 2001 gab es 42 heilpädagogische und sozialtherapeutische Einrichtungen in ganz Schweden, mit einer Konzentration auf den Raum Järna. Seit den 60er-Jahren gibt es eine heilpädagogische und eine sozialpädagogische Ausbildung, inzwischen ein vierjähriger Kurs. In der schwedischen Öffentlichkeit hat neben der Waldorfpädagogik ganz besonders die erfolgreiche anthroposophische Arbeit mit behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Beachtung gefunden. Die schwedischen Politiker und Behörden billigen Menschen mit Behinderungen einen gemessen an anderen europäischen Ländern vergleichsweise hohen Lebensstandard zu und sind bereit, ihn zu finanzieren. Diese finanzielle Unterstützung wird allerdings mit entsprechenden Forderungen begleitet. Während in den 50er-Jahren heilpädagogische Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage "zu klein" waren und von staatlicher Seite als Ersatz für große Heime betrachtet wurden, hieß es Ende der 70er-Jahre, sie seien "zu groß". Dank der geschickten Initiativen von Eltern ist es in beiden Fällen gelungen, die Einrichtungen aufrecht zu erhalten. Letztlich überzeugte die Einstellung der Heilpädagogen, sich den Menschen mit Behinderungen zur Verfügung zu stellen, sich politisch nicht festzulegen und keine finanziellen Gewinne erzielen zu wollen.

WOLF PIETSCH

Wolf Pietsch
Waldorflehrer, Heilpädagoge. Sekretär der schwedischen heilpädagogischen Bewegung. Vorsitzender der Schwedischen EKO-Bank.

Walter Liebendörfer
Aufbau der Oberstufe der Kristofferschule in Schweden. 1976 bis 2000 Dozent am Rudolf-Steiner-Seminar in Järna.