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Vom Jahrhundertschicksal gezeichnet

(aus: Waldorfpädagogik weltweit, S. 96-97, Copyright-Hinweise beachten!)

Von den frühen Anfängen der Waldorfpädagogik in Polen ist heute leider sehr wenig bekannt. Die polnische Malerin, Jadwiga Siedlecka (1874-1950), die vor 1920 an dem von Rudolf Steiner entworfenen Bau des ersten Goetheanum in Dornach mitgearbeitet hatte, gründete nach ihrer Rückkehr nach Polen etwa 1924 den ersten Waldorfkindergarten in der Wohnung einer befreundeten Familie.

Ein zweiter Versuch wurde etwa zehn Jahre später ebenfalls in Warschau unternommen. Diesmal gründeten zwei Freundinnen aus Bielsko-Biala einen Kindergarten, der aber schon nach zwei Jahren aus finanziellen Gründen wieder schließen musste. Interessant sind dabei die weiteren Lebenswege der beiden Gründerinnen aus Bielsko-Biala. Halina Wajdzik Keiser (1907-1982) übersiedelte während des Krieges in die Schweiz und war dort als Heileurythmistin tätig. Anna Polanska (1907-1994) kehrte von Warschau nach Bielsko-Biala zurück, wo sie in einem kleinen anthroposophischen Kreis tätig war. Aus ihrer Arbeit entwickelte sich später in den 80er-Jahren der Waldorf- und heilpädagogische Impuls in Bielsko-Biala.

Waldorfpädagogik bis zur politischen Wende 1989…

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in Warschau, Krakau und Bielsko-Biala Lesezirkel, die sich konspirativ trafen und Werke von Rudolf Steiner häufig in handschriftlichen oder später mit einer alten Schreibmaschine vervielfältigten Übersetzungen studierten. Die Zeit war nicht günstig für die gegenseitige Kontaktaufnahme, und so wussten die einzelnen Menschen und Gruppen oft nichts voneinander. Erst Mitte der 80er-Jahre wurde es möglich, sich öffentlich zu treffen, ins Ausland zu reisen und Besuch aus dem Westen zu empfangen. Heute ist es schwer, eindeutig zu sagen, wer in Polen in dieser Zeit als Erster den Impuls zur Waldorfpädagogik gegeben hat. Sehr viele Freunde aus dem Westen brachten ihn damals nach Polen. In Olsztyn, Gdynia, Warschau, Krakau und Bielsko-Biala gab es seit 1985/86 öffentliche Studienkreise zur Waldorfpädagogik; und die ersten jungen Polen gingen zum Studium der Waldorfpädagogik an ausländische Ausbildungsstätten. Zu den damaligen Initiativen gehörten öffentliche Seminare in einem Kulturhaus in Warschau, die Jerzy Prokopiuk organisierte und die später von Ewa Lyczewska und Adam Winiarczyk weitergeführt wurden. In Warschau war Prof. Maria Ziemska aktiv, in Olsztyn entstand ein reger Austausch mit holländischen Pädagogen.

… und nach der politischen und kulturellen Wende 1990

Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es nach der politischen und kulturellen Wende in Polen möglich, nicht-staatliche Vereine und Stiftungen registrieren zu lassen. Gleich 1989 nützte man die Gelegenheit zur Gründung von Schulvereinen in Bielsko-Biala, Krakau und Olsztyn. Im Jahr 1992 entstand auf Initiative von Maria Ziemska die erste Waldorfschule in Warschau, 1994 folgte die Eröffnung der Waldorfschule Olsztyn und 1995 die der Waldorfschule in Bielsko-Biala.

Zu den wichtigsten Ereignissen in der Entwicklung der Waldorfpädagogik in Polen gehört die Einrichtung eines Studienganges zur Waldorfpädagogik an der Universität in Warschau. Sie entstand aus der Initiative von Prof. Maria Ziemska und Joop van den Heuvel, Holland, in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart, Deutschland. Für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen entstand hier die Möglichkeit einer dreijährigen Ausbildung im Rahmen eines ergänzenden Pädagogikstudiums. Im Jahr 2000 begann der dritte dreijährige Kurs an der Universität in Warschau. Bisher haben 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Kurse erfolgreich absolviert. Weitere Ausbildungskurse finden in Krakau und Poznan statt.

Wichtig für die Entwicklung der Waldorfpädagogik in Polen war außerdem die Gründung und Registrierung des "Bundes zur Förderung der Waldorfpädagogik in Polen" (Ogólnopolski Zwiazek Stowarzyszenie Wspierajacych Pedagogike Waldorfska) 1995. Er ist aus regelmäßigen Treffen der Vertreter der waldorfpädagogischen Initiativen Polens hervorgegangen. Unabhängig von dieser Tätigkeit entstand auch ein Zusammenschluss der Waldorfkindergärtnerinnen, der von Brigitte Goldmann aus Wien begleitet wird.

Genehmigung für die Grundschule

Das polnische Bildungsministerium hat den Waldorflehrplan als Grundlage für ein alternatives Schulmodell genehmigt und den Lehrerkollegien die Bewilligung zur Leitung von Grundschulen erteilt. Durch die Bildungsreform des polnischen Schulwesens wurde aber die Grundschulzeit verkürzt, sodass die Klassenlehrer an Waldorfschulen in Polen nur bis zur 6. Klasse unterrichten dürfen. Für die Klassen 7 bis 9 des Gymnasiums muss noch eine Anerkennung als eigene Schule erwirkt werden. Zur Erlangung der Hochschulreife müssen Schülerinnen und Schüler in Polen nach vorheriger Aufnahmeprüfung ein staatliches Lyzeum (Klassen 10 bis 12) besuchen.

In Polen entwickelte sich die Waldorfpädagogik langsam und mühsam. Seit Beginn ihres Bestehens sind die Waldorfschulen vom Staat unabhängig und verdanken ihr Wachstum der Unterstützung aktiver Eltern, privater Spender sowie Vereinen und Stiftungen. Sie werden sowohl von bestimmten Wissenschaftlern als auch von der Katholischen Kirche angegriffen, wodurch das Bild der Waldorfschule in der Öffentlichkeit gefärbt wurde.

Im Gegensatz zur Kritik wissenschaftlicher und kirchlicher Kreise steht die positive Meinung derjenigen Eltern, die ihre Kinder auf die Waldorfschule schicken und gute Erfahrungen damit gemacht haben.

Eine Mutter der Warschauer Waldorfschule schreibt:
"Seit meine Tochter Agata die 2. Klasse der Warschauer Waldorfschule besucht, bemerke ich große Veränderungen an ihr. Während der 1. Klasse ging sie auf eine Staatsschule. Dort lernte sie lesen, schreiben und rechnen, was ja kein Fehler ist, aber es gab beispielsweise fast keine Musik. Ich habe immer davon geträumt, dass meine Tochter singen, malen und zeichnen lernt. Das Schuljahr in der Waldorfschule nähert sich jetzt seinem Ende und ich beobachte mit großer Freude, wie meine Tochter nach Hause kommt, Flöte spielt, malt, zeichnet, singt oder Puppentheater spielt. Das finde ich wunderbar."

Die Waldorfpädagogen in Polen stehen für die Zukunft vor folgenden Aufgaben: Zunächst muss die Waldorfpädagogik von der Grundschule zur Gymnasialstufe und zum Lyzeum erweitert werden. Wie weit dabei Kompromisse mit dem staatlichen Lehrplan eingegangen werden müssen, ist noch offen. Parallel dazu ist es entscheidend für die Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik, dass genügend Lehrerinnen und Lehrer für alle Klassenstufen ausgebildet werden. Darüber hinaus müssen die Vorbehalte gegenüber der Waldorfpädagogik, die an den Pädagogischen Hochschulen bereits überwunden wurden, auch in weiteren Kreisen der Gesellschaft überwunden werden. Durch die gemeinsamen, langjährigen Bemühungen der Kollegen in Polen ist es bereits gelungen, Waldorfpädagogik als festen Bestandteil im polnischen Bildungswesen zu etablieren.

MARIA SWIERCZEK

Maria Swierczek
Organisation und Geschäftsführung für verschiedene Waldorfpädagogische Institutionen. Klassenlehrerin.